Der Balkan aus der Sicht eines Neapolitaners

Der Balkan aus der Sicht eines Neapolitaners

Über eine zehnjährige Erfahrung in Slowenien, Kroatien und Rumänien zu berichten, ist nicht leicht.

Ich kann sagen, dass ich mich gleich wohlgefühlt habe. Allerdings war die Begegnung mit Slowenien anfänglich recht anspruchsvoll, so verschieden ist dieses Volks von meinem eigenen. Ich kannte die Sprache nicht, das Klima war sehr kalt, typisch war der allgegenwärtige Geruch von Kohle, die in den Öfen der Häuser brannte. Aufgefallen ist mir sofort der Sinn für Ordnung und Disziplin. Ich erinnere mich, dass ich eines Abends mit einem Freund der Kommunität vor einem Kiosk wartete, um Obst zu kaufen. Er hatte sich in die Reihe gestellt, während ich etwas beiseite stand. Auf einmal bemerkte ich, dass sich auch hinter mir eine Reihe gebildet hatte. Bald nahm ich wahr, dass sich solche Reihen selbst beim Einsteigen in die Autobusse bildeten. Das hat mich äusserst positiv beeindruckt.

Fünf Monate später zog ich nach Kroatien. Ein neues Freiheitsgefühl: Ich war unterdessen an der Universität eingeschrieben, um die Sprache zu lernen, konnte Menschen begegnen, mich frei in der Stadt bewegen und vieles mehr, was ich vorher noch nicht konnte. In den Kroaten ist mir ein Volk begegnet, das meinem sehr ähnlich ist: heiter, herzlich, gastfreundlich und es liebt das gute Essen.

Der Mauerfall

Dies war ein unvergessliches Ereignis, das ich Augenblick für Augenblick mit Freunden und vielen anderen vor dem Fernseher miterlebt habe: Wir waren Zeugen einer Welt, die sich veränderte.

Der Krieg

Der Balkankrieg war wohl eine der stärksten Erfahrungen: Ein etwas sonderbares Gefühl, denn in Zagreb, wo ich damals wohnte, waren wir nicht direkt in den Konflikt involviert. Nur in den ersten Tagen habe ich Angstmomente durchlebt, aufgrund der Heckenschützen die wahllos, von allen Seiten, auf Passanten schossen. Dennoch, was mir aus jenen Kriegsjahren am meisten geblieben ist, ist nicht die Zerstörung von Städten und Dörfern, sondern die Solidarität, die  zwischen den Menschen entstand. Die Ankunft von Lastwägen voller Nahrungsmittel, Kleider und anderem zu erleben, war schon sehr bewegend. Ich selber hatte in Neapel die Wohnung meiner verstorbenen Eltern geräumt und mit Hilfe einer Gruppe Jugendlicher den gesamten Hausrat nach Kroatien gebracht.

Gerne erinnere ich mich auch daran, dass es uns 1993 mitten im Krieg gelang, ein Festival mit etwa 3000 Jugendlichen zu organisieren: Katholiken, Orthodoxe, Muslime aus ganz Jugoslawien, Rumänien, Bulgarien und Moldawien. Besonders ergreifend war der Gesang einer Chorgruppe junger Muslime! Die Veranstaltung wurde von Radio und Fernsehen übertragen; am darauffolgenden Tag war die Nachricht auf der Titelseite aller Zeitungen in der Hauptstadt zu sehen.

Dakien (Rumänien)

In diesem Land habe ich erfahren, was es heisst, aus der Situation eines Quasi-Wohlstands in die Verelendung zu geraten. Dem Kommunismus – so der Eindruck – war es gelungen, die ganze kulturelle, gesellschaftliche und volkstümliche Geschichte dieses Landes zu zerstören. Für mich war es ein Schock! Ein junger Mann, den ich vom Sehen her kannte, hatte mich um Geld gebeten, aber ich konnte ihm nicht helfen, da ich die gewünschte Summe nicht bei mir hatte. Im Nachhinein habe ich mich gefragt: Warum ist er gerade zu mir gekommen?  Meine Antwort: Weil er wusste, dass ich Italiener bin und sich vorstellen konnte, dass ich immer wieder dahin zurückkehren konnte, wo ich hergekommen war. Wahre Armut ist wohl das Gefühlt wirklich nichts zu haben: weder einen Platz noch jemanden, von dem man Hilfe erwarten könnte.

Aber auch in Rumänien habe die Erfahrung tiefer Gemeinschaft gemacht, bin Schwestern und Brüdern begegnet, die sich nach dem sehnten, was ihrem Leben endlich einen Sinn geben könnte: die Liebe! Mit vielen von ihnen, wie auch mit vielen in Slowenien und Kroatien, stehe ich bis heute in einer geschwisterliche Beziehung.

Gennaro Lamagna

 

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