Monthly Archives: April 2018

Junge Menschen lieben das Konkrete

Junge Menschen lieben das Konkrete

Hat Europa eine Zukunft? Welchen Beitrag seht ihr etwa von Seiten der Kirchen und der christlichen Bewegungen und Gemeinschaften?

Sicher hat Europa eine Zukunft! Und darin spielen die Gemeinschaften und die Kirchen einzeln und gemeinsam eine wichtige Rolle, indem sie die Zivilgesellschaft stärken. Diese wird die künftigen führenden Politiker hervorbringen und in der Zwischenzeit stärkt und fördert sie das bürgerliche Engagement. „Der grösste Schaden wird von jenen Millionen von Menschen verursacht, die einfach ‚überleben‘ wollen.“  Deshalb sind die Gemeinschaften von Bedeutung, denn sie leben und entwickeln ihre je eigenen Gaben (wie etwa Ordnung, Freiheit, Gehorsam, Verantwortung, Gleichheit, Hierarchie, Achtung, Berichtigung, Privateigentum, Kollektiveigentum, Wahrheit usw.) und machen darauf aufmerksam.

Am 9. Mai feiern wir den „Europatag“. Was löst dieses Datum in euch aus? Wie würdet ihr euch wünschen, dass die Europäer diesen Tag feiern?

Die Wahl des Datums wie auch die Initiative selbst ist gut und notwendig. Die Frage stellt sich über das „Wie“. Man müsste einen Europatag konzipieren in dem – neben den interdisziplinären Konferenzen der verschiedenen wissenschaftlichen Bereiche – auch die ganze Gesellschaft einbezogen werden könnte. Keine offiziellen Festivitäten, sondern beispielsweise „Massenkundgebungen“, ähnlich dem Projekt mit den Kulturhauptstädten. Die Erfahrung zeigt, dass es immer die Politik ist, die offizielle Feierlichkeiten organisiert. Aber diese Nutzung zu eigenen Zwecken hält  die Menschen von solchen offiziellen Anlässen fern.

Wenn du Präsident/in der Europäischen Kommission wärst (d.h. wenn du eine verantwortliche Funktion mit Entscheidungsbefugnissen innehättest), welche Prioritäten, um die Gemeinschaft unter den europäischen Völker zu erhalten und zu fördern, stünden in der Agenda?

Keine Uniformität anstreben, sondern vielmehr auf der Grundlage der gegenseitigen Anerkennung der Identität und der Solidarität die Integration fördern, stärken und beschleunigen. Es liegt auf der Hand, dass dieses schwache föderative System nicht funktioniert. Ein Beispiel sind die USA, wo man vergeblich eine gemeinsame Sprache spricht und man freiere Foren durch zentralistische verdrängt hat. Internationale Projekte wie etwa ERASMUS weiterführen und auf Forscher und Dozenten an Universitäten erweitern, aber mit der Zeit auch auf Erzieher und Lehrer der unteren Stufen. Unabhängig von der Studienrichtung müsste für alle Studierenden ein obligatorischer Semesteraufenthalt im Ausland eingeführt werden. Interuniversitäre Kurse zwischen benachbarten Ländern müssten regelmässig stattfinden (z.B. in Form von Sommer-Universitäten).

Wie seht ihr Europa im Kontext der aktuellen Weltpolitik?

Europa steht vor zwei wesentliche Herausforderungen. 1. Die Frage der Einheit: Wenn es Europa nicht gelingt die Einheit zu festigen und ihr Ausdruck zu verleihen, wird es an Gewicht einbüssen (siehe 2. Herausforderung). 2. Die Korruption: Jeder auch noch so kleine wirtschaftliche, moralische oder sexuelle Missbrauch kann der internationalen Gemeinschaft grossen Schaden zufügen, unabhängig davon, ob von einer öffentlichen oder privaten Instanz verübt. Dies kann nur und vor allem durch eine beständige und gemeinsame Gewissensprüfung (Reflexion) verhindert werden.

Es scheint, dass junge Menschen sich wenig Gedanken über die Zukunft Europas machen. Ist das so?

Junge Menschen lieben das Konkrete. Nicht-Greifbares interessiert sie nicht. Man müsste z.B. die Anzahl der Studenten im ERASMUS-Programm erhöhen und mehr in Auslandstudienprogramme investieren, damit sich die Jugend besser kennenlernen kann. Zudem bräuchte es konkrete europäische Ziele, an die sie glauben und wofür sie sich begeistern könnten.

Wie denkt ihr über die populistischen Tendenzen? Könnte es in einem MITEINANDER nicht besser gehen? Aber wie?

Erstens sind sie die Konsequenz der letzten Wirtschaftskrise; zweitens auch der verschiedenen bewaffneten Konflikte und Auseinandersetzungen (beispielsweise durch fremde Einmischungen); drittens sind sie durch den Nationalismus verursacht, der eine Frucht der oben erwähnten Realität ist; eines Nationalismus der nicht durch die Europäische Union repräsentiert ist, aber von den Populisten benutzt wird. Zudem haben die Wähler keinen Bezug zu den europäischen Politikern, sondern sehen und kennen nur die Politiker des eigenen Landes. Diese sind direkt verantwortlich dafür, wie die ursprünglichen Berichte von Bruxelles dem eigenen Land vermittelt werden; die Bevölkerung glaubt dann ihnen.

Auf jeden Fall müssen wir lernen miteinander vorwärts zu gehen. Wie? Siehe dazu die obigen Antworten. Der erste Schritt könnte der Wunsch sein, persönlich zu handeln und dann auch gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, aus der Erkenntnis der Effizienz und der Rolle des Miteinanders heraus.

Zsófia Bárány, PhD, und Szabolcs Somorjai, PhD, Ungarn, Universitätsassistenten im Bereich Gesellschaft, Wirtschaft in der Neuzeit, Politik und Kirchengeschichte.

 

 

 

 

 

 

Diskussion – Dialog

Diskussion – Dialog

 

DISKUSSION

 

DIALOG

Den anderen von der eigen Sichtweise überzeugen Gemeinsam erforschen und erlernen
Die Zustimmung des anderen erhalten Ideen, Erfahrungen und Gefühle teilen
Das Beste aussortieren Die verschiedenen Sichtweisen integrieren
Rechtfertigen, die eigenen Beweggründe verteidigen Die Aussagen der Parteien bis auf den Grund verstehen
Die Beweggründe des anderen widerlegen, Verteidigung des eigenen Standpunktes (Werte, Interessen) Den anderen annehmen und verstehen
Individuelle Leadership Gemeinsame Leadership
Zerteilte Vision Umfassende Vision, eine Synergie unterschiedlicher Auffassungen
Hierarchische und Wettbewerbs-Kultur, Abhängigkeit Konkurrenz, Ausgrenzung Kultur der Zusammenarbeit, Partnership und Einbeziehung
Sieg  / Niederlage Verdienst aller Teilnehmer

 

vgl. Pal Toth in Nuova Umanità, XXXVII (2015/3) 219, S. 320  

Illustration: Walter Kostner ©

Europa – ein „revolutionäres Projekt“

Europa – ein „revolutionäres Projekt“

Ein kurzer Beitrag aus der geschichtlichen Perspektive zu den religiösen Wurzeln Europas und dessen Schwierigkeiten

„Nicht nur Bücher, auch Begriffe haben ihre Schicksale.“ Mit diesen Worten beginnt die umfängliche Geschichte des Westens, die der Historiker Heinrich August Winkler im Jahr 2009 publiziert hat. Auch wenn Winker hier die Spezifika des „Westens“ entfaltet, gibt er doch gleichzeitig auch Elemente vor, die dem Nachdenken über Europa dienen, denn: Dass sich Begriffe und Bedeutungen verschieben, kann tröstlich, bedrohlich oder sogar ein Signum der Hoffnung sein; so auch und gerade in Europa. Es lohnt sich also ein intensiver Blick auf seine Gedanken.

So ergeben sich grundsätzliche Beobachtungen auch zu Europa, in denen Winkler zu folgen ist: Erstens ist demnach die stärkste gemeinsame Prägung Europas immer noch religiöser Natur. Dieser Befund mag überraschen angesichts laizistischer und säkularer Entwicklungen, aber Säkularisierung in diesem Umfang kann nur als Reaktion auf eine wirkmächtige religiöse Prägung verstanden werden, in die bereits seit ihren Anfängen die Unterscheidung nach göttlicher und weltlicher Ordnung eingeschrieben war. Dieses historische Fundament bildet die Wurzeln Europas, auch wenn die europäische Religionsgeschichte deshalb auch und gerade eine Trennungsgeschichte ist.

Zweitens ist Europa nie einen linearen Weg des Fortschritts gegangen. Europa ist keine kontinuierliche Erfolgsgeschichte, sondern eine Geschichte der Brüche, der Zerstörung, der Neuanfänge und des immer wiederkehrenden Traumes einer gemeinsamen Wertegemeinschaft. Zudem ist diese Gemeinschaft erst in „transatlantischer Zusammenarbeit“ entstanden, wie Winkler es nennt, denn: ohne Declaration of Rights von 1776 keine Erklärung von Menschen- und Bürgerrechten. Die Perspektive ist also breit.

Doch drittens gehört zu Europa ebenso der „Widerspruch zwischen dem normativen Projekt und der politischen Praxis“ (Winkler, 21) und damit die Ungleichzeitigkeit in der Verwirklichung seines revolutionären Projekts: die Freiheit und Gleichheit aller Menschen. Auch heute ist dies in letzter Instanz immer noch ein Ideal.

Was also ist die Konsequenz? Die Konsequenz ist, entweder das revolutionäre Projekt von Freiheit und Gleichheit aufzugeben – oder sich noch intensiver an dessen Grundlinien zu halten. In der Spur von Winkler kann Europa demnach „für die Verbreitung seiner Werte nichts Besseres tun, als sich selbst an sie zu halten und selbstkritisch mit seiner Geschichte umzugehen, die auf weite Strecken eine Geschichte von Verstößen gegen die eigenen Ideale war“ (Winkler, 24) und auch immer noch ist. Das heißt auch: ad fontes! Wo sind die Wurzeln dieses Traumes, dieses revolutionären Projektes – und wie kann daraus heute gelebt werden? Und: Kann es sein, dass geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen hier eine besondere Aufgabe zukommt?

Sr. Nicole Grochowina

 

Dialog unter verschiedenartigen Menschen

Dialog unter verschiedenartigen Menschen

Hier ein Impuls, eine Bereicherung für diejenigen von uns, die am 9. Mai, „Fest des Miteinander für Europa„, einen runden Tisch eröffnen möchten, um unter verschiedenartigen Menschen – aus Ost und West, Süd und Nord, Mitgliedern verschiedener Kirchen, Gläubigen oder nicht, Einheimischen oder Flüchtlingen – einen Dialog zu führen…

Die unterschiedliche Zusammensetzung Europas

Um die Situation Europas gut einordnen zu können, müssen wir uns der geopolitischen und kulturellen Wirklichkeit bewusst werden.

Das westliche Europa ist in erster Linie ein sozio-politischer Begriff und identifiziert sich hauptsächlich mit den europäischen Ländern der sogenannten „Ersten Welt“, Ergebnis einer jahrhundertelangen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung, die sich von der osteuropäischen deutlich unterscheidet. Der Begriff Westeuropa wird heute allgemein verbunden mit der liberalen Demokratie, dem Kapitalismus und auch mit der EU, obwohl durch die Erweiterung inzwischen auch östliche Staaten hinzugekommen sind. Die meisten Staaten dieser Region haben die westliche Kultur gemeinsam, obwohl es scheint, dass sie sich heute in einer Krise befindet. Und man bemerkt Verschiedenheiten und Spannungen auch im Innern des Westens, z. B. zwischen Nord und Süd. Oder denken wir an die Kirche Englands, die sich sicher nach der Brexit nicht von Europa abwenden wird, sondern seine ökumenische Beziehungen verstärken möchte.

Dagegen ist Osteuropa eher ein geografischer Begriff, ein Territorium, das durch andere Traditionen und Probleme gekennzeichnet ist. In großen Linien kann man sie in drei kulturelle Gebiete aufteilen: Mitteleuropa, der Balkan und die Länder der ehemaligen Sowjetunion; auf religiöser Ebene kann man die katholisch-protestantische und die orthodoxe Welt unterscheiden, welche auch Denkarten und Verhaltensweisen beeinflussen. Der gemeinsame Nenner der Ostländer findet sich in ihrer postkommunistischen Lage, mit den sozialen und politischen Anstrengungen auf dem schwierigen Weg der Demokratisierung. Mit der Erweiterung der EU passen sich einige von ihnen relativ schnell an das wirtschaftliche und rechtliche System des Westens an, während eine kulturelle Annäherung sehr viel langsamer vorangeht.

Zuerst eine Begegnungskultur aufbauen

Um zu einem fruchtbaren Dialog zu gelangen, müssen wir die Probleme graduell und nicht frontal angehen. Nach dem Weg, den das “Miteinander für Europa “ in seinen 18 Jahren gegangen ist und dessen Erfahrung 2016 an einem internationalen Kongress reichhaltig dargestellt wurde, ist es nun notwendig, aus einer kritischen Verteidigungshaltung herauszukommen und eine Kultur der Begegnung, des gegenseitigen Kennenlernens und der Versöhnung zu fördern.

In den letzten Jahrhunderten betrachtete der Osten den Westen als kulturelles und politisches Modell und entwickelte Verständnis dem gegenüber, was im Westen geschah. Oft jedoch stellten die Osteuropäer schmerzlich fest, dass auf Seiten der Westeuropäer ihnen gegenüber jegliche Kenntnisse fehlten, was leicht zu Missverständnissen führte. Ohne dass der Westen die Werte des Ostens anerkennt, kann man nicht zur Gleichheit und Gegenseitigkeit gelangen. Dazu braucht es Bescheidenheit, Vertrauen, Kenntnisse und gegenseitige Aufnahmefähigkeit.

Demzufolge sollten wir – denke ich – in einem ersten Schritt eine Kultur der Begegnung fördern, eine Plattform bzw. ein “Haus” schaffen, wo man miteinander in Dialog treten kann. In dieser Phase könnten wir auch über unsere kulturellen Traditionen nachdenken, über unsere verschiedenen Denkweisen, um uns so in einem konstruktiven Dialog zu schulen.

Auszug aus der Rede von Pál Tóth „Kultur der Begegnung und des Dialogs zwischen Ost und West in Europa“, Treffen des Trägerkreises von „Miteinander für Europa“ – Wien, 10. November 2017)

Der vollständige Beitrag kann heruntergeladen werden >

Die Grundsätze des Dialogs

Die Grundsätze des Dialogs

Jesús Morán ist der Kopräsident der Fokolar-Bewegung: Studienabschluss in Philosophie, Doktor der Theologie. Hier in 7 Punkten seine anregenden Gedanken um die „Sprache der Geschwisterlichkeit“ zu lernen. 

1. Dialog ist immer persönliche Begegnung. Es geht nicht um Worte oder Gedanken, sondern darum, unser Sein zu schenken. Er ist nicht nur einfach Konversation, sondern etwas, das die Beteiligten im Tiefsten berührt. Rosenzweig sagte: „Im echten Dialog geschieht wirklich etwas“. Mit anderen Worten: Man kommt nicht ungeschoren aus einem echten Dialog, denn etwas verändert sich in uns.

2. Dialog bedarf der Stille und des Zuhörens. Die Stille ist grundlegend für ein klares Denken und Sprechen. Tiefe, geduldig in der Einsamkeit gepflegte Stille, die dann praktisch umgesetzt wird der Begegnung mit dem anderen, mit seinem Denken und Sprechen. Ein schönes indisches Sprichwort sagt: „Wenn du sprichst, vergewissere dich, dass deine Worte besser sind als dein Schweigen“. Heute brauchst es mehr denn je – sagt Benedikt XV.  – „ein Ökosystem, das Stille, Worte, Bilder und Töne im Gleichgewicht hält“. Wenn wir uns auf einen Dialog einlassen, brauchen wir die Stille, um die Worte nicht abzunutzen.

3. Im Dialog stellen wir uns selbst in Frage, unsere Sicht der Dinge, unsere Identität, auch die kulturelle. Wir müssen uns eine „offene Identität“ aneignen, reif und zugleich geprägt von einem tiefen anthropologischen Axiom: „Wenn wir uns mit jemandem verstehen, erkenne ich auch besser, wer ich bin.“ Klaus Hemmerle hat es so ausgedrückt: „Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen (…) damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.“

4. Echter Dialog hat mit Wahrheit zu tun. Aber Vorsicht: Die Wahrheit ist eine relationale Wirklichkeit (nicht relative, was etwas anderes ist). Das bedeutet, dass die Wahrheit für alle die gleiche ist, aber jeder teilt mit den anderen die persönliche Partizipation und das Verständnis dieser Wahrheit. Darum sind Unterschiede ein Geschenk, nicht eine Gefahr. Die „Gabe des Unterschiedlichkeit“ ist eine weitere Säule der Dialogkultur.

5. Dialog ist eine Willenssache. Die Liebe zur Wahrheit führt mich dazu, sie zu suchen, sie zu wollen – und darum suche ich den Dialog. Oft denkt man, der Dialog sei eine Sache für Schwache. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Nur wer eine große Willenskraft besitzt, setzt sich selbst dem Dialog aus. Hinter jeder dogmatischen und fundamentalistischen Haltung verbirgt sich Angst und Schwäche. Man muss sich vor jenen in Acht nehmen, die gewöhnlich auf lautes Schreien zurückgreifen, hochtrabende Worte oder disqualifizierende Aussagen gebrauchen, um die eigene Meinung aufzuzwingen. Die rohe Gewalt, auch mit Worten, kann vielleicht siegen, aber nie überzeugen.

6. Dialog ist nur zwischen authentischen Menschen möglich. Die Liebe, die Selbstlosigkeit und die Solidarität bereiten die Menschen zum Dialog vor, indem sie sie echt machen. Gandhi und Tagore hatten ganz unterschiedliche Auffassungen vom Erziehungssystem in einem unabhängigen Indien, aber dies hinderte ihre Freundschaft nicht. Papst Wojtyla und der italienische Präsident Pertini hatten lange Zeit ein tiefes Einvernehmen was das Schicksal der Menschheit betrifft, obwohl sie in fast entgegengesetzten Kategorien dachten.

7. Die Kultur des Dialogs kennt ein einziges Gesetz, das Gesetz der Gegenseitigkeit. Nun in ihm findet der Dialog Sinn und Legitimität. Würden die Nationen mehr auf Dialog setzen als auf das mörderische Schweigen der Rache oder auf Reichtum und Selbstbehauptung, würden wir in jenem Glück schwimmen, dessen wir uns heute berauben. Wenn die Religionen miteinander reden würden, um Gott zu ehren; wenn die Nationen sich respektieren würden und erkennen könnten, das der eigene Reichtum darin besteht, die anderen reich zu machen; wenn jeder einen „kleinen persönlichen Weg“ des Neuen zurücklegen würde, könnten wir die Nacht des Terrors, in der wir uns befinden, hinter uns lassen. Welches sind die Hindernisse auf diesem kleinen Weg? Das Urteilen, das Verurteilen und der intellektuelle Hochmut.

Die Arbeit, die es zu tun gilt, ist handwerklicher Art, denn sie verlangt einen Einsatz ohne Zerstreuungen und Kompromisse. Aber sie ist kulturell reicher als ein Beruf. Sie ist eine mühsame und schonungslose Tätigkeit. Aber die Barmherzigkeit rettet uns.

Unser Ja zu Europa

Unser Ja zu Europa

Miteinander für Europa hat von der Geburtsstunde vor 18 Jahren an die Einheit des Volkes Gottes als Grundauftrag. Der zweite Grundauftrag ist die gesellschaftliche Dimension des Miteinanders für Europa. Angesichts der gegenwärtigen europäischen Krise erhält dieser Auftrag eine neue Herausforderung, um in der Vielfalt der Kulturen und Nationen ein konstruktives und zukunftsfähiges Miteinander in Europa zu leben.

Einheit ist möglich

„Einheit und Unterschiedlichkeit sind gleich ursprünglich [1]“ formulierte Br. Franziskus beim Kongress Miteinander für Europa 2007. Ganz ähnlich formuliert Piero Coda: „Wenn Gott Dreieinigkeit ist, sind Einheit und Vielfalt nicht nur kein Widerspruch, sondern gleich ursprünglich“ [2]. Uns bestimmte von Anfang an ein Bild der Einheit, das die von Gott geschenkte Vielfalt ausdrücklich anerkennt und bejaht. Gleichmacherei gefährdet die Identitäten und kann deshalb zum Bruch der Einheit in Vielfalt führen. Das gilt für das Politische wie für den kirchlichen Bereich.

Einheit in versöhnter Verschiedenheit

Aufgrund der vielen Brüche im Leben Einzelner, zwischen den Kirchen und zwischen Völkern bedarf es einer Versöhnung der Gegensätze, um zu einer versöhnten Einheit in Vielfalt zu kommen. Das gilt auch für die Vielfalt der Kulturen. Versöhnung statt Verurteilung und Abgrenzung ist angesagt. Damit eröffnet sich Zukunft, denn das Gift der Vergangenheit verliert seine Wirkung. Das Andersartige und Fremde verliert dadurch seine Bedrohung und wird zur Gabe. Wir erkennen als Versöhnte in der Verschiedenartigkeit den Reichtum des Lebens.

In allem ist Jesus die einende Mitte. Er gibt uns die Kraft und Hoffnung für die Einheit in versöhnter Verschiedenheit, denn Jesus Christus hat die Welt mit Gott versöhnt.

Gelebtes Miteinander als prophetisches Zeichen

Unser Miteinander in Europa wird praktisch gelebt in den Beziehungen untereinander. Wir machen uns auf, die anderen zu besuchen. Das Miteinander in Europa lässt neue Beziehungen entstehen, schafft Versöhnung und Zukunft. Es lässt etwas vom Wesen Gottes aufleuchtet, indem es Einheit stiftet, d.h. es ist ein prophetisches Zeichen.

Gebet verändert

Zum Auftrag von Miteinander in Europa gehört Gebet. Wir wollen nicht nachlassen, für dieses Europa zu beten. Gebet verändert. Es verändert uns und die Atmosphäre in unserem Land und in Europa, es verändert die Herzen von Menschen.

Unsere Hoffnung und unser Ja zu Europa

Wir engagieren uns für Europa, weil wir dies als einen Auftrag Gottes an uns verstanden haben. Wir sprechen ein entschiedenes Ja zu einem Europa der Einheit und der Vielfalt der Kulturen und Nationen. Dabei leuchtet vor unseren Augen ein positives Bild von Europa auf. Wir setzen uns ein für eine Kultur des Miteinanders, die auf der Grundlage des christlichen Glaubens entsteht. Unsere Hoffnung für Europa formulieren wir in einem 5fachen Ja.

Wir sagen Ja zu einem Europa der Versöhnung.

Aus dem Wunder der Versöhnung nach der Katastrophe der Weltkriege ist ein neues Europa entstanden. Die Kraft der Versöhnung, die wir aus dem christlichen Glauben empfangen, ermöglicht eine Heilung der geschichtlichen Wunden und ein versöhntes Miteinander der Verschiedenartigen.

Wir sagen Ja zu einem Europa der Einheit in Vielfalt.

Wir erkennen die Vielfalt als Reichtum. Vielfalt und Unterschiedlichkeit sind gleich ursprünglich. Beides gilt es in einer guten Balance zu halten. Wir freuen uns über den anderen und seine Charismen. Dieses Zusammenwirken der Charismen dient der Einheit des Volkes Gottes und der Einheit Europas.  Wir treten für einen föderalen Organismus in Europa ein. Mit Respekt und Wertschätzung achten wir verschiedene Hintergründe und Perspektiven.

Wir sagen Ja zu einem Europa der Begegnung, des Dialogs und des Friedens.

Aus der Begegnung wächst das gegenseitige Verstehen. Dies ist eine unserer Grunderfahrungen im Miteinander in Europa.  Wir sagen Ja zu einem Europa, das den Dialog mit allen sucht und den Weg des Aushandelns der verschiedenen Interessen wählt. Die EU und der Prozess der Einigung Europas bescherte uns 70 Jahre Frieden im Raum der EU. Wer das Nationale zu stark betont, wird die nationalistischen Ungeister rufen und Europa in die Zerstörung führen. Wer das Nationale verleugnet, verleugnet die Vielfalt und macht die Entstehung einer europäischen Gemeinschaft unmöglich. Wir machen Mut zum offenen Dialog für ein Europa, das in Frieden miteinander lebt.

Wir sagen Ja zu einem Europa der Barmherzigkeit und der Menschlichkeit.

Der christliche Glaube hat die Geschichte Europas geprägt. Er ist ein weltoffener Glaube. Menschlichkeit und Barmherzigkeit gehen vom gekreuzigten und verlassenen Jesus Christus aus und prägen den Kontinent. Beides zeigt sich im unbedingten Ja zum Leben und im Ja zur Ehe und Familie, im Ja zum Armen und Bedürftigen.

Europa ist mehr als der Euro, mehr als die Marktwirtschaft. Deshalb setzten wir uns dafür ein, ein Europa auf der Grundlage des christlich-jüdischen Erbes zu bauen, bei aller Offenheit für Andersdenkende und -glaubende. So stärken wir die Seele Europas.

Wir sagen ja zu einem Europa, dem Gott im Laufe der Geschichte eine Berufung anvertraut hat [3]:

Das Miteinander von Himmel und Erde, das Miteinander von Glaube und Weltgestaltung, denn im Gekreuzigten begegnen sich Himmel und Erde.  In diesem Auftrag für Europa erkennen wir auch eine Verantwortung für Afrika und den Nahen Osten.

Der lebendige Gott hat unserem Miteinander viel anvertraut. Deshalb wollen wir in unseren Bewegungen und in der Öffentlichkeit unser Ja zu Europa zum Ausdruck zu bringen.

Gerhard Proß beim Trägerkreis November 2018, Wien (gekürzte Fassung)

 

[1] „Miteinander auf dem Weg“ ISBN 978-3-00-022045-6, Br. Franziskus Jöst beim MfE Kongress 2007 Stuttgart, S. 21

[2] (Piero Coda in: Hanspeter Heinz [Hrsg], Christliche Kultur in einem Europa, S. 33)

[3]  P. Lothar Penners beim Europ. Trägerkreis 2016 in Castel Gandolfo mit Bezug zu Pater Kentenich

Einführung von Gérard Testard

Einführung von Gérard Testard

Die Europäische Union ist eine Organisation, die in der öffentlichen Meinung oft wenig geschätzt wird. Viele Politiker versäumen es nicht, sie zu kritisieren, häufig um von ihrer mangelhaften Innenpolitik abzulenken.

Die Europäische Union ist nicht frei von Mängeln (Übermaß an Standards, Komplexität, Technokratie, Distanz zu den Menschen, …).

Dank der Europäischen Union herrscht jedoch seit 70 Jahren weitgehend Friede in Europa. Robert Schuman ist einer der „Väter Europas“. Er hat am 9. Mai 1950 als Außenminister Frankreichs mit dem Aufbau Europas begonnen. Er war eine anerkannte Persönlichkeit, ein praktizierender Katholik mit einem tiefen geistlichen Leben und herausragenden moralischen Werten. Er wird als ein Mann der Vorsehung angesehen, der die deutsch-französische Aussöhnung bewirkte, der ein erbitterter Gegner von Rachsucht war, immer bereit, Position zu beziehen. Damit stand er vollends im Gegensatz zum Versailler Vertrag, der den Ersten Weltkrieg beendete.

Seine Familie stammte aus Lothringen, geboren wurde er in Luxemburg und aufgewachsen ist er in Deutschland. Er war immer mit Frankreich verbunden, definierte sich selbst als „Grenzgänger“ und hatte eine Vision für Europa. Um sein europäisches Ideal zu definieren, schrieb er am Ende seines Lebens ein kleines Buch mit dem Titel „Für Europa“, in dem er seine Reden zusammenfasste. Es wurde im Jahr seines Todes 1963 veröffentlicht. Er beschreibt darin das europäische Projekt, seine Vision von der Demokratie.

Zitate von Robert Schumann

Aus der Rede vom 9. Mai 1950: „Europa gab es noch nicht, wir waren im Krieg. Europa wird weder auf einen Schlag noch in einer Gesamtkonstruktion entstehen: Es wird durch konkrete Werke geschaffen, denen zunächst eine reale Solidarität vorausgeht.“

Alle folgenden, wesentlichen Zitate stammen aus dem Buch „Für Europa“:

„Der Beitrag, den ein organisiertes und lebendiges Europa für die Zivilisation leisten kann, ist unverzichtbar für die Aufrechterhaltung friedlicher Beziehungen.“

„Bevor Europa eine militärische Allianz oder eine wirtschaftliche Einheit ist, muss es eine kulturelle Gemeinschaft im höchsten Sinn des Wortes sein.“

„Die politische Einheit Europas bedeutet nicht die Auflösung der Nation.“

„Wer sich nicht traut, das Schlechte anzugreifen, kann nur unzureichend verteidigen, was schön ist.“

„Die Demokratie verdankt ihre Existenz dem Christentum. Sie entstand an dem Tag, als der Mensch berufen wurde, in seinem zeitlichen Leben die Würde der menschlichen Person zu realisieren, in der Freiheit des Einzelnen, in der Achtung der Rechte eines jeden und durch die Verwirklichung der geschwisterlichen Liebe zu allen Menschen. In der Zeit vor Christus wurden niemals solche Ideen formuliert.“

„Haben wir bis jetzt etwas falsch gemacht? Das Ergebnis wird in hohem Maß von der Haltung der Menschen abhängen, die wir vor uns haben, vom Grad ihrer Aufrichtigkeit, dem Verständnis, das wir von ihnen und ihren Nachfolgern erwarten können.“

„Die Idee eines versöhnten, vereinten und starken Europas muss die Losung der jüngeren Generationen sein.“

„Europa wird seine Seele in der Vielfalt seiner Vorzüge und Bestrebungen formen. Die Einheit der grundlegenden Entwürfe wird in Einklang gebracht mit der Pluralität der Traditionen und Überzeugungen, mit der Verantwortung persönlicher Entscheidungen. Das heutige Europa muss aus einer Koexistenz bestehen, die nicht nur eine Ansammlung rivalisierender, zeitweise feindlicher Nationen ist, sondern eine Aktionsgemeinschaft, die untereinander in Freiheit abgestimmt und organisiert ist.“

„Grenzen werden weiterhin ihre Berechtigung haben, wenn man ihre Funktionen auf eine geistliche Ebene zu übertragen weiß. Anstelle von Hindernissen müssen sie zu Kontaktlinien werden, an denen der materielle und kulturelle Austausch organisiert und intensiviert wird.“

Schumann zu seiner Deklaration vom 9. Mai 1950: „Ich habe sie verkündet, weil ich an die christlichen Grundlagen Europas glaube“.

von Gérard Testard

Miteinander für ein offenes und menschenfreundliches Europa

Miteinander für ein offenes und menschenfreundliches Europa

Als das Miteinander für Europa am 31. Oktober 1999 ins Leben gerufen wurde, dem Tag der Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung über die Rechtfertigungslehre, herrschte ein hoffnungsvolles Klima.

Ein wichtiges Zeichen der Einheit nach fast 500 Jahren der Trennung wurde gesetzt. Verschiedene geistliche Gemeinschaften und Bewegungen aus evangelischen und der katholischen Kirche trafen sich im ökumenischen Lebenszentrum in Ottmaring, um zu überlegen, wie diese grundlegende Erklärung rezipiert werden könne. Diese Erklärung musste sich auch im Alltag auswirken und durfte nicht nur ein Text bleiben. Karl Barth sprach davon, dass der Christ in der einen Hand die Bibel und in der anderen die Zeitung tragen müsse.

Die Christen hatten in den Jahrhunderten seit der Reformation Martin Luthers und anderer Reformatoren durch ihre Spaltungen und Streitigkeiten immer wieder schwerwiegende Konflikte ausgelöst oder konnten dadurch ihre Mission als Werkzeug der Einheit und des Friedens nur unzureichend erfüllen. Die Spaltungen waren ein trauriges Zeichen der Schwäche angesichts dramatischer Entwicklungen, deren Höhepunkte im 20. Jahrhunderts mit den beiden Weltkriegen und dem Abgrund der Shoah erreicht wurden.

Trotzdem waren Christen immer wieder glaubwürdige Zeugen. Johannes Paul II. sprach in der Ankündigung des Jubiläums des Jahres 2000 davon, dass die Kirche unserer Zeit wieder und wie niemals zuvor zu einer Kirche der Märtyrer geworden ist. Das sei, so der polnische Papst, der die Unterdrückung der Kirche in seiner Biographie selbst erlebt hatte, ein ökumenisches Phänomen gewesen. Nicht nur weil es alle Konfessionen betrifft, sondern auch weil die Christen bei den Verfolgungen in den Gulags und Konzentrationslagern schon eine Einheit im Leiden gelebt haben, die wir noch aufbauen müssen. Andrea Riccardi hat diese Geschichte eindrucksvoll in seinem Buch „Salz der Erde, Licht der Welt“ dargestellt.

Mit dem historischen Ereignis der gemeinsamen Erklärung musste eine neue Geschichte der Einheit und der Zusammenarbeit beginnen. Nach so vielen von Europa ausgegangenen Spaltungen und so viel Gewalt, wollten die Bewegungen mithelfen, ein Europa aufzubauen, das zum Frieden, zur Gastfreundschaft und zu einer Offenheit beiträgt. Die Globalisierung hat eine Einheit der Ökonomie, des Geldes, der Kommunikation herbeigeführt, allerdings fehlt die Seele, es fehlt die Einheit der Völker und Kulturen in einem friedlichen und offenen Zusammenleben. Hier haben die Bewegungen eine Berufung erkannt, eine zweite Berufung zur eigenen des jeweiligen Charismas.

In der nun fast 20jährigen Geschichte des Miteinanders haben wir verschiedene Phasen erlebt. Es gab die Zeit der Euphorie mit der Währungsunion und der Osterweiterung des Jahres 2004, die beim ersten großen Kongress in Stuttgart spürbar war. Die Bewegungen wollten den Prozess der europäischen Einigung stärken und unterstützen. Denn nach den Überzeugungen der christlich geprägten Gründerväter der europäischen Einigung, die 2017 das 60jährige Jubiläum der Römischen Verträge feiern konnte, braucht dieser Prozess eine spirituelle Grundlage. Europa braucht eine Seele, so haben wir wiederholt betont.

Heute hat sich Skepsis gegenüber Europa ausgebreitet. Es gibt besorgniserregende Tendenzen der Abschottung, Mauern werden gebaut, Europa wird zu einer Festung, die ausgrenzt und abweist. Eine diffuse Angst zeigt sich in allen europäischen Gesellschaften und ergreift auch die Christen. Diese gefährliche Angst führt zu neuen, ausgrenzenden Nationalismen, zu Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus bis hin zu rechtsextremen und faschistischen Bewegungen, die zunehmend Einfluss nehmen in der Politik Europas.

Daher stellt sich in dieser Zeit mit neuer Dringlichkeit die Frage unserer Berufung im Miteinander. Während das Gegeneinander zunimmt, müssen die Christen und auch die christlichen Bewegungen das Miteinander vertiefen. Unser Weg ist immer von Gastfreundschaft und Offenheit geprägt gewesen. Die Einheit wird nur möglich durch Offenheit, gegenseitiges Kennenlernen und Aufnahme des anderen. Gerade in dieser historischen Phase wird die Kühnheit und Prophetie der Christen benötigt. Denn die aktuellen Tendenzen in unseren europäischen Gesellschaften sind gefährlich und fördern die Gewalt. Darunter leiden vor allem die Armen, die Flüchtlinge, die Fremden und alle, die am Rande leben.

Der Europatag am 9. Mai kann ein günstiger Augenblick sein, um auf die Schönheit und Bereicherung der Einheit hinzuweisen. Wir können deutlich machen, dass Vielfalt, Offenheit, Gastfreundschaft und Aufnahme des Fremden keine Gefahr sind, sondern eine Bereicherung für alle darstellen. Aus den Quellen des Evangeliums entstanden vielfältige Bewegungen mit eigenen Geschichten, Berufungen und Charismen. Doch das nimmt niemanden etwas, im Gegenteil, in der Begegnung haben wir uns gegenseitig bereichert und unser eigenes Charisma vertieft. Diese Erfahrung wird heute noch mehr gebraucht als vor 18 Jahren, als in Ottmaring unser gemeinsamer Weg begann.

Pfr. Matthias Leineweber

 

Was uns kennzeichnet

Was uns kennzeichnet

Chiara Lubich, eine der Initiatorinnen des Netzwerkes Miteinander für Europa, hat bei verschiedenen Gelegenheiten über die Gemeinschaft zwischen Bewegungen und Gemeinschaften der verschiedenen Kirchen gesprochen. Ein Auszug aus ihrer Rede am 8.Dezember 2001 in München vor Verantwortlichen verschiedener katholischer und evangelischer Bewegungen kann zum Verständnis beitragen.

Fragen wir uns zunächst: Sind die Bewegungen, wie wir sie jetzt in den verschiedenen Kirchen sehen, sozusagen Erfindungen des Heiligen Geistes nur für diese Zeit? Die Antwort ist eindeutig: Nein. Seit den Anfängen des Christentums hat es immer wieder Gemeinschaften gegeben. Werfen wir nur einen Blick auf unsere gemeinsame Geschichte im ersten Jahrtausend. Schon damals finden wir Spuren ihres Wirkens. Den Grund dafür kennen wir. Das Christentum ist durch die Menschen in der Welt gegenwärtig, die ihren Glauben und aus dem Wort Gottes leben.

Die ersten Christen zum Beispiel haben ihren Glauben ganz authentisch gelebt. Aber uns ist auch bewusst, dass im Laufe der Jahrhunderte durch den Einfluss der Gesellschaft nicht alle Getauften ihren Glauben konsequent gelebt haben. So verlor das Christentum viel von seiner Kraft und Ausstrahlung. Doch da es nicht untergehen wird – denken wir nur an die Zusage Jesu, die sich bei Matthäus (16,18) findet: „Die Mächte der Unterwelt werde sie (meine Kirche)  nicht überwältigen“ – erweckte der Heilige Geist neue geistliche Strömungen in der Kirche, bedeutende Bewegungen wie die von Basilius, Augustinus oder Benedikt, um nur einige zu nennen. Vielen anderen, unter  ihnen Franz von Assisi, kam dann im zweiten Jahrtausend die Aufgabe zu, die ursprüngliche Kraft und Radikalität des Evangeliums wieder aufstrahlen zu lassen und so die Kirche zu erneuern.

Aus diesem Grund hat der Heilige Geist auch in der heutigen Zeit die modernen Bewegungen ins Leben gerufen. (…) Unter vielen dieser Bewegungen ist eine immer tiefere Gemeinschaft entstanden.

Diese Gemeinschaft haben wir folgendermaßen zu leben begonnen: Wir beteten füreinander, ermutigten uns in den Schwierigkeiten und trugen dafür Sorge, dass auch unsere jeweiligen Leitungsgremien einander kennen lernten. Gerade auch in praktischen Dingen – wie der Bereitstellung von Quartieren und Tagungsräumen oder technischer Ausstattung – helfen wir einander. Gelegentlich nehmen wir auch an Veranstaltungen der anderen Bewegungen teil oder bieten unsere Mitarbeit an. In unseren Publikationen stellen wir die anderen Bewegungen vor, um nur einiges zu nennen. (…)

Doch jetzt stellt sich die Frage, wie wir, schwache und immer wieder scheiternde Menschen, diesem Vorhaben Gottes entsprechen können, der seine Kirche als eine lebendige, ständig wachsende Gemeinschaft erfahren lässt? Es ist offensichtlich: Damit diese Gemeinschaft entstehen kann, wäre es schon ausreichend, das neue Gebot Jesu in die Tat umzusetzen. (…)

Uns steht immer das Wort aus der Schrift (Röm 8,35) vor Augen, wenn wir uns begegnen: „Wer kann uns trennen von der Liebe Christi“, wenn er uns so miteinander verbunden hat? Durch dieses Leben der Gemeinschaft, das zum Zeugnis in und für die Welt wird, gewinnt der Name Gottes  seine Aktualität zurück, indem er widerhallt auf unseren Straßen, in unseren Häusern, den Schulen, an unseren Arbeitsplätzen, im öffentlichen Raum, wo das Leben oft im Materialismus und verschiedenen säkularen Tendenzen gleichsam erstarrt ist. Vor allem an den Orten, wo die Kirche mit ihren Mitteln keinen Zugang hat, sind unsere Bewegungen oft präsent. Denn gerade dazu hat uns der Heilige Geist in besonderer Weise berufen und befähigt. (…)

Was uns vor der Welt von anderen unterscheiden müsste, ist nicht so sehr unser Gebet, die Buße, die Zeremonien, das Fasten, die Andachten,  … , sondern die gegenseitige Liebe, die Einheit unter uns. Jesus hat es gesagt:“ Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“ (Joh 13, 35) Also daran, und an nichts anderem. Und: „Alle sollen eins sein, damit die Welt glaubt.“ (Joh 17,21).