Monthly Archives: September 2017

Der Balkan aus der Sicht eines Neapolitaners

Der Balkan aus der Sicht eines Neapolitaners

Über eine zehnjährige Erfahrung in Slowenien, Kroatien und Rumänien zu berichten, ist nicht leicht.

Ich kann sagen, dass ich mich gleich wohlgefühlt habe. Allerdings war die Begegnung mit Slowenien anfänglich recht anspruchsvoll, so verschieden ist dieses Volks von meinem eigenen. Ich kannte die Sprache nicht, das Klima war sehr kalt, typisch war der allgegenwärtige Geruch von Kohle, die in den Öfen der Häuser brannte. Aufgefallen ist mir sofort der Sinn für Ordnung und Disziplin. Ich erinnere mich, dass ich eines Abends mit einem Freund der Kommunität vor einem Kiosk wartete, um Obst zu kaufen. Er hatte sich in die Reihe gestellt, während ich etwas beiseite stand. Auf einmal bemerkte ich, dass sich auch hinter mir eine Reihe gebildet hatte. Bald nahm ich wahr, dass sich solche Reihen selbst beim Einsteigen in die Autobusse bildeten. Das hat mich äusserst positiv beeindruckt.

Fünf Monate später zog ich nach Kroatien. Ein neues Freiheitsgefühl: Ich war unterdessen an der Universität eingeschrieben, um die Sprache zu lernen, konnte Menschen begegnen, mich frei in der Stadt bewegen und vieles mehr, was ich vorher noch nicht konnte. In den Kroaten ist mir ein Volk begegnet, das meinem sehr ähnlich ist: heiter, herzlich, gastfreundlich und es liebt das gute Essen.

Der Mauerfall

Dies war ein unvergessliches Ereignis, das ich Augenblick für Augenblick mit Freunden und vielen anderen vor dem Fernseher miterlebt habe: Wir waren Zeugen einer Welt, die sich veränderte.

Der Krieg

Der Balkankrieg war wohl eine der stärksten Erfahrungen: Ein etwas sonderbares Gefühl, denn in Zagreb, wo ich damals wohnte, waren wir nicht direkt in den Konflikt involviert. Nur in den ersten Tagen habe ich Angstmomente durchlebt, aufgrund der Heckenschützen die wahllos, von allen Seiten, auf Passanten schossen. Dennoch, was mir aus jenen Kriegsjahren am meisten geblieben ist, ist nicht die Zerstörung von Städten und Dörfern, sondern die Solidarität, die  zwischen den Menschen entstand. Die Ankunft von Lastwägen voller Nahrungsmittel, Kleider und anderem zu erleben, war schon sehr bewegend. Ich selber hatte in Neapel die Wohnung meiner verstorbenen Eltern geräumt und mit Hilfe einer Gruppe Jugendlicher den gesamten Hausrat nach Kroatien gebracht.

Gerne erinnere ich mich auch daran, dass es uns 1993 mitten im Krieg gelang, ein Festival mit etwa 3000 Jugendlichen zu organisieren: Katholiken, Orthodoxe, Muslime aus ganz Jugoslawien, Rumänien, Bulgarien und Moldawien. Besonders ergreifend war der Gesang einer Chorgruppe junger Muslime! Die Veranstaltung wurde von Radio und Fernsehen übertragen; am darauffolgenden Tag war die Nachricht auf der Titelseite aller Zeitungen in der Hauptstadt zu sehen.

Dakien (Rumänien)

In diesem Land habe ich erfahren, was es heisst, aus der Situation eines Quasi-Wohlstands in die Verelendung zu geraten. Dem Kommunismus – so der Eindruck – war es gelungen, die ganze kulturelle, gesellschaftliche und volkstümliche Geschichte dieses Landes zu zerstören. Für mich war es ein Schock! Ein junger Mann, den ich vom Sehen her kannte, hatte mich um Geld gebeten, aber ich konnte ihm nicht helfen, da ich die gewünschte Summe nicht bei mir hatte. Im Nachhinein habe ich mich gefragt: Warum ist er gerade zu mir gekommen?  Meine Antwort: Weil er wusste, dass ich Italiener bin und sich vorstellen konnte, dass ich immer wieder dahin zurückkehren konnte, wo ich hergekommen war. Wahre Armut ist wohl das Gefühlt wirklich nichts zu haben: weder einen Platz noch jemanden, von dem man Hilfe erwarten könnte.

Aber auch in Rumänien habe die Erfahrung tiefer Gemeinschaft gemacht, bin Schwestern und Brüdern begegnet, die sich nach dem sehnten, was ihrem Leben endlich einen Sinn geben könnte: die Liebe! Mit vielen von ihnen, wie auch mit vielen in Slowenien und Kroatien, stehe ich bis heute in einer geschwisterliche Beziehung.

Gennaro Lamagna

 

Immer weiter gen Osten

Immer weiter gen Osten

Rossiya mon Amour

Moskau im Winter 1991. Es ist früher Nachmittag, als mein Flugzeug an jenem 12. Dezember auf dem nur spärlich beleuchteten Flughafen Sheremetevo landet.

Ich habe Arbeit an der bekannten Lomonossow-Universität gefunden und ziehe mit all meinem Hab und Gut nach Russland um. Draußen ist es bereits stockdunkel, und irgendwie habe ich den Eindruck, dass hier die Welt nun endgültig zu Ende ist. Dann die Durchsagen: Anschlussflüge nach Novosibirsk und Krasnojarsk…. Da ahne ich: offensichtlich geht es hier erst richtig los.

Der Zauber des Beginns

Ich wohne in einer kleinen ökumenisch ausgerichteten Gemeinschaft in der Volocaevskaja-Strasse, in einem wie mir scheint finsteren Arbeiterviertel. „Keine Angst! Hier beschützt uns das Proletariat“, erklärt man mir auf meine Frage, warum wir nicht lieber – wie andere Ausländer – auf das komfortable Botschaftsgelände umsiedeln.

Der Kontakt mit unseren Nachbarn ist spontan: die alten Frauen im Hof, die genau wissen, wer wann wohin geht. Die kleinen Kinder, die mich im schmutzigen, muffig riechenden Treppenaufgang mit ihrer Spontanität die trostlose Umgebung vergessen lassen. Hier kommen auch unsere neuen Freunde gern zu Besuch, Kollegen und Studenten, Alte und Junge. Es stört sie nicht, dass in unserer möblierten Wohnung das Sofa von Mäusen angeknabbert wird, und dass das Wasserrohr im Flur leckt. Der Beginn unserer tiefen Freundschaft taucht alles in ein helles Licht und lässt Äußerlichkeiten  zunächst vergessen.

Die „geistlichen Kinder“ Alexander Mens

Zu Beginn der 1990er Jahre geht die gesamtwirtschaftliche Produktion in Russland noch weiter rapide zurück. Die Geschäfte sind leer, es fehlt an allem. Das religiöse Leben scheint längst erloschen. Hinter Kirchenmauern befinden sich eine Wodkafabrik, Büroräume, eine Druckerei…

Wir lernen den russisch-orthodoxen Priester Alexander Men kennen. Seit den 1960er Jahren tauft er im Untergrund Tausende von Menschen und zeigt eine für die Zeit nicht ungefährliche ökumenische Offenheit. Um ihn entsteht eine lebendige Gemeinde aufgeschlossener russisch-orthodoxer Christen. Als P. Alexander hinterrücks ermordet wird, lässt er seine „geistlichen Kinder“ als traumatisierte Waisen zurück.

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“ (Mt 18,20)

Bald schließen sich viele von ihnen uns an. Wir beginnen, gemeinsam das Wort aus der Schrift zu leben, z.B. „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich unter ihnen“ (Mt 18,20). Wie sie selbst sagen, finden sie unter uns eine neue Heimat. „Ihr betreibt keinen „Proselytismus“, sondern helft uns, zu einem „Ferment“ einer sich erneuernden russisch-orthodoxen Kirche zu werden.“ Nach Jahrzehnten geistlicher Dürre erleben wir mit ihnen und vielen anderen einen neuen Frühling. Ich bin so glücklich wie nie zuvor. Der Durst nach einem gemeinschaftlichen geistlichen Leben führt uns, die wir so verschieden von Kultur, Erziehung und Mentalität sind, zusammen.

Meine Entdeckung

Mit Perestroika und Glasnost‘ kommen in den 1990er Jahren vermehrt Organisationen, Sekten, aber auch Hilfswerke der Kirchen (wie Renovabis, Kirche in Not, Bonifatiuswerk) und religiöse Bewegungen (z.B. Comunione e Liberazione, Neokatumenale, Fokolar, Comunità di S. Egidio) in die Länder hinter dem „Eisernen Vorhang“. Einige sind geblieben, viele sind wieder gegangen.

Meine persönliche Erfahrung als Westdeutsche nach fast zwei Jahrzehnten in Russland? Ich habe von diesem Land unendlich mehr empfangen als ich je werde geben können, u.a. die innere Sammlung während der reichen russisch-orthodoxen Liturgie, in der meine Beziehung zu Gott tiefer wurde, die festen Freundschaften, die auch auf Entfernung halten und die mir zeigen, dass ich geliebt werde. Ich habe ganz neu meine Berufung als Christin und als Frau entdeckt: berufen, um zu lieben. Wir haben in jenen Jahren, so denke ich, auf unsere Art die Apostelgeschichte neu geschrieben. Das „Seht, wie sie einander lieben und alles gemeinsam haben“ (vgl. Apg 4, 32) hat uns geprägt. Und so gesehen, das verstehe ich ganz neu, geht die Frohe Botschaft tatsächlich noch viel weiter… weit hinaus über Novosibirsk und Krasnojarsk.

Beatriz Lauenroth 

Herzlich Willkommen in Wien!

Herzlich Willkommen in Wien!

WILLKOMMEN, BENVENUTI, WELCOME, VITAJTE, BIENVENUE…

Der Trägerkreis von „Miteinander für Europa“ trifft sich kommenden November in Wien

Ein großes „Miteinander“ soll das Treffen werden – ein tiefes Miteinander, ein sichtbares Miteinander, ein einladendes Miteinander und ein fröhliches europäisches Miteinander.

Da haben wir im Wiener Koordinationsteam viel gegrübelt – nach Rücksprache mit dem Leitungskomitee organisieren wir jetzt den Start am 9. November mit einem ökumenischen Gebet im Stephansdom – mitten in Wien – im Blickpunkt der Öffentlichkeit – mit prominenter Beteiligung. Der Erzbischof von Wien, Kardinal Schönborn hat seine Teilnahme beim Gebet zugesagt, der Bürgermeister von Wien lädt im Anschluss zu einer Agape ein.

9. November Stephansdom – Du kommst doch!“ – jeder, der uns über den Weg läuft bekommt das sehr eindringlich zu hören.

Ob der Stephansdom voll wird? „Die Partitur wird im Himmel geschrieben“ sagt Chiara Lubich – darauf verlassen wir uns jetzt.

das Koordinierungsteam von MfE Wien


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