Stimmen aus Prag – Teil 2

Stimmen aus Prag – Teil 2

Kurze Interviews mit einigen Teilnehmern des Trägerkreis-Treffens von Miteinander für Europa in Prag – Teil 2

„Identity is something what we desperately need!“ Pavel Fischer, Senator in the Czech Parliament

„Europa ist sehr bewegt“. Valerian Grupp, CVJM Esslingen, Deutschland

„Abbiamo un grande fondamento che ci lega.“ Matthias Leineweber, Comunità di Sant’Egidio, Germania

„Pour leur communiquer la beauté“. François Delooz, Communauté de Sant’Egidio, Belgique

„I realised the strength of the Movements.“ Pavel Černý, Pastor, Czech Republic

Zweiter Tag von MfE in Prag

Zweiter Tag von MfE in Prag

Der zweite Tag der Begegnung von Miteinander für Europa in Prag sollte den Teilnehmenden einen genaueren Blick auf die Situation des Glaubens und der Kirchen in Tschechien ermöglichen. Daher gab es neben vielen Möglichkeiten zum persönlichen Austausch und zum Gespräch in kleineren und größeren Gruppen drei größere thematische Impulse.

Jaroslav Šebek, Historiker und Mitglied des Instituts für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, sprach zunächst zum Thema „Die Kirchen in der Tschechischen Republik und die Herausforderungen der heutigen turbulenten Zeit“. Die Flüchtlingskrise sei für die Zukunft der europäischen Integration ein grundsätzlicher Prüfstein geworden, an dem unterschiedliche Konzepte aufeinanderprallen „und wieder steht hier symbolisch Ost gegen West“, so Šebek. Ein Problem der heutigen Zeit sei die von den sozialem Medien mitbewirkte „Kommunikationsverkapselung“. „Während in der Zeit des Kommunismus bei uns eine Informationswüste herrschte, bewegen wir uns heute in einem Informationsdschungel.“ Das Ergebnis, so Šebek, sei dasselbe: „Orientierungsverlust und eine größere Anfälligkeit für Manipulation sowie Misstrauen gegenüber allem und jedem.“ Besonders schwierig sei, dass in einer solchen Situation auch die Repräsentanten der Kirche nach Orientierung suchten.

Pavel Fischer, Senator im Tschechischen Parlament, beschrieb ebenfalls die aktuelle Situation Tschechiens und stellte aus gesellschaftspolitischer Sicht die Herausforderungen dar. Er betonte die Wichtigkeit der emotionalen Identifikation mit einer persönlichen gesellschaftlichen Erfahrung. Sie entstehe in einem konkreten Sprach- und Erfahrungsraum. Die Einheit Europas gehe nur über das Ernst-nehmen aller lokalen Identifikationsvorgänge und der einzelnen Menschen, mit denen man gemeinsam unterwegs sei. Die Vision eines geeinten Europas könne nur entstehen, wenn die Politik Subsidiarität beachte und die Vielfalt der europäischen Völker, Sprachen und Kulturen respektiere und fördere.

Interview „Identity is something what we desperately need!“ Pavel Fischer

Interview „Let’s engage on the very local level!“ Pavel Fischer

Tomáš Halík, tschechischer Soziologe, Religionsphilosoph und römisch-katholischer Priester (Templeton-Preis 2014), stellte im Rahmen seines Beitrages zur religiösen Situation in seinem Heimatland in einem großen Bogen die geschichtliche Entwicklungen der tschechischen Kirche bis in die heutigen Tage dar. Dabei wurde deutlich, dass der Versuch der Kirche, den gestern gelebten Glauben für das heute und die Zukunft anzubieten, gescheitert ist. Die traditionelle Volkskirche habe heute keine Kraft mehr, weil ihre Biosphäre immer mehr verschwinde. Die Religion habe heute weitgehend keinen Einfluss mehr auf den Stil des Denkens der heutigen Generation. Diese lebe im neuen Kosmos des Internets. „Die neue Generation ist nicht bereit, die Religion ohne Argumente zu empfangen.“ Heute sei die Kirche herausgefordert, sich vor allem auf die Suchenden einzustellen. Diese seien sozusagen die „größte Diözese“. Nachdrücklich betonte Halík: „Die Zukunft der Kirche hängt an ihrer Bereitschaft, mit den Suchenden zu kommunizieren, die Suchenden zu begleiten.“ Der Glaube dürfe keine Ideologie der präzisen Antworten sein, sondern es gehe darum mit den Suchenden einen Weg zu gehen. Weil jeder die Frage nach dem Sinn habe, müsse die Kirche auch für alle da sein, nicht nur für die Frommen. Halík lud die Zuhörer ein, mutig zu sein und die anderen, die auf anderen Wegen die Wahrheit suchen, ernst zu nehmen und mit ihnen einen Dialog zu führen.

Der reich gefüllte Tag endete mit einer Gebetszeit, in der alle Überlegungen und Themen des Tages sowie die Zukunft Europas vor Gott gebracht wurden. Daran schloss sich ein festliches Abendessen mit kulturellem Programm an.

Heinrich Brehm

 

Europa ist unsere Sache

Europa ist unsere Sache

Kleine Beispiele für Synergien zwischen Bewegungen und Initiativen „pro Europa“

„Miteinander für“ in Dresden

Wir sind eine kleine Gruppe der Fokolar-Bewegung in Dresden. Vor einigen Monaten hatten wir die Gelegenheit, auf dem Hauptplatz der Stadt etwa 200 Menschen die Gedanken über die weltweite Geschwisterlichkeit weiterzuschenken, wie Chiara Lubich sie im Jahre 2001 in Innsbruck vor 700 Bürgermeistern formuliert hatte. Mitorganisator der Veranstaltung in Dresden war „Pulse of Europe“, eine offene Initiative, die sich gemeinsam mit anderen für ein vereintes und demokratisches Europa einsetzt. „Pulse of Europe“ organisiert monatlich ein Programm, um Menschen für den Frieden und für die Werte, auf denen Europa gründet, zu sensibilisieren. Spürbar war die „geistliche Verwandtschaft“ die uns auch durch die Person von Chiara verbindet, die weltweit in vielen Menschen die Werte einer universalen Geschwisterlichkeit zu wecken wusste, auch im Blick auf das große Projekt eines vereinten Europas.

Als ein Verantwortlicher für die Jugendlichen in der Diözese, ein Jesuit, von unserer Zusammenarbeit hörte, hat er uns sehr ermutigt: „Macht weiter! Ihr habt die Möglichkeit, ganz unkompliziert euren Beitrag zu leisten. Ich bitte euch wirklich darum: Macht damit weiter, denn andere habe zu viel Angst!“  Wenn wir auch wenige sind, können wir dennoch den Weg einschlagen, den Gott uns weist! Wir sind sehr froh die Leute von „Pulse of Europe“ kennengelernt zu haben und sie wissen, dass wir sie unterstützen. Wir können es mit Überzeugung sagen: Ihr Anliegen, ihre große Herausforderung, ist auch die unsere.

Monika Scheidler, Ilse Fehr

Der „Neokatechumenale Weg“ feiert sein 40-jähriges Bestehen in Slowenien. Eine Gelegenheit, ein Fest innerhalb der großen Familie des Miteinanders zu feiern.

Anfang September feierte der „Neokatechumenale Weg“ seine 40-jährige Präsenz auf slowenischem Boden. Mitgefeiert haben auch Vertreter von verschiedenen Bewegungen wie Couples for Christ (Ehepaare für Christus), Cammino (Pot), Fokolar-Bewegung, Erneuerung im Geist und die Gemeinschaft Emmanuel. Die Feierlichkeiten waren sehr gut vorbereitet: ein Hochamt mit der Teilnahme von 5 Bischöfen und anschließend eine Agape, die Raum zu geschwisterlichen Begegnungen und zum Austausch gab. Ein besonderes Geschenk bei diesem Jubiläum war die Anwesenheit der ersten Neokatechumenalen, die vor 40 Jahren diesen Geist aus Italien nach Slowenien gebracht hatten. Die Feier war eine gute Gelegenheit um echte und tiefe Beziehungen zu knüpfen. Im Saal wurden wir herzlich empfangen und unter den besonderen Gästen wurden auch die Mitglieder der verschiedenen Gemeinschaften erwähnt.

Das Netz der unterschiedlichen Bewegungen und Gemeinschaften in Slowenien hat sich auch Dank der gegenseitigen Hilfe und Gastfreundschaft in all den Jahren verstärkt. So hat beispielsweise die Fokolar-Bewegung in ihrem Tagungszentrum in Planina 200 Ukrainer des „Neokatechumenalen Weges“ auf ihrer Hin- und Rückreise nach Rom beherbergt und mit Freude werden demnächst erneut 80 Ukrainer auf der Durchreise in die Ewige Stadt erwartet. Planina liegt strategisch günstig auf dem Weg nach Italien, was wir gerne für die Begegnungen im Sinne des Miteinanders nutzen.

Pavel und Marjana Snoj, Slowenien

Foto: privat

Auf den Spuren der „samtenen Revolution“

Auf den Spuren der „samtenen Revolution“

Miteinander für Europa 2018 in Prag

Prag, Hauptstadt der Tschechischen Republik, ein Land im Herzen der historischen und kulturellen Wegkreuzung Europas, wird vom 15.-17.11.2018 das jährliche Treffen des Trägerkreises von Miteinander für Europa beherbergen.

Die großen Ereignisse Mitteleuropas – und insbesondere die des tschechischen Volkes – werden den Hintergrund bilden für diese neue Etappe von Miteinander für Europa, das sich für den gegenseitigen Respekt und den Dialog zwischen verschiedenen kulturellen und politischen Identitäten einsetzt.

Im November 2017 hatte der europäische Trägerkreis von Miteinander für Europa in Wien, der Brückenstadt zwischen Ost und West, getagt. Mit einem weiteren Schritt gen Osten, findet die Begegnung diesmal in Prag, im östlichen Mitteleuropa statt. Der gemeinsame Wunsch besteht darin, sich den aktuellen, schwerwiegenden Schwierigkeiten, Vorurteilen und Ängsten zu stellen, die vor allem zwischen den Mitgliedstaaten der Europäischen Union, aber auch darüber hinaus, existieren. Ein Leben nach dem Evangelium, das aus der Gegenwart Christi in und zwischen den christlichen Gemeinschaften Stärkung und Licht erhält, möchte Zeugnis dafür geben, dass der Weg zu einem Europa als „Haus der Nationen und Familie von Völkern“ keine Utopie ist.

Auf den Spuren der „samtenen Revolution“

Genau am 17. November gedenkt man in der Tschechischen Republik des Beginns der „sametová revoluce“ (der friedlichen Revolution, als „samtene“ bezeichnet), die auch aus diesem Land einen Protagonisten des noch andauernden europäischen Wiedervereinigungsprozess machte. Diese Übereinstimmung ruft die Freunde von Miteinander für Europa auf, ihr gemeinsames Engagement zu erneuern: In die postsäkulare Kultur den Geist des christlichen Humanismus einzubringen und damit einen Beitrag zu leisten, einem geeinteren Europa Leben und Gestalt zu geben.

Der bekannte Theologe und Philosoph Tomas Halik, persönlicher Freund von Vaclav Havel, Jaroslav Sebek, Mitglied des Historischen Instituts der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, und Pavel Fischer, vielversprechender tschechischer Politiker, werden zusammen mit Verantwortlichen und Vertretern verschiedener Bewegungen, Gemeinschaften und Organisationen die Tagung mit Beiträgen und Zeugnissen eröffnen. Die Tagung in Prag hat sich ein hohes Ziel gesteckt: An ein anderes Europa zu erinnern, an das Europa der großen Hoffnungen und Verheißungen, die aus dem reichen Erbe einer ethnischen, sozialen und kulturellen Vielfalt hervorgehen, die nach Gemeinschaft und Dialog strebt.

Das Ereignis in Prag wird so zu einer wichtigen Etappe in der Geschichte von Miteinander für Europa, das sich unermüdlich für ein von Einheit, Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit geprägtes Europa einsetzen möchte. Es wird auch eine gute Gelegenheit sein, um sich gemeinsam auf die nächsten Wahlen zum Europäischen Parlament vorzubereiten.

Den Abschluss der Begegnung wird ein offener Abend bilden, mit der Teilnahme von Repräsentanten der Bewegungen und Gemeinschaften aus verschiedenen Kirchen, die in Tschechien vertreten sind.

Adresse: Mariapolizentrum, Mladoboleslavská 667, 190 17 Praha 9 – Vinoř, Tschechische Republik  – Tel. +420 286 007 711; email: cmpraha@espol.cz  www.centrummariapoli.cz

Beatriz Lauenroth

Foto: Canva

 

Die Wahrheit siegt

Die Wahrheit siegt

Europa lebt von den Ideen, aus denen es entstanden ist

Zur Vorbereitung auf das Treffen des Trägerkreises von Miteinander für Europa, hier drei Fragen an Jiři Kratochvil aus Prag, Experte für den Dialog zwischen den verschiedenen europäischen Kulturen.

Das nächste Treffen des Trägerkreises von „Miteinander für Europa“ findet in Prag statt, Land der „Hussiten“, des „Prager Frühlings“ und der „Samtenen Revolution“. Die große Geschichte des tschechischen Volkes wird den Rahmen zum Dialog unter den Teilnehmern bilden. Wir kann man diese Geschichte vertieft verstehen?

Es ist eine bewegte Geschichte, gekennzeichnet von großen idealistischen und spirituellen Aufbrüchen, von der Suche nach Gerechtigkeit und Wahrheit, die aber oft in große Ernüchterung endete. Dies war gerade bei den drei erwähnten Ereignissen der Fall: Die hussitische Bewegung entbrannte nach dem Tod des Priester Jan Hus, der 1415 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde und der für seine Anhänger als Märtyrer für die Wahrheit galt. Leider haben die darauffolgenden Kriege, in denen es nicht mehr um die Wahrheit, sondern um Macht ging, das Land komplett verwüstet. So auch viele Jahrhunderte später, 1968, als die Hauptakteure des „Prager Frühlings“, die mit der begeisterten Unterstützung der ganzen Nation – so etwas hatte es zuvor nie gegeben – ein sozialistisches Regime mit einem „menschlichen Gesicht“ errichten wollten, das frei sein sollte von den Lügen und Grausamkeiten der nahen Vergangenheit. Leider wurde diese Hoffnung von den Raupen der Panzer vernichtet und machte einer allgemeinen Resignation Platz, die auch durch das heldenhafte Opfer von Jan Palach (einem Studenten, der sich aus Protest lebendig verbrannte) nicht zum Stillstand kam.

Und dann 1989 die „Samtene Revolution“, an die sich viele von uns noch gut erinnern; sie stand unter dem Wort ihres Hauptprotagonisten, Vaclav Havel: „Liebe und Wahrheit müssen über Lüge und Hass siegen.“ Niemand ahnte jedoch, dass ein so langer Kampf folgen werde: Die geistigen Früchte der ersten Monate, die man bei den Kundgebungen auf der Strassen und Plätzen so stark wahrgenommen hatte, wurden immer geringer weil sie vom Pragmatismus einer „Technologie der Macht“ ersetzt wurden.

Die Fahne des Präsidenten der Tschechischen Republik trägt den Schriftzug „die Wahrheit siegt“. Allerdings wurde die ursprüngliche Version – „Gottes Wahrheit siegt“ – abgeändert. Wir aber sind sicher, dass am Ende der Geschichte Seine Wahrheit siegen wird. Aber vielleicht muss sie zuvor noch manche Niederlage erfahren, wie uns die Geschichte (nicht nur die tschechische) lehrt, aber das entbindet uns nicht von der Pflicht, stets auf Seiner Seite zu stehen, auf der Seite Seiner Wahrheit.

„Miteinander für Europa“ möchte einen Beitrag zur Förderung der Einheit zwischen Ost- und Westeuropa leisten. Welche Rolle fällt dabei der Tschechischen Republik zu?

Aufgrund seiner zerrissenen religiösen Geschichte ist die Tschechische Republik ein sehr säkularisiertes Land. Die Mehrheit seiner Bevölkerung will sich nicht mit einer Kirche identifizieren. Aber das heißt nicht, dass sie atheistisch ist; erstaunlicherweise geht die Zahl derer, die sich als Atheisten bezeichnen, immer mehr zurück. Unter den Menschen, unter den Jugendlichen und auch unter den Intellektuellen gibt es eine starke Sensibilität für spirituelle und kulturelle Werte. Das kam zum Beispiel 2009 beim herzlichen Empfang, den die akademische Gemeinde von Prag Papst Benedikt XVI bereitet hat, zum Ausdruck. Vielleicht hat gerade diese Begegnung den Papst bewogen, einen „Vorhof der Völker“  als Raum für den Dialog mit der „säkularisierten“ Welt einzurichten.

Als Christen verschiedener Kirchen, die untereinander vereint sind, gemeinsam nach möglichen Formen dieses Dialogs zu suchen, das könnte eine Aufgabe für Miteinander für Europa sein. Säkularisierten Laien mit unterschiedlichen Merkmalen und Zügen gibt es in ganz Europa. Tschechien könnte zu einer kleinen „Werkstatt“ der Begegnung mit ihnen werden.

Mit dem Blick auf die Zukunft Europas, welche weitere Herausforderungen zeichnen sich ab auf dem Weg zum angestrebten Ziel, der Einheit?

Eine sehr schwierige Frage, deren Antwort mir zwar nicht einfach, aber gleichzeitig auch logisch erscheint. Man sagt, dass jede Nation – und dies gilt auch für einen Kontinent – von den Ideen lebt, aus denen sie entstanden ist. Man braucht sich nur in Erinnerung zu rufen, woraus das Europa, in dem wir heute leben, hervorgegangen ist: aus Jerusalem (Glaube), aus Athen (Vernunft) und aus Rom (Recht). Auf diesem sicheren Fundament sind seine kulturelle, spirituelle und materielle Größe und sein Reichtum gewachsen. Heute stehen wir vor der Situation einer Völkerwanderung, ähnlich wie die zu Beginn des Mittelalters: Die größte Herausforderung besteht darin, mit dem Anderssein der Neuankömmlinge, die sicherlich viele sein werden, leben zu können, denn die Migrationsströme werden nicht nur aus politischen und wirtschaftlichen Gründen, sondern vor allem aus klimatischen Gründen anhalten.

Wir dürfen uns nichts vormachen: Europa, wie wir es kennen, wird früher oder später verschwinden, nicht zuletzt wegen der sinkenden Geburtenraten. Wir Christen müssen die „kreative Minderheit“ bilden und zu diesen starken Wurzeln unserer Tradition und zu allen wahren Werten, die daraus hervorgegangen sind, zurückkehren, ohne uns jedoch den neuen Impulsen zu verschließen. Auf dieser spirituellen Grundlage können wir mit der Gnade Gottes, um die es immer zu beten gilt, die neue Einheit des neuen Europas suchen.

Jiři Kratochvil, Jahrgang 1953, Wirtschaftsstudium in Prag. Er hat viele Jahre in den Finanzabteilungen von verschiedenen staatlichen Unternehmen gearbeitet. Nach dem Fall des Kommunismus hat er der Caritas beim Wiederaufbau geholfen. Er hat in Kanada, Italien und Deutschland gelebt, sowie in Tschechien und in der Slowakei. Derzeit arbeitet er in Prag als Übersetzer in der tschechischen Bischofskonferenz.

Foto: Prag: ©Canva; Jiři Kratochvil: privat

Mit dem Blick nach vorn

Mit dem Blick nach vorn

Im Jahr 2019 finden Ende Mai die Direktwahlen zum Europäischen Parlament statt. Zwei Wochen davor, am 9. Mai, feiern wir den „Europatag“. Wenn wir gemeinsam unseren Beitrag zum Aufbau eines lebendigen und zukunftsträchtigen  Europa geben wollen, gilt es, sich in den verschiedenen Ländern und Städten rechtzeitig auf den Weg zu machen.

Es scheint, dass Miteinander für Europa noch nie so aktuell war wie heute, in einer Zeit, in der Europa zahlreiche Herausforderungen zu bewältigen hat. Wir sind überzeugt, dass Gott dieses Netzwerk nicht ohne Grund ins Leben gerufen hat.

Europa beschäftigt viele. Es ist in aller Munde. Doch wie wird es uns gelingen, uns als Christen in die Gestaltung dieses Europas einzubringen? Wir wissen,  dass wir angesichts der großen Herausforderungen nur sehr begrenzte Möglichkeiten haben. Doch gerade kleine, aber kreative und motivierte Minderheiten können Entscheidendes bewirken und zur Veränderung in einem Land und in einem Kontinent beitragen. Deshalb wird es darauf ankommen, dass wir das, was uns geschenkt ist, unser Charisma, noch mehr einbringen und zur Entfaltung kommen lassen: Unsere Berufung zur Einheit, unsere Kultur des Miteinanders ist heute wichtiger denn je.

Der 9. Mai – Europatag

Beim europäischen Trägerkreis 2017 in Wien wurde der Vorschlag von Jeff Fountain (Niederlande) und der italienischen Gruppe, den am 9. Mai gefeierten „Europatag“ mit Leben zu füllen, von vielen mit Interesse aufgenommen. In diesem Jahr ist hier und dort schon manches in Bewegung gekommen.

Im Blick auf 2019 scheint es wichtig, dass wir diesen Termin bereits jetzt in unsere Jahresplanung aufnehmen. Es gilt, uns vor Ort als Bewegungen und Gemeinschaften zusammen zu tun und die Chance dieses Tages auszuloten.

Dabei kann es hilfreich sein, auch andere Initiativen einzubeziehen, die sich für ein Miteinander in Europa einsetzen. Die Europawahlen werden zwei Wochen später stattfinden, sodass man mit öffentlichem Rückenwind und entsprechenden Gestaltungsideen rechnen kann. Der 9. Mai 2019 hat somit ein gesteigertes Bedeutungspotenzial: Er soll ein Tag der Freude, des Feierns, des Engagements und des Gebetes sein! Diverse Impulse dazu> stehen bereits online zur Verfügung.

Europa braucht unser Gebet.

Wir sehen unseren Beitrag für Europa auch im Gebet. Nach unseren Initiativen am Vorabend des 60. Jahrestages der «Römischen Verträge» am 24. März 2017 wurde deutlich, welche verändernde Kraft es entfaltet hat. Vertrauen wir darauf, dass sich im Himmel und auf der Erde vieles bewegen wird, wenn wir gemeinsam für unseren Kontinent beten.

Gerhard Proß, Diego Goller, P. Heinrich Walter

Siehe auch: Bringen Sie ihre Stadt in Bewegung>

Foto: ©Ursel Haaf – www.urselhaaf.de

Europa im „Zeitalter der Angst“

Europa im „Zeitalter der Angst“

Es gilt, immer mehr in eine «Kultur des Vertrauens», eines eben auch welthaften Gott-Vertrauens hineinzuwachsen. 

Der Beitrag von Herbert Lauenroth am Mitarbeiter-Kongress von „Miteinander für Europa – München 2016″ ist noch immer höchst aktuell. Hier der volle Wortlaut. 

Liebe Freunde!

Beginnen möchte ich meine – eher grundsätzlich gehaltenen – Überlegungen zum Thema der Angst, der Angst in Europa mit zwei eindringlichen Bildern biblischer bzw. säkularer Prägung:

(1) Im Buch Genesis ruft Gott nach dem Menschen – in einem dramatischen Augenblick: „Wo bist Du, Adam?“ – Der Ruf geht an den, der sich – schamerfüllt und angstgetrieben – in das Unterholz geflüchtet hat, der sich vor dem Anblick Gottes verbirgt, weil er sich seiner existenziellen Nacktheit und Armseligkeit bewusst geworden ist. Das Bild beschreibt unsere gegenwärtige Situation in Europa recht drastisch: Unser Kontinent verbarrikadiert sich, verschanzt sich in seiner ausweglos erscheinenden Gegenwart. Europa steckt also in diesem Unterholz, diesen Verstrickungen in die eigenen Begrenzungen und Schuldgeschichten. Dieses Unterholz ist Idomeni, die mazedonische Grenze, der stacheldrahtbewehrte Zaun an der ungarisch-serbischen Grenze, es steht aber auch für die vielfältigen Aus-Grenzungen in unserer Gesellschaft.

Liest man nun das biblische Szenarium im Blick auf den Ausbau Europas zur „Festung“ – als Maßnahme gegen die Migranten, dann gewinnt das Bild noch einmal eine andere Lesart: Dann steht hier nämlich der europäische Souverän vor uns: als der eigentlich Unbehauste, Heimatlose, Flüchtende, der auf der fatalsten aller Fluchten ist: der vor sich selbst. Europa muss also neu diesen Anruf des biblischen Gottes vernehmen: als Frage nach der Bestimmung, der Sendung und Verantwortung für sich und die Welt: „Adam/Europa, wo bist Du?“

(2) Dieses Bild einer existenziellen Enge, aus der Gott herausruft, findet seine Entsprechung in den Visionen einer kosmischen Verlorenheit des Menschen in einem indifferenten, ungastlichen Universum. Dem hat der Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal Ausdruck verliehen: „Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume macht mich schaudern!“.  Es geht hier um ein Entsetzt- oder Ausgesetzt-Sein, das den auf sich zurückgeworfenen, isolierten Menschen ängstigt – und leitmotivisch in der Geschichte Europas als „Verlust der Mitte“ oder „metaphysische Obdachlosigkeit“ beschrieben worden ist.

(3) Diese Angst vor Selbst- und Weltverlust kann aber zugleich auch einen neuen Erfahrungs-Raum erschließen:

* Der tschechische Dichter und Staatspräsident Vaclav Havel hat seinerzeit – im Rückblick auf die friedlichen Revolutionen in Ostmitteleuropa in den Jahren 1989/90 – von der ANGST als „ANGST VOR DER FREIHEIT“ gesprochen: Wir waren wie Gefangene, die sich an das Gefängnis gewöhnt hatten, und dann, aus heiterem Himmel in die ersehnte Freiheit entlassen, nicht wussten, wie sie mit ihr umgehen sollten und verzweifelt waren, weil sie sich ständig selbst entscheiden und Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen mussten. Es gilt, so Havel, sich dieser Angst zu stellen. Denn so kann sie in uns schließlich auch neue Fähigkeiten wecken: Angst vor der Freiheit kann genau das sein, was uns schließlich lehrt, unsere Freiheit wirklich richtig auszufüllen. Und Angst vor der Zukunft kann genau das sein, was uns zwingt, alles dafür zu tun, dass die Zukunft besser wird.  

* Der große protestantische Theologe Paul Tillich schließlich verortet die Angst als grundlegende Erfahrung menschlicher Existenz:  Der Mut zum Sein, schreibt er, wurzelt in dem Gott, der erscheint, wenn Gott in der Angst des Zweifels verschwunden ist. Das bedeutet: Erst die Erfahrung der Angst – als Verlust eines vormals prägenden und für unveränderlich gehaltenen Gottes-, Menschen und Welt-Bildes – setzt das frei, was hier „Mut zum Sein“ genannt wird. Der wahre – göttliche – Gott erscheint gewissermaßen im Herzen der Angst, und Er allein bewirkt Ent-Ängstigung. Und diese Erfahrung wiederum führt den Menschen zu den tieferen Erfahrungshorizonten des Seins. Gott offenbart sich in der vermeintlichen Gesichts- und Geschichtslosigkeit der Welt als Antlitz des Anderen.

(4) Es gilt also, in diese „Weltinnenräume“ biografischer wie kollektiver Ängste und Verlust­erfahrungen hinabzusteigen, um dort jenem Gott zu begegnen, der uns rettet. Zwei Beispiele:

(4.1) Yad Vashem: Mein Besuch im vergangenen Herbst in der Erinnerungsstätte an die Shoah ist mir unvergeßlich: Ich gehe wie benommen durch diese labyrinthisch anmutende Architektur und gelange schließlich zum „Denkmal für Kinder“, einem unterirdisch angelegten Raum, in dem das Licht brennender Kerzen durch Spiegel reflektiert wird. In diesem dunklen Resonanzraum körperloser Stimmen, die unablässig die elementaren Lebens-Daten der unschuldigen Opfer in Erinnerung rufen, empfinde ich eine neue, tiefe Solidarität  – gerade im Blick auf diese tiefsitzende Ur-Angst, nicht nur physisch vernichtet, sondern überhaupt aus dem kulturellen Gedächtnis gelöscht zu werden. Das Zeugnis dieses Ortes wird mir zur eigenen Erfahrung: Dem verlorenen Namen einen Ort geben, dem Namen Gottes und seiner Geschöpfe eine Erinnerung bewahren. Mein Eintrag ins Gästebuch ist ein Satz des Propheten Jesaja und bringt sowohl meine Verstörung als auch die neue Hoffnung auf die unverlierbare Nähe eines väterlichen Gottes zum Ausdruck: „Fürchte Dich nicht, denn ich habe Dich erlöst. Ich habe Dich mit Deinem Namen gerufen, Du bist mein!“

(4.2) Und im Blick auf die Großen europäischen Erzählungen der Angst beschreibt der tschechische Philosoph und Theologe Tomás Hálik eine ähnliche Erfahrung: „Das kühne Projekt der europäischen Einheit errichten wir nicht auf unbekanntem Boden oder Brachland. Wir bauen es auf einem Boden, in dessen Schichten vergessene Schätze und verbrannte Trümmer lagern, wo Götter, Helden und Verbrecher begraben sind, verrostete Gedanken und nicht explodierte Bomben liegen. Wir müssen uns von Zeit zu Zeit aufmachen und in die Tiefen Europas blicken, in die Unterwelt, wie Orpheus zu Eurydike oder der getötete Christus zu Abraham und den Vätern aus dem Alten Testament.“

(5) Für mich bündeln sich diese verschiedenen „Abstiege in die Abgründe der Angst“ in der Schilderung der Taufe Jesu bei Matthäus:

Als aber Jesus getauft war, stieg er sogleich aus dem Wasser herauf; und siehe, die Himmel wurden ihm aufgetan, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herniederfahren und auf ihn kommen. Und siehe, eine Stimme ergeht aus den Himmeln, die spricht: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.“ Mit Christus absteigen, um an jenen Nullpunkt zu gelangen, über dem sich dann ganz überraschend der Himmel öffnet. Und hier zeigt sich Gottes Lebensgesetz: „Was von oben kommt, muss von unten wachsen.“ So entsteht in, mit und durch Jesus jene „geschwisterlich“ geprägte Solidargemeinschaft, in der sich die einzelnen nicht nur als „Schwestern und Brüder“, sondern auch als „Söhne und Töchter Gottes“ erkennen, in der also „Menschenwürde“ und „Gottebenbildlichkeit“ eine untrennbare Einheit bilden.

(6) In seinen Aufzeichnungen aus der Haft „Widerstand und Ergebung“ sieht Dietrich Bonhoeffer den Kern der christlichen Identität als Antwort an die Anfrage Jesu im Moment seiner Todesangst in Gethsemane: „Könnt Ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?“ –   Es ist die Einladung zur Nachtwache an der Seite Jesu, seiner dem Vater zugewandten Gegenwart in einer säkularen  – vermeintlich gott-losen – Welt, und diese Gegenwart Jesu verwandelt unterschiedlichste Orte in Erfahrungs- und Erwartungs-Räume trinitarischen Lebens.

(7) Die „Angst“ erscheint in dieser Schlüsselstelle des Lukas-Evangeliums als privilegierter Lernort des Glaubens, an dem sich unsere diffusen, „blinden“ Ängste, bündeln und zur authentischen und erkenntnisstiftenden „Gottes-Furcht“ Jesu wandeln.

Denn:

  • In, mit, durch Jesus: ereignet sich die Ent- als echte Durch-Ängstigung des Menschen auf Gott hin: Die vermeintliche Preisgabe des Sohnes wandelt sich zur Hingabe an den Vater.
  • Einheit wächst als Erfahrung wechselseitigen Vertrauens aus der Sensibilität für das unverfügbare Geheimnis Gottes, der Alterität des anderen; die jüdische Philosophin Simone Weil hat für diese Erfahrung eine markante Formulierung gefunden: erst das vorbehaltlose „Einwilligen in die Distanz des anderen“  – so die franz. Philosophin Simone Weil – ermöglicht authentische Nähe und Gemeinschaft mit Gott und den Menschen.
  • Und also geht es darum: Das Unbekannte, Fremde, Randständige bevorzugen –  als „Lernort“ des Glaubens – in, mit, durch Jesus.
  • Das gilt gerade auch für die verschiedenen Charismen und die Gemeinschaft unter ihnen: Bei einer Begegnung des „MfE“ im November 2013 mit Jean Vanier, dem Gründer der „Arche“, in Paris wurde uns deutlich: Eigentlich besteht die Aufgabe der Charismen auch darin, das „Charisma der Welt“ zu empfangen und eben dieser Welt zu spiegeln; Vaniers Zeugnis hat uns sehr beeindruckt: nicht in erster Linie mit und für die „Adressaten“ der Seligpreisungen Jesu zu leben, sondern von ihnen her. Sie, die vermeintlich Bedürftigen und Empfangenden, sind die eigentlich Gott-Begabten und Gebenden, die Träger einer Botschaft, einer Gegen­wart Gottes, die von den Rändern wieder in die Mitte unserer Gesellschaften gelangen muss.  Der Aachener Bischof und Religionsphilosoph Klaus Hemmerle formulierte prägnant: „Lass mich an Dir die Botschaft lernen, die ich Dir zu überbringen habe“.

(8) Diese Haltung aber verlangt eine „Schubumkehr“, eine echte Metánoia im Selbst- und Weltverständnis so mancher Christen, einen neuen Glauben an die in Christus geoffenbarte Liebe Gottes zur Welt. Dabei gilt es, immer mehr in eine „Kultur des Vertrauens“, ja eines eben auch welthaften Gott-Vertrauens hineinzuwachsen, das in Jesus grundgelegt ist.

(9) Der Blick hinauf in die Kuppel des Circus-Krone-Bau lässt uns vielleicht an die Trapezkünstler denken – für mich die wahren Artisten der Ent-Ängstigung: immer im Wagnis des Vertrauens, des Loslassens und sich erneut Ausstreckens im Raum des Zukünftigen, als „Springer in der Schwebe“ (H.Nouwen). Artistischer Augen-Blick in jenem prophetischen und immer auch prekären, riskanten Zwischen von „Gnade und Schwerkraft“: als Anmut des Schwere-Losen, in der sich das Geschöpf doch immer gehalten und unterfangen, in gewisser Weise von sich „erlöst“ und zum anderen hin befreit weiß:

Ein Springer muss springen, und ein Fänger muss fangen, und der Springer muss mit ausgestreckten Armen und offenen Händen darauf vertrauen, dass der Fänger da sein wird. … Denke daran, dass du Gottes geliebtes Kind bist. Er wird da sein, wenn Du Deinen langen Sprung machst. Versuche nicht, nach ihm zu greifen. Er wird nach Dir greifen. Strecke einfach Deine Arme und Hände aus – und vertraue, vertraue, vertraue!“  (H. Nouwen)                                                                                                     

Herbert Lauenroth (Ökumenisches Lebenszentrum Ottmaring bei Augsburg), München, Circus-Krone-Bau, 01.07.2016 

Foto: Trapezkünstler ©Thierry Bissat (MfG); H. Lauenroth: ©Ursula Haaf

Das Europa der kleinen prophetischen Schritte

Das Europa der kleinen prophetischen Schritte

Wir haben es oft erlebt: Einheit in Europa ist keine Utopie und hängt nicht (nur) von Institutionen ab. Sie entsteht durch die Begegnung von Menschen: ohne Vorurteile, bereit den Reichtum, der in den anderen ist, zu entdecken, was – fast überraschend – dazu führt, dass man auf eine vertiefte Weise auch die eigene Identität wahrnimmt.

Das ist auch am vergangenen  3. Juni geschehen, als uns sechzehn Vertreter von Miteinander für Europa aus verschiedenen Bewegungen und Gemeinschaften unterschiedlicher  Kirchen (Schönstatt, Fokolar-Bewegung, Charismatische Erneuerung, Freie Christengemeinde, Kloster Wernberg) der Regionen Steiermark und Kärnten (Österreich)  in der Stadt Ljubljana (Slowenien) besuchten.

Als erste Etappe, am Morgen, drei Stunden Eintauchen in die Schönheit des Ortes: Silvester Gaberšcek, Kulturexperte, hat der Gruppe den schönsten Teil der Stadt gezeigt, das historische Zentrum von Ljubljana. Dann das Mittagessen mit einem typisch slowenischen Picknick, zu dem sich auch 15 Personen aus verschiedenen christlichen Bewegungen und Gemeinschaften Sloweniens dazugesellten. Es waren sehr schöne Momente, charakterisiert von einer Atmosphäre, wie es sie unter Schwestern und Brüdern gibt. Ja, es entstanden solche Beziehung wahrer Freundschaft, dass sich etwas von einem vereinigten Europa erspüren lies.

Danach fanden wir uns in einem Saal zusammen. Der Nachmittag begann mit typisch slowenischen Liedern. Der gegenseitigen Vorstellungsrunde folgte ein tiefer Austausch und ein Mit-teilen unserer jeweiligen Aufgaben und Einsätzen in verschiedenen Bereichen (wie zum Beispiel Aufnahme von Flüchtlingen, gemeinsame Aktivitäten mit Teens um Beziehungen unter Bürgern zu knüpfen, Referenden für Familie). Wir redeten über das, was wir schon gemeinsam tun, über unsere Zukunftsträume… und das alles bereichert mit  ausgewählten Gebeten und Liedern. Unsere Freunde aus Österreich haben ein auf Slowenisch gesungenes Gebet gelernt! In diesen gemeinsamen Stunden wurden wir alle gepackt vom Eifer und dem Feuer für den Dienst an der Einheit unseres Europas.

Um 18 Uhr haben wir uns verabschiedet, bereichert durch die neuen Bekanntschaften und entschlossen, uns bald wieder zu treffen. Erfreulicherweise wird das für einige schon im nächsten November in Prag der Fall sein.

Mariana und Pavel Snoj,  Koordinatoren für Miteinander für Europa in Slowenien

Junge Menschen lieben das Konkrete

Junge Menschen lieben das Konkrete

Hat Europa eine Zukunft? Welchen Beitrag seht ihr etwa von Seiten der Kirchen und der christlichen Bewegungen und Gemeinschaften?

Sicher hat Europa eine Zukunft! Und darin spielen die Gemeinschaften und die Kirchen einzeln und gemeinsam eine wichtige Rolle, indem sie die Zivilgesellschaft stärken. Diese wird die künftigen führenden Politiker hervorbringen und in der Zwischenzeit stärkt und fördert sie das bürgerliche Engagement. „Der grösste Schaden wird von jenen Millionen von Menschen verursacht, die einfach ‚überleben‘ wollen.“  Deshalb sind die Gemeinschaften von Bedeutung, denn sie leben und entwickeln ihre je eigenen Gaben (wie etwa Ordnung, Freiheit, Gehorsam, Verantwortung, Gleichheit, Hierarchie, Achtung, Berichtigung, Privateigentum, Kollektiveigentum, Wahrheit usw.) und machen darauf aufmerksam.

Am 9. Mai feiern wir den „Europatag“. Was löst dieses Datum in euch aus? Wie würdet ihr euch wünschen, dass die Europäer diesen Tag feiern?

Die Wahl des Datums wie auch die Initiative selbst ist gut und notwendig. Die Frage stellt sich über das „Wie“. Man müsste einen Europatag konzipieren in dem – neben den interdisziplinären Konferenzen der verschiedenen wissenschaftlichen Bereiche – auch die ganze Gesellschaft einbezogen werden könnte. Keine offiziellen Festivitäten, sondern beispielsweise „Massenkundgebungen“, ähnlich dem Projekt mit den Kulturhauptstädten. Die Erfahrung zeigt, dass es immer die Politik ist, die offizielle Feierlichkeiten organisiert. Aber diese Nutzung zu eigenen Zwecken hält  die Menschen von solchen offiziellen Anlässen fern.

Wenn du Präsident/in der Europäischen Kommission wärst (d.h. wenn du eine verantwortliche Funktion mit Entscheidungsbefugnissen innehättest), welche Prioritäten, um die Gemeinschaft unter den europäischen Völker zu erhalten und zu fördern, stünden in der Agenda?

Keine Uniformität anstreben, sondern vielmehr auf der Grundlage der gegenseitigen Anerkennung der Identität und der Solidarität die Integration fördern, stärken und beschleunigen. Es liegt auf der Hand, dass dieses schwache föderative System nicht funktioniert. Ein Beispiel sind die USA, wo man vergeblich eine gemeinsame Sprache spricht und man freiere Foren durch zentralistische verdrängt hat. Internationale Projekte wie etwa ERASMUS weiterführen und auf Forscher und Dozenten an Universitäten erweitern, aber mit der Zeit auch auf Erzieher und Lehrer der unteren Stufen. Unabhängig von der Studienrichtung müsste für alle Studierenden ein obligatorischer Semesteraufenthalt im Ausland eingeführt werden. Interuniversitäre Kurse zwischen benachbarten Ländern müssten regelmässig stattfinden (z.B. in Form von Sommer-Universitäten).

Wie seht ihr Europa im Kontext der aktuellen Weltpolitik?

Europa steht vor zwei wesentliche Herausforderungen. 1. Die Frage der Einheit: Wenn es Europa nicht gelingt die Einheit zu festigen und ihr Ausdruck zu verleihen, wird es an Gewicht einbüssen (siehe 2. Herausforderung). 2. Die Korruption: Jeder auch noch so kleine wirtschaftliche, moralische oder sexuelle Missbrauch kann der internationalen Gemeinschaft grossen Schaden zufügen, unabhängig davon, ob von einer öffentlichen oder privaten Instanz verübt. Dies kann nur und vor allem durch eine beständige und gemeinsame Gewissensprüfung (Reflexion) verhindert werden.

Es scheint, dass junge Menschen sich wenig Gedanken über die Zukunft Europas machen. Ist das so?

Junge Menschen lieben das Konkrete. Nicht-Greifbares interessiert sie nicht. Man müsste z.B. die Anzahl der Studenten im ERASMUS-Programm erhöhen und mehr in Auslandstudienprogramme investieren, damit sich die Jugend besser kennenlernen kann. Zudem bräuchte es konkrete europäische Ziele, an die sie glauben und wofür sie sich begeistern könnten.

Wie denkt ihr über die populistischen Tendenzen? Könnte es in einem MITEINANDER nicht besser gehen? Aber wie?

Erstens sind sie die Konsequenz der letzten Wirtschaftskrise; zweitens auch der verschiedenen bewaffneten Konflikte und Auseinandersetzungen (beispielsweise durch fremde Einmischungen); drittens sind sie durch den Nationalismus verursacht, der eine Frucht der oben erwähnten Realität ist; eines Nationalismus der nicht durch die Europäische Union repräsentiert ist, aber von den Populisten benutzt wird. Zudem haben die Wähler keinen Bezug zu den europäischen Politikern, sondern sehen und kennen nur die Politiker des eigenen Landes. Diese sind direkt verantwortlich dafür, wie die ursprünglichen Berichte von Bruxelles dem eigenen Land vermittelt werden; die Bevölkerung glaubt dann ihnen.

Auf jeden Fall müssen wir lernen miteinander vorwärts zu gehen. Wie? Siehe dazu die obigen Antworten. Der erste Schritt könnte der Wunsch sein, persönlich zu handeln und dann auch gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, aus der Erkenntnis der Effizienz und der Rolle des Miteinanders heraus.

Zsófia Bárány, PhD, und Szabolcs Somorjai, PhD, Ungarn, Universitätsassistenten im Bereich Gesellschaft, Wirtschaft in der Neuzeit, Politik und Kirchengeschichte.

 

 

 

 

 

 

Bei uns selbst beginnen

Bei uns selbst beginnen

Wie siehst du Europa im Kontext der aktuellen Weltpolitik?

Als einen Kontinent, über den viel geredet wir und der sich als den Nabel der Welt hält. Ist das nicht sehr egoistisch? Es gibt nicht nur die Probleme Europas!

Der 9. Mai ist Europatag: Wie würdest du dir wünschen, dass die Europäer diesen Tag feiern?

Indem wir das hervorheben, was wir als Europa gemeinsam haben.

Es scheint, dass sich junge Menschen wenig Gedanken über die Zukunft Europas machen. Ist das so?

Ich denke, dass dies bei jeder Person verschieden ist. Auch ich könnte mich mehr dafür interessieren. Mir scheint aber, dass sich die meisten Jugendlichen doch interessieren, etwa jene, die studieren oder in die Arbeitswelt einsteigen, denn sie erhoffen sich eine gute Zukunft für ihre Kinder. Europa ist unser Haus und sie hoffen, dass es auch in Zukunft Bestand hat. Aber manchmal schwindet das Interesse an der Politik, weil an den Schalthebeln der Macht Menschen sitzen, die sich nicht gut benehmen.

Wie denkst du über die populistischen Tendenzen? Könnte es in einem ‚Miteinander‘ nicht besser gehen? Aber wie?

Populismus gefällt mir ganz und gar nicht. All‘ diese Versprechungen vor den Wahlen – und dann… Wie können wir noch glauben? Und wem? Es gefällt mir nicht, dass diese Leute an der Macht sind, aber ich wüsste nicht, wie man dies ändern könnte und der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen. Wir müssen aber auch das Positive sehen. Die Menschen wollen eine Veränderung. Es kann in Zukunft eine Besserung geben. Wie immer, müssen wir aber bei uns selbst beginnen. Nicht in der Kritik verharren, sondern unser Bestes geben, unserem Nächsten, unserer Familie, unseren Freunden.

Maria Kilbergrova, Tschechische Republik

Die Freude Europäer zu sein

Die Freude Europäer zu sein

Es scheint, dass sich junge Menschen wenig Gedanken über die Zukunft Europas machen.  Ist das so?

Meiner Meinung nach stimmt das nicht. Es gibt viele, die sich interessieren, aber man sieht sie nicht immer. Sichtbar sind vor allem jene, die die europäische Einheit nicht wollen. Dies müsste eine Herausforderung sein für alle Pro-Europäer, die für ein vereintes Europa eintreten.

Wie siehst du Europa im Kontext der aktuellen Weltpolitik?

Europa muss ein großes Beispiel an Demokratie geben, an Einheit und an  Zusammenarbeit. Es muss zeigen, dass die Demokratie eine bessere Lebensgrundlage ist.

Am 9. Mai feiern wir den „Europatag“. Was empfindest du bei diesem Datum? Wie würdest du dir wünschen, dass die Europäer diesen Tag begehen?

Für mich ist es ein wichtiges Datum. Es wäre ein Tag, an dem alle die Tatsache feiern könnten, dass wir in Frieden leben können, zumindest in weiten Teilen Europas. Vermutlich werden nicht ihn nicht alle öffentlich feiern, aber jeder sollte auf seine Weise der Freude Ausdruck verleihen, dass er ein Bürger Europas ist.

Wenn du Präsident der Europäischen Kommission wärst, also Entscheidungsbefugnis hättest, welche Prioritäten würden in deiner Agenda stehen um die Gemeinschaft unter den europäischen Völker zu erhalten und zu fördern? 

In erster Linie würde ich allen sagen, dass wir vor dem Gesetz gleich sind und als Bürger der Europäischen Union die gleichen Rechte haben. In den Ländern, die der EU erst seit kurzem angehören, sehen die Menschen nur die Unterschiede. Der Westen ist entwickelt, der Osten ist noch rückständig. In meiner Agenda würde stehen: Den Bürgern der EU sagen, dass wir alle gleich wichtig und unentbehrlich sind.

Hat Europa eine Zukunft? Welchen Beitrag siehst du etwa von Seiten der Kirchen, der christlichen Bewegungen und Gemeinschaften?

Europa hat eine große Zukunft! Europa ist für die Welt wichtig und sollte ein Beispiel sein. Es sollte zeigen, dass wir eins sind (was das Schwierigste ist) und dass es im Stande ist, alle anzunehmen. Der Beitrag der Kirchen und der Bewegungen müsste der sein, zu zeigen, dass wir keine Heuchler sind, die etwas sagen, aber etwas anderes tun. Wir müssen uns den anderen öffnen und sie annehmen. Dies gilt nicht nur für  Migranten, die nicht aus EU-Länder kommen, sondern auch innerhalb der EU selbst: Es darf keine Unterschiede zwischen Ost und West geben.

Wie denkst du über populistische Tendenzen? Könnte es in einem Miteinander nicht besser gehen? Aber wie?

Dies ist zurzeit wohl eine der schwierigsten Fragen. In den letzten Jahren haben wir erlebt, wie in fast allen Ländern der EU (und nicht nur dort) politische Parteien gewählt wurden, die sich mit populistischer Propaganda durchgesetzt haben. Dies ist auch in der Slowakei geschehen. Und es war nicht nur eine politische Partei. In den letzten Februartagen 2018  wurde in der Slowakei ein Journalist und seine Verlobte ermordet. Der 27 Jahre junger Mann schrieb über die Verbindung der Regierung (verschiedene populistische Parteien) mit der Mafia. Viele Slowaken haben darauf beschlossen, gemeinsam zu demonstrieren und mit ihrem Protest zu zeigen, dass sie genug von diesen Populisten haben. Aber miteinander. Friedlich, ohne Gewalt. Mit Angst, aber ohne Wut. Dies könnte ein Beispiel sein, wie man etwas miteinander tun kann. Sich vereinen, nicht nur als Bewohner einer Stadt, eines Landes, sondern als Bewohner der Europäischen Gemeinschaft. Als Bürger Europas.

Tomas Angelovic, Slowakei, 27 Jahre; Studium der Politikwissenschaften; Studiengang an der Sophia Universität in Loppiano (Italien)

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Der 9. Mai ist “Europatag”. Was kommt dir in den Sinn, wenn du von diesem Datum hörst? Wie würde es dir gefallen, dass dieser Tag von den Europäern gefeiert wird?

Ich sehen diesen Tag als eine Chance, an dem die Länder in Europa gemeinsam grenzübergreifend Aktionen starten. Dabei kommt es nicht auf ein großartiges Programm an, sondern auf einfache Weise, z. B. spielerisch, einander kennen zu lernen und Gemeinsamkeiten anstatt Unterschiede zu finden. Dafür wäre ein ungezwungener Gesprächsraum vonnöten. Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit wäre dabei die Erreichung des wertvollsten Zieles.

Wenn du Präsidentin der Europäischen Kommission wärst, welche Prioritäten würdest du für den Zusammenhalt von Europa auf die Agenda setzen?

Keine Abgrenzung der Länder gegenüber der anderen. Dort wo man einfach hinreisen kann, fühlt man sich schneller wohl. Gastfreundschaft im eigenen Land für die anderen wäre ein wichtige Voraussetzung, einander zu verstehen und wertzuschätzen. Ich würde versuchen den anderen die Vorteile und die große Bereicherung eines „offenen“ Europas zu offenbaren. Dafür wären konkrete Beispiele und bereits kleine Erfolge nötig, die man vortragen könnte.

Hat Europa eine Zukunft? Welchen Beitrag siehst du z.B. seitens der Kirchen und geistlichen Gemeinschaften?

Offenheit und Transparenz! Wenn die Kirche offen kommuniziert was sie etwa mit Geldern, Aktionen usw. plant, wird das den Bürgern mehr helfen ihr auch zu vertrauen. Wenn die Kirche dafür bekannt ist, die Menschen zu vereinen, kann sie damit auch Grenzen in den Herzen der Leute überwinden. Programme für die Jugend, Zusammenführung von Einheimischen, Migranten, Flüchtlingen möglich machen und diese nicht als Flüchtlingsprogramm propagieren, sondern die Vielfältigkeit der Länder und den verschiedenen Menschen positiv hervorbringen. Europa hat eine Zukunft, wenn die Menschen anfangen zu verstehen, dass wir in unserer Unterschiedlichkeit eine Bereicherung füreinander sein können, wenn Fähigkeiten etc. nur richtig einsetzt werden.

Wie siehst du Europa im Kontext der heutigen Weltpolitik?

In Europa wurde schon viel erreicht. Dass man in verschiedene Länder innerhalb Europas reisen kann und Partnerschaften geschlossen wurden, die z.B. den Schüleraustausch und das Freiwillige Soziale Jahr ermöglicht haben, ist ein Geschenk. Diese Erfahrungen, sollten mehr publik gemacht werden, damit die Bürger der Länder diesen Schatz bewusster wahrnehmen können. Europa sollte seine positiven Seiten mehr ausstrahlen. Wir haben in der Regel gute finanzielle Absicherungen und Sozialhilfen. Sollten wir nicht dankbar sein für alles, was wir schon haben?

Es scheint, dass sich Jugendliche wenig um die Zukunft Europas kümmern. Stimmt das deiner Meinung nach?

Meine Erfahrung ist, dass wir als Jugendliche oft etwas überfordert sind mit all dem, was um uns herum auf der ganzen Welt passiert. Politik interessiert nur noch einen Teil der Jugendlichen, die schätzungsweise durch ihr Umfeld schon einiges auf den Weg mitbekommen haben. Es gibt viele Probleme in der Welt, bei denen vor allem die Jugend nichts ausrichten kann (zumindest denkt sie so). Daher gilt ihr Interesse oft mehr den Dingen, in denen sofort Ergebnisse gesehen und erzielt werden können. Politik wird oft zu sehr verkompliziert und benutzt ein Fachsprache, die den meisten unzugänglich ist. Für die Jugend müsste mehr Anreiz gegeben werden, sich für Politik zu interessieren mit der Perspektive, auch etwas bewirken zu können.

Wie denkst du über populistische Tendenzen? Würde es in einem Miteinander nicht besser gehen? Aber wie…?

Da wir heutzutage vom Kapitalismus (ich rede jetzt von Deutschland) beherrscht werden, sind populistische Tendenzen fast nicht mehr wegzudenken. Es gilt immer nur noch mehr Gewinn zu erzielen und dabei auf Schwächere keine Rücksicht zu nehmen. Menschen die nur auf Profit zielen, sehen keinen Gewinn darin, Schwächere zu unterstützen, denn das erfordert Zeit, Arbeit und Einsatz. Die Mittelschicht verschwindet immer mehr und die Diskrepanz zwischen arm und reich wird größer. Ein Miteinander wäre möglich, wenn man versteht, das man durch unterschiedliche Fähigkeiten auch Gewinn erzielen kann. Vielleicht fällt dieser dann geringer aus, aber dafür gewinnt man an menschlichen Beziehungen, Gesundheit, Werten usw.. Zuerst muss verstanden werden, dass man durch das nur an sich denken automatisch nicht mehr glücklich wird; dass Menschen, die weniger haben aber aufeinander zählen und bauen können, einen weitaus größeren Schatz gefunden haben.

Katharina Pinzer, Jahrgang 1994, Erzieherin, Arbeitserfahrung mit Migranten, lebt derzeit in Nürnberg 

 

Eine europäische Kultur ist vonnöten

Eine europäische Kultur ist vonnöten

Wenn du Präsident der Europäischen Kommission wärst, welche Prioritäten stünden auf deiner Agenda, um die Gemeinschaft unter den europäischen Völker zu erhalten und zu fördern?

Die dringlichste Reform, die es auf europäischer Ebene anzugehen gilt, ist nicht die politische oder wirtschaftliche, sondern die kulturelle. Es bräuchte ein umfassendes Wissen darüber, wie die europäischen Institutionen funktionieren; auch sollten Programme nachhaltig finanziert werden, die sich mit unserem Wunsch des Zusammenseins und mit der geschichtlichen Tragweite des Experiments der europäischen Integration befassen. Es wäre wichtig, in den künstlerischen und kulturellen Bereich (Musik, Kunst, Film) zu investieren und dabei vor allem das junge Publikum im Auge zu haben. Man müsste also ein Bewusstsein und ein Gefühl der Zugehörigkeit zur Union schaffen.

Hat Europa eine Zukunft? Welchen Beitrag dazu siehst du etwa von Seiten der Kirchen oder der christlichen Bewegungen und Gemeinschaften?

Die christlichen Gemeinschaften könnten die Angelpunkte sein, auf die sich das künftige europäische Projekt abstützen kann. Die im Christentum implizite Botschaft der Gemeinschaft, seine Aspekte der gesellschaftlichen Solidarität und der zivilen Verantwortung, die das geistliche Wachstum in der christlichen Religion begleiten, sind an der Basis unseres Zusammenseins und unserer Verbundenheit in der Vielfalt. Die Geburt Europas verdanken wir großen Staatsmännern, die diesen Geist der Geschwisterlichkeit teilten. Diese Dimension gilt es neu zu entdecken.

von Federico Castiglioni (Rom, 17/11/88). Nach dem Studium der Politikwissenschaften ist er derzeit Doktorand für europäische und internationale Studien an der Universität Roma Tre. Zu Themen wie Aktualität Europa oder der Rolle der Europäischen Union in der globalen Welt, hat er verschiedene populärwissenschaftliche und wissenschaftliche Artikel veröffentlicht. Er ist Beauftragter für die Außenbeziehungen der Jungen Europäischen Föderalisten (GEF Italien).  

 

 

 

 

Hat die Hoffnung eine Zukunft?

Hat die Hoffnung eine Zukunft?

Längst sind sie zahllos, die Forschungen auf kirchlichem, gesellschaftlichem und kulturellem Gebiet, was die Zukunft des europäischen Kontinents betrifft. Auch das „Europäisches Jahr des Kulturerbes“ lenkt einen weiten Blick darauf. Haben die Bewegungen und Gemeinschaften einen spezifischen Beitrag zu leisten?

Hat die Hoffnung eine Zukunft oder ist unsere Welt heillos in Krisen und Probleme verstrickt? Falls die Zukunft wirklich noch eine Chance bekommt, wie sollten wir sie nennen – diese neue Welt? Und braucht sie womöglich Unterstützung von gesellschaftlichen, um nicht zu sagen religiösen Gestaltungskräften?

  1. Die Zukunft braucht Hoffnung, wenn wir nicht in der gegenwärtigen Dauerkrise feststecken und daran verzweifeln wollen.
  2. Die Zukunft braucht jedoch nicht nur viel Hoffnung, sondern die erhoffte Welt auch einen anderen Namen als den der Moderne, weil das Und-so-weiter der modernen Gesellschaft empfindlich gestört ist und wir an mannigfachen Orientierungskrisen leiden. Wenn die Zukunft anders werden soll, dann steht am Ende einer Entwicklung zum Besseren die so genannte postmoderne Gesellschaft.
  3. Ob es am Ende auf eine bessere Wirklichkeit hinausläuft, hängt nicht zuletzt von entsprechend frischen kulturellen Gestaltungskräften ab. Hier kommt der Beitrag von neuen geistlichen Bewegungen und auch von neuen sozialen Bewegungen zur Geltung: Sie zielen mit ihren hohen Idealen immer schon auf ein Morgen und nehmen deshalb einen Teil dieses Gesellschafts- wie Kirchenprogramms an sich schon vorweg. Kurzum: Sie zeigen schon heute, wie es morgen anders gehen könnte!

Es stellen sich zwei Herausforderungen: Einerseits stecken wir in einer tiefen Systemkrise der modernen Gesellschaft; jetzt reicht es nicht mehr, sich an die neuen Umstände ständig neu anzupassen – ein grundlegender Wandel unserer modernen Zivilisation hat eingesetzt und abverlangt von uns ein neues Denken und Handeln! Die zweite Herausforderung liegt in den neuen geistlichen Bewegungen selbst: Ihr Glaube, ihr Engagement und besonders ihre Zuversicht sind auf dem Weg aus der Krise sehr gefragt, weil sie das nötige Vertrauen in die Zukunft schaffen. Aber die neuen geistlichen Bewegungen müssen sich dazu stärker als bisher als kulturelle Gestaltungskräfte verstehen und entsprechend verhalten. In gewisser Weise müssen sie mehr soziale Bewegung werden.

Es braucht heute einen Blick nach vorne; anders gesagt: eine Versöhnung mit der Zukunft.

Und dafür sind die neuen sozialen Bewegungen, aber noch mehr die neuen geistlichen Bewegungen wie geschaffen. Zukunftsvisionen gehören zu ihnen wie der Mitgliedschaftsausweis zur Organisation. Bewegungen bieten nicht nur konkrete Alternativen für andere Lebensorientierungen, sondern sie öffnen damit vor allem moderne Verengungen. Beispiel modernes Individuum: Daraus wird bei ihnen (wieder) eine soziale bzw. religiöse Person mit entsprechenden Bindungen und Verantwortungen in ihrer konkreten Lebenswelt.

In dieser Hinsicht steht den neuen geistlichen Bewegungen allerdings eine Bewährungsprobe ins Haus. Aus Sicht der Bewegungsforschung müssen sie zeigen, dass sie als geistliche Bewegung nie nur geistliche, sondern immer auch soziale Bewegung sind – und im Glauben eine kulturelle Gestaltungskraft nutzen. Dann sind sie selbst den neuen sozialen Bewegungen überlegen, weil sie nicht wie diese auf bestimmte Themen festgelegt sind, sondern mit Gott und der Welt eine unbegrenzte Reichweite haben. Das Miteinander der geistlichen Bewegungen und ihrer Kirchen ist dabei entscheidend: Nur eine versöhnte Kirche kann einen glaubwürdigen Beitrag zur Versöhnung leisten. Allerdings wird ein „Miteinander für Europa“ bei einer Versöhnung mit der Zukunft nicht reichen; ein Miteinander für die ganze Welt von morgen ist gefragt.

Auszug aus dem Beitrag von Michael Hochschild, Kongress „Miteinander für Europa“ 1.7.2016 München

Prof. Dr. Michael Hochschild, Forschungsdirektor und Professor für postmodernes Denken am Time-Lab Paris/Institut d’Études et de Recherches postmodernes; studierte Pädagogik, Soziologie, Philosophie, Psychologie und Theologie in Hamburg, Frankfurt und Bielefeld.

Hier den vollständigen Text herunterladen:  

2016 07 01 MfE M Hochschild Versöhnung-mit-der-Zukunft (40.4 KB, 82 downloads)

 

Eine Kultur des Miteinanders zeichnet sich ab

Eine Kultur des Miteinanders zeichnet sich ab

Samstag, 9. Dezember 2017, CVJM-Haus in Würzburg:  ca. 100 Personen aus fast 50 in Deutschland aktiven Initiativen, Gemeinschaften und Bewegungen, die dem Miteinander für Europa verbunden sind, kommen zu ihrem nationalen Treffen zusammen.

„Miteinander – wie sonst? So lässt sich für mich überschreiben, was wir an diesem Tag in Würzburg erlebt haben. So viel gemeinsame Wegstrecke, bei der immer wieder aufgeleuchtet ist, was uns verbindet und welche Kraft versöhntes Miteinander hat! In der Tat zeichnet sich hier eine „Kultur des Miteinanders“ ab, der ich von Herzen wünsche, dass sie in unseren Gemeinschaften, in unserem Land, aber auch in ganz Europa Raum gewinnt“, fasst Sr. Nicole Grochowina von der Christusbruderschaft Selbitz, ihren Eindruck von diesem Tag zusammen. Und sie fährt fort: „Und deshalb bin ich ganz dafür, dass wir uns weiter besuchen und Grenzen überschreiten; dass wir in Ost und West neue Freunde finden und dass wir dem Miteinander quer durch Europa weiterhin Gestalt geben – und auch uns davon beschenken lassen.“

Tagesthemen

Neben einem Rückblick auf Miteinander-Erfahrungen stand in diesem Jahr, 18 Jahre nach seiner Gründung, vor allem die Frage nach dem zukünftigen Weg des ökumenischen Netzwerkes im Mittelpunkt der gemeinsamen Überlegungen.

„Die Einheit des Volkes Gottes, besonders hinsichtlich der Frage, wie Ost- und Westeuropa mehr zusammenkommen können, ist eine Herausforderung für den zukünftigen Weg des Miteinanders“, berichtete Gerhard Proß vom kürzlich stattgefundenen europäischen Trägerkreis-Treffen in Wien.

Miteinander – Erfahrungen 

Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer erzählten spontan über ihre positiven Erfahrungen des vergangenen Reformations-Gedenk-Jahres. Gute Erfahrungen gab es auch mit dem „Gebet für Europa“ anlässlich des 60. Jahrestag der „Römischen Verträge“ und im Anschluss an den Versöhnungsgottesdienst der evangelischen und katholischen Kirche in Hildesheim. Roswitha Fürg, Fokolar-Bewegung Solingen, ist „beeindruckt von der Offenheit und Tiefe des Miteinanders, das im Laufe der Jahre gewachsen ist. Die spontanen Berichte der Teilnehmer zeigten, wie Gott an vielen Orten Menschen unterschiedlicher Konfessionen und Gemeinschaften dazu führt, sich für Einheit einzusetzen.“

Früchte des „Miteinander“ nach 18 Jahren

Anhand des Bildes eines Baumes im Wachstum leitete Schwester M. Vernita Weiß, Schönstatt-Bewegung, in einem weiteren Schritt den gemeinsamen Blick auf Früchte des Miteinander für Europa nach 18 Jahren. Angesprochen wurden die tiefen Wurzeln, aus denen ein fruchtbarer Baum der Einheit für Europa gewachsen ist und wächst.

Europa in der Herausforderung – Eine Kultur des Miteinanders

Hinsichtlich eines Europas, das aus politischer Sicht vor vielfältigen Herausforderungen steht, sieht Gerhard Proß den Auftrag von Miteinander für Europa zunächst darin, das Miteinander zu leben und sich vor allem im Gebet für Europa zu engagieren. Allerdings braucht es auch die Unterscheidung der Geister. „In einer Zeit, in der die alten Ungeister, die Europa schon mehrfach in die Katastrophe geführt haben, wieder Urstände feiern, sprechen wir unser Nein zu den Nationalismen und desto klarer unser Ja zum Evangelium, zur Versöhnung und zur Liebe (…) Ja zu einer Kultur der Beziehung und der Bündnisse – Nein zu aller Vereinfachung und zu platten Lösungen. (s. auch Beitrag zum 60. Jahrestag der Römischen Verträge, 24.3.2017 

Schritte auf dem Weg in die Zukunft

Hinsichtlich der nächsten Schritte, teilten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Vorschläge, die sich während dem jährlichen Trägerkreises-Treffen in Wien entwickelt hatten. Besonders angeregt wurden u.a. Begegnungen und gegenseitiges Kennenlernen mit Partnern in Zentral- und Osteuropa sowie die Idee, den 9. Mai (der schon als Europatag gilt) 2018 und 2019 als einen „Tag des Miteinanders für Europa“ in den Städten und Regionen zu feiern.

„Wir haben eine ausgeprägte Atmosphäre der gegenseitigen Wertschätzung und Achtung, aber auch der Ehrlichkeit erfahren“, beschreiben Ehepaar Elisabeth und Hans-Georg Hagmann, Schönstatt-Bewegung, ihren Eindruck. Johannes Golling, Vorsitzender des Julius-Schniewind-Haus e.V. fasst sein Erlebnis des Tages so zusammen: „Das Sich-Begegnen und –Besuchen, das Schließen von Freundschaften, das Aufeinander-Hören und sich öffnen für das, was dem anderen heilig ist, entwickelte in der Vergangenheit eine Dynamik, die an diesem Tag noch einmal an einer Fülle von Beispielen vor Augen geführt wurde“.

Siehe auch die ausführliche Berichterstattung auf der deutschen Homepage >

Text und Foto: Heinrich Brehm 

Europa, eine Friedensverheißung

Europa, eine Friedensverheißung

Ein Kongress im Vatikan um Europa zu überdenken. Miteinander für Europa war dabei.

Heute sind die Christen aufgerufen, Europa wieder eine Seele zu geben, sein Gewissen wieder wachzurufen, nicht um Räume zu besetzen – dies wäre Proselytismus –, sondern um Prozesse in Gang zu bringen, die neue Dynamiken in der Gesellschaft erzeugen.” Diese Worte gab Papst Franziskus den 350 Teilnehmern des Kongresses (Re)Thinking Europe. Ein christlicher Beitrag zur Zukunft des europäischen Projekts der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE) in Zusammenarbeit mit dem Staatssekretariat (Vatikan, 27.-29. Oktober 2017) mit. Die Begegnung hatte zum Ziel, den christlichen Beitrag zum europäischen Projekt deutlich zu machen, mit der Hoffnung, dass der hier begonnene Dialog für Europa und seine Institutionen in diesen schwierigen Zeiten hilfreich sei.

Der Präsident der COMECE, Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising, zeichnete ein Bild von Situation, Perspektiven, Herausforderungen und Hoffnungen des Kontinents. Es ging um Themen wie Umwelt, Arbeit, Flüchtlingskrise, „es geht um einen klaren Blick auf unsere Gegenwart und vor allem auf die Zukunft“, wie er bei der Eröffnung am 27. Oktober sagte.

Für Erzbischof Jorge Ortiga von Braga, Delegierter der Portugiesischen Bischofskonferenz an der COMECE, „braucht die Europäische Union eine Seele, etwas Neues. Es geht nicht nur um Territorium oder Wirtschaft, sondern darum, sich der Verantwortung bewusst zu werden, eine gemeinsame Gesellschaft aufzubauen, Ausdruck eines einzigen Leibes, aber in der Verschiedenheit, unter Achtung jeder Kultur, jeden Landes, in dem, was ihm zu eigen ist.”

András Fejerdy, Professor an der Katholischen Universität von Budapest, stellte fest, dass „die Berliner Mauer vor nunmehr 25 Jahren gefallen ist, aber die Mauer in unseren Köpfen noch nicht. Vielleicht kennen wir im Ostteil Europas Geschichte, Kultur und Gedankengut des westlichen Europa. Aber uns begegnen dort viel Unverständnis, weil das Wissen fehlt. Beim Workshop, an dem ich teilgenommen habe, waren Vertreter aus Ost- und Südeuropa. Es war interessant zu sehen, dass wir die gleichen Hoffnungen und Ängste im Blick auf die Zukunft Europas teilen.”

Katrien Verhegge, Generaldirektorin von Kind en Gezin (Kind und Familie), Belgien: „In diesen Kontext bringen wir unsere Botschaft von Einheit und Verschiedenheit. Für mich bedeutet das, zum Wesentlichen zurückzukehren: zur Liebe und zur Goldenen Regel. Darüber können wir uns einig sein: Tu dem anderen nicht, was du für dich nicht möchtest. Wenn wir anfingen, von diesem Punkt her Europa neu zu denken, wären wir schon einen Schritt weiter.”

Pedro Vaz Patto, Präsident der Kommission Justitia et Pax in Portugal, sieht derzeit „eine Vertrauenskrise gegenüber Europa. Wir haben versucht, als Christen unseren Beitrag zu Europa zu geben, das immer auf der Suche nach einer Seele ist. Das Motto der EU ist ‚Einheit in Verschiedenheit‘. Wir Christen glauben an einen Gott, der eins und dreifaltig ist. Dieser Glaube hilft uns die Einheit in der Verschiedenheit zu leben, vor allem mit unserem Zeugnis, und das zwischen christlichen Bewegungen, Kirchen, Menschen.”

Unter den Teilnehmer an der Begegnung ist auch Ilona Toth, Beauftragte der Fokolar-Bewegung für Miteinander für Europa, ein Projekt von derzeit über 300 Gemeinschaften und Bewegungen verschiedener Kirchen auf dem ganzen Kontinent. Unter Wahrung ihrer Eigenständigkeit bringen die verschiedenen Gruppierungen ihren spezifischen Beitrag in die Zusammenarbeit für gemeinsame Ziele ein. Sie sagte: „Das Projekt ist in diesem Zusammenhang mit Interesse aufgenommen worden. Wir wurden nach Brüssel eingeladen, um eine Zusammenarbeit zu beginnen. Den europäischen Völkern muss ihre Verantwortung für ihre Zukunft bewusst gemacht werden.”

 

Von Bedeutung die Anwesenheit von Verantwortlichen verschiedener Kirchen, darunter der Präsident der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Heinrich Bedford-Strohm, und Vertreter der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK): der Generalsekretär, P. Heikki Huttunen, und die Vizepräsidentin, Rev. Karin Burstrand.

Der Einsatz der Christen in Europa, sagte Papst Franziskus zum Abschluss seiner Ansprache, muss „eine Friedensverheißung darstellen. … Dies ist also nicht die Zeit, um Schützengraben auszuheben, sondern um den Mut zu haben, für die volle Verwirklichung des Traums der Väter von einem geeinten und einträchtigen Europa als einer Gemeinschaft von Völkern zu arbeiten, die sich nach einem gemeinsamen Ziel der Entwicklung und des Friedens sehnen.” (Franziskus, Ansprache an die Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft, 28. Oktober 2017)

Quelle: SIF  

Ansprache von Papst Franziskus> 

Video: https://vimeo.com/240377109

Der Trägerkreis von Miteinander für Europa tagt in Wien

Der Trägerkreis von Miteinander für Europa tagt in Wien

2017 trifft sich der Trägerkreis des Netzwerkes zu seinem jährlichen Kongress (9.-11. November) in Wien, Tor zwischen Ost und West des europäischen Kontinents

Es werden ca. 120 Teilnehmer aus rund 20 west- und osteuropäischen Ländern und 40 Bewegungen erwartet, um sich vor allem über drei Themen auszutauschen:

  1. Welche Kultur entsteht aus der Geschichte des Miteinander für Europa?
  2. Worin besteht unser spezifischer Beitrag zu Europa?
  3. Dialog zwischen Ost und West: eine gegenseitige Bereicherung

Von England bis Russland, von Portugal bis Griechenland spannt sich das Netz der Menschen, die mit diesem Treffen die Gemeinschaft unter ihren Charismen erneuern wollen. Ihr gemeinsamer Auftrag: ein geeintes und vielfältiges Europa mit starker sozialer Bindekraft und kultureller Vielfalt aufzubauen.

Am Ankunftstag, dem 9. November 2017, findet im Stephansdom ein ökumenisches Gebet für Europa statt, zu dem jeder eingeladen ist, der sich den Frieden in Europa und in der Welt wünscht.

Gemeinsam mit Christoph Kardinal Schönborn, Erzbischof von Wien, mit Weihbischof em. Helmuth Krätzl, mit Bischofsvikar Ivan Petkin, bulgarisch-orthodoxe Kirche in Österreich, mit Chorepiskopos Emanuel Aydin, syrisch-orthodoxe Kirche in Österreich, mit Patriarchaldelegat P. Tiran Petrosyan, armenisch-apostolische Kirche, und mit Revd. Patrick Curran, Bischofsvikar der östlichen Diözese der Anglikanischen Kirche in Europa, werden die Anwesenden Nöte und Chancen unseres Kontinents vor Gott bringen. Das Gebetsanliegen ist aktueller denn je: Einheit in Vielfalt, Friede in Gerechtigkeit.

Ein Grußwort haben zugesagt: Thomas Hennefeld, Landessuperintendent der Evangelisch-reformierten Kirche in Österreich und Vorsitzender des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich, sowie Jörg Wojahn, Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich.


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Jahrzehnte des Staunens

Jahrzehnte des Staunens

Mit der metaphorischen Bezeichnung „hinter dem Eisernen Vorhang“ waren einst jene Staaten gemeint, die nach dem zweiten Weltkrieg und bis 1989 zum kommunistischen Block gehörten. Sie wurden so genannt aufgrund der „eisernen“ ideologischen Grenze, die damals Europa teilte und die in der Berliner Mauer sichtbar wurde.

Als ich mich für Studien in Prag, in der damaligen Tschechoslowakei, aufhielt, war die Erinnerung an Jan Palach noch sehr wach unter den Uni-Studenten und man sprach von ihm wie von einem Helden: Am 16. Januar 1969 hatte er als brennende Fackel die Welt auf die verzweifelte Lage seines Volkes aufmerksam gemacht. Mein erster Eindruck war, dass in derselben Stadt zwei Welten lebten: eine scheinbare, offizielle und eine verborgene, aber sehr lebendige.

Dieselbe Erfahrung machte ich auch in Ungarn, als ich 1980 dort eintraf. Die Nachrichten aus diesen Länder kamen nur zensuriert und kontrolliert in den Westen. Von Ungarn wusste man sehr wenig, abgesehen von den tragischen Ereignissen von 1956. Ich kam nach Budapest mit einem Stipendium für Forschungen über Kinderliteratur. Danach ereigneten sich eine Reihe von erstaunlichen Überraschungen, die schon an ein Wunder grenzten: Ich konnte in Ungarn bleiben und zwar nicht mehr nur als Student. Für die Übersetzungen, die ich gemacht hatte, wurde mir ein Preis verliehen, der mich bekannt machte und mir eine Stelle als Dozent an der Universität Janus Pannonius in Pécs ermöglichte. Auf dem Hintergrund einer Politik, die mehr von Interessen als von Ideologien gesteuert wurde, war das Einbringen positiver Werte nicht leicht; es erforderte Freiheit und große Verantwortung.

Eines Tages während einer Zugfahrt, beim endlosen Warten auf die Gepäckkontrolle am Zoll, schweifte mein Blick zum Fenster hinaus und ich sah einen kleinen Vogel, der auf dem Stacheldraht der Grenzanlage hin und her hüpfte. Unwillkürlich fragte ich mich, wie lange dieser Zaun wohl noch bestehen werde. Ein Satz des neapolitanischen Philosophen Giambattista Vico kam mir in den Sinn: „Die Dinge passen sich nicht an und bestehen nicht außerhalb ihres natürlichen Zustands.“ [1]

Nach dem Fall der Berliner Mauer 1989, musste ich de facto eine soziologische Studie übersetzen, die das Phänomen der Namensänderung der Straßen und Plätze in Budapest thematisierte, sowie das Los der Statuen – aufgebläht  von Siegessicherheit  und Muskeln – aus der Zeit des kommunistischen Realismus. Letztere wurden alle in einen Garten versetzt, gleichsam in einen Zoo, in den man am Sonntag die Kinder führt. Einige rote Sterne mussten wegen ihrer Größe und ihres Gewichtes noch einige Zeit warten, bis sie vom Sockel geholt wurden.

Nachdem ich 16 Jahre in Ungarn verbracht hatte, lebte ich noch in einigen anderen Länder des einstigen Warschauer Pakts, wie etwa die Slowakei und Polen. Als ich das Konzentrationslager Auschwitz besuchte, verstand ich den Sinn meiner eigenen Existenz besser und ich habe Gott dafür gedankt daran mitarbeiten zu können, dass nicht nur Europa, sondern die ganze Welt immer mehr zu einer Familie werde.

Treffend scheint mir die Feststellung, die Victor Hugo zugeschrieben wird: „Nichts auf der Welt kann eine Idee aufhalten, deren Zeit gekommen ist!“

Tanino Minuta 

 [1] SN I,2, Nr.134; http://homepage.univie.ac.at/franz.martin.wimmer/vo04_5.html

Herzlich Willkommen in Wien!

Herzlich Willkommen in Wien!

WILLKOMMEN, BENVENUTI, WELCOME, VITAJTE, BIENVENUE…

Der Trägerkreis von „Miteinander für Europa“ trifft sich kommenden November in Wien

Ein großes „Miteinander“ soll das Treffen werden – ein tiefes Miteinander, ein sichtbares Miteinander, ein einladendes Miteinander und ein fröhliches europäisches Miteinander.

Da haben wir im Wiener Koordinationsteam viel gegrübelt – nach Rücksprache mit dem Leitungskomitee organisieren wir jetzt den Start am 9. November mit einem ökumenischen Gebet im Stephansdom – mitten in Wien – im Blickpunkt der Öffentlichkeit – mit prominenter Beteiligung. Der Erzbischof von Wien, Kardinal Schönborn hat seine Teilnahme beim Gebet zugesagt, der Bürgermeister von Wien lädt im Anschluss zu einer Agape ein.

9. November Stephansdom – Du kommst doch!“ – jeder, der uns über den Weg läuft bekommt das sehr eindringlich zu hören.

Ob der Stephansdom voll wird? „Die Partitur wird im Himmel geschrieben“ sagt Chiara Lubich – darauf verlassen wir uns jetzt.

das Koordinierungsteam von MfE Wien


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Slovenia: Veglie in 17 località e servizio TV nazionale

Slovenia: Veglie in 17 località e servizio TV nazionale

Ora è un tempo giusto perché l’Europa si rinnovi

In Slovenia si sono svolte veglie di preghiera per l’Europa in 17 città e paesi. Diversi luoghi hanno visto la partecipazioni di Vescovi, come a Ljubljana, l’arcivescovo Stanislav Zore, a Strunjan, Il vescovo Jurij Bizjak, nella diocesi di Celje, il vescovo. Stanislav Lipovšek, a Novo Mesto il vescovo, Andrej Glavan.

L’iniziativa è stata accolta e seguita dai media. Nel giornale cattolico nazionale „Družina“ (La famiglia), con tiratura di oltre 30.000 copie, è uscito un articolo con il titolo: “Per l ‚Europa dello Spirito, vieni ed aiutaci”.

La settimana prima delle varie iniziative, alla radio cattolica nazionale „Radio Ognjišče“, molto ascoltata in Slovenia, varie volte al giorno è stata data la notizia di questo avvenimento. Diverse le interviste, tra cui quella con il comitato nazionale di Insieme per l’Europa.

Nella città di Strunjan, la chiesa era piena dalle ore 18 della sera del 24 marzo fino alle ore 9 del giorno successivo. Il coro era composto da giovani di diversi Movimenti. Tutto molto solenne e partecipato, tanto che la TV nazionale slovena, canale 1, ha scelto di mandare in onda un servizio “Orizzonti dello Spirito” (link della trasmissione).

http://4d.rtvslo.si/arhiv/obzorja-duha/174463819

Testo Trasmissione TV dallo Sloveno (13.9 KB, 167 downloads)
Impuls von Msgr. Nunzio Galantino

Impuls von Msgr. Nunzio Galantino

Mgr. Galantino, Generalsekretär der Italienischen Bischofskonferenz

„Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt.“

Der literarische Zugang kann eine Hilfe sein, die Kraft und Bedeutung dieses Ausspruchs zu erfassen.

In den unmittelbar vorausgehenden Versen (Mt 5, 1-12) hatte Jesus die Seligpreisungen verkündet. Deshalb ist dieses „Ihr seid Salz … ihr seid Licht“ keine Definition, die Jesus von seinen Jünger geben will! Vielmehr will er seinen Jüngern – nachdem er die Seligpreisungen verkündet hat – sagen: Bedenkt, dass ihr nur dann Salz und Licht der Erde seid, wenn ihr entsprechend der Logik der Seligpreisungen lebt. Nur dann trägt eure Gegenwart dazu bei, dass euer Leben und das der anderen Geschmack hat, dass eure Existenz und die der anderen Geschmack und Strahlkraft hat.

Ich habe diese Vorbemerkung gemacht, weil viele von uns noch meinen, es genüge schon, sich als „Christen“ vorzustellen, um angehört zu werden, um anerkannt zu sein in der Funktion von „Licht“ (Bezugsperson) und „Salz“ (Sinngebend). Diese Rede gilt für alle, sicherlich auch für alle christlichen Traditionen und für die Angehörigen anderer Religionen. Tatsächlich glaube ich, dass es eine Versuchung ist, die jeden treffen kann, welcher Herkunft auch immer, auch ungeachtet einer religiösen Zugehörigkeit. Es gibt sogar solche, die meinen, es genüge, sich in entsprechender Weise zu kleiden oder eine gewisse Sprache zu sprechen, um automatisch anerkannt zu werden als Personen, die dem Leben neuen Geschmack und Sinn verleihen können.

Indem Jesus die Seligpreisungen verkündet und sogleich das „Ihr seid Salz … Ihr seid Licht“ hinzufügt, hat er uns den Weg gezeigt, auf den der Glaubende berufen ist. Der Jünger Jesu ist gerufen, bestimmten Wegzeichen zu folgen – eben jenen der Seligpreisungen – die Leidenschaft für die Werke des Friedens, barmherzige Achtsamkeit gegenüber den Mitmenschen, ein Leben in Armut und Einfachheit beinhalten. Das ist es, was dem Leben des Glaubenden Sinn und Geschmack gibt, was sein Leben aufstrahlen lässt.

Oft hingegen verbreiten wir nicht Geschmack und Licht durch konkrete Gesten und Verhaltensweisen entsprechend den Hinweisen Jesu, sondern setzen  alles daran (mehr noch wir „mühen uns ab“) um zu überzeugen, zu argumentieren. Anstatt das Licht zu entzünden, ziehen wir es vor, etwas Kolossales, Großartiges zu organisieren…. um zum Staunen zu bringen!

Aber nicht das entspricht dem Evangelium. Es gibt uns hingegen einen Hinweis, der fast banal wirkt, wenn es betont, dass die Liebe nicht erklärt oder demonstriert, sondern gelebt sein muss. Und gerade weil man die Liebe lebt, ist sie keine Darstellung, sondern sie erzeigt sich. Den eigentlichen Geschmack der Dinge stellt man nicht zur Schau, sondern lässt ihn wirksam werden. Das Licht wird nicht präsentiert, sondern entzündet und somit sichtbar.

Wenn Jesus sagt: „Ihr seid Salz …  Ihr seid Licht“, ist es, als sage er uns: Wollt ihr Gott erkennbar werden lassen? Dann bringt keine Argumente für ihn, stellt nichts zur Schau; tut eher etwas Konkretes, das aber anziehend ist, so sinnvoll und geschmackvoll, dass es demjenigen, der euch begegnet, spontan kommt, zu sagen: Aber das, was du lebst und tust ist wirklich schön! Wer hat dich inspiriert? In wessen Namen tust du das?

So möchte Gott, dass wir von ihm sprechen und Zeugnis geben! Mit der Kraft und Klarheit des Lichtes, mit dem starken Geschmack des Salzes: mit Entschiedenheit und konkreten Gesten, die Geschmack verheißen und  Lebenssinn ausstrahlen.

Viele Entscheidungen in der Pastoral und auch die vielerlei Weisen, in denen wir uns mit unserer Gesellschaft konfrontieren – vor allem denen gegenüber, die nicht in diese Richtung gehen – riskieren, Ablenkungsmanöver zu sein. Sie  riskieren damit, die einzige Vorgehensweise, die uns das Evangelium zeigt, zu verschleiern, nämlich die völlige Klarheit/das Zeugnis. Das heißt: Entscheidungen treffen und Zeichen setzen die das Leben mit Christus eindeutig „schmackhaft“ machen. Wenn das Leben des Glaubenden erfahrbar wird als sinngebend, als schmackhaft und lohnend für ein gelungenes Leben, dann werden auch die Glaubensinhalte, die wir weitergeben möchten, einen neuen Sinn bekommen.

Was also heißt es, Licht, Salz zu sein? Was kann unserem Leben als Glaubende Geschmack und Helligkeit verleihen? Es kann das Bemühen sein, neue Wege einzuschlagen und neue Möglichkeiten zu erkennen, indem wir mehr wagen und gegen den Fatalismus und die Gewöhnung ankämpfen: zwei Krankheiten, die zum Tod führen – und das nicht nur für den gläubigen Menschen.

Wir müssen wieder dahin kommen, dem anderen zuzulächeln, damit auch er anfängt zu lächeln. Und das, weil er sich verstanden fühlt, weil er Menschen trifft, die es nicht aushalten, hetzerisch und diskriminierend zu sein, wie es den “Kleingeistern“ zu eigen ist. Wir müssen wieder das Lächeln auf unseren Gesichtern haben und dafür sorgen, dass diejenigen, die uns begegnen, sich  anstecken lassen, weil unser Licht-Sein erleuchtet ohne blenden zu wollen und unser Salz-Sein einen feinen Geschmack gibt ohne alles vereinnahmen zu wollen. Denken wir nur daran, wie sehr blendendes Licht stört und wie zu viel Salz eine Speise verdirbt.

Wir sollten Licht und Salz sein im Respekt denen gegenüber, denen wir begegnen.

Wieviel Feingefühl ist – vor allem heute – vom gläubigen Menschen verlangt. Wir können uns nicht oft genug an das erinnern, was Petrus den Empfängern seines 1. Briefes  empfiehlt: „ Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt; antwortet aber bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen …“ (1 Petrus 3, 15f).

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Lasst uns beten ausgehend von Matthäus 5, 13 – 16

Herr, Du möchtest, dass ich „Salz“ bin. Du möchtest also, dass ich im Kontakt mit der Erde bin, dass ich gegenwärtig bin in meiner Zeit, hier und jetzt. Dass ich darauf achte, was ich brauche und was die Menschen um mich herum brauchen. 

Du möchtest, dass ich „Licht“ bin in einem Moment, in dem scheinbar das Dunkel zunimmt. Das Licht hilft mir, die Konturen und Farbe der Dinge, die Realität der Welt in ihren Schattierungen und ihrer Schönheit zu sehen. Aber es ermöglicht mir auch, ihre unzähligen Nöte kennen zu lernen.

Herr, gib meinem Leben Geschmack; gib meiner Hoffnung Bestand; gib  mir Vertrauen in meinen Ängsten; gib mir Licht in meinem Dunkel und Frieden meinem Herzen, meinen Gedanken, meinen Gefühlen.

Herr, lass mich verstehen, dass ich „Salz“ bin, wenn ich nachsichtig bin in dieser Zeit voller Arroganz; dass ich Mensch des Friedens bin in dieser Zeit voller Machtmissbrauch, dass ich frei bin von „Materiellem“ in dieser Zeit in dem der Mensch „so viel wert ist“, wie es seinem Bankkonto entspricht.

Hilf mir, dass ich begreife, dass ich wirklich „Salz“ und „Licht“ bin, wenn ich mich dafür einsetze, dass Anklage erhoben wird gegen jegliche Ausbeutung vonseiten der westlichen Welt, die ihren Wohlstand auf widerrechtliche Besitzergreifung gegründet hat.

Ich bin „Salz der Erde“, wenn ich mich mit und in meiner Umgebung vor der Not der anderen nicht verschließe.

 

Beitrag von Andrea Riccardi

Beitrag von Andrea Riccardi

Andrea Riccardi, Gründer der Gemeinschaft Sant’Egidio

Liebe Freunde,

Lassen Sie uns ehrlich sein: viele Europäer fühlen sich verloren und desorientiert. Wohin geht Europa? Wird es der  Versuchung einer Trennung widerstehen können? Europa scheint seine Bürger nicht mehr zu schützen. Tatsächlich versucht es, den entgegengesetzten Weg zu gehen, den die Gründerväter Europas beschritten haben. Sie hatten noch eine lebendige Erinnerung an die Grauen des Krieges, die Mauern des Hasses, an die Konzentrationslager und die Ruinen. Diese Generation gibt es  nicht mehr. Heute wird die Geschichte mit einer Politik der Emotionen und Ängste geschrieben. Erinnerung an Krieg ist heute  „normal“. Aber für den, der noch gestern  im Irak und im Libanon gesehen hat, dass Krieg weiteren Krieg hervorruft, ist dies alles Wahnsinn.

Europa kann nicht ohne Gedächtnis leben. Wir werden der Kontinent der Zukunft sein, wenn wir die Erinnerung wachhalten. Seit siebzig Jahren leben wir in einem großen Frieden, der nach Jahrhunderten des Krieges solide aufgebaut wurde. Er ist die Frucht eines vereinten Europas: der Frieden  hat Wohlstand und die  Entwicklung einer Kultur von ihren Wurzeln her hervorgebracht. Er ist eine klar zu erkennende Realität, die stärker ist als die allgegenwärtigen Emotionen und Ängste der Gegenwart. Dieses Europa ist unser Friede und unser Wohlstand.

Seine Krise ist durch Egoismen entstanden: nationale, von Interessengruppen, durch individuelle Zielsetzungen. Europa hat den Sprung nicht gewagt, um durch Außenpolitik und gemeinsame Verteidigung zum Protagonisten der Weltszene zu werden. Dabei geht es nicht nur um Frieden für Europa, sondern um eine gemeinsame Friedenspolitik im Mittelmeerraum, dem Balkan, in Afrika, in der Welt. „Europa, sanfte Kraft“, nannte es Tommaso Padoa-Schioppa. Die Egoismen drohen jetzt, es zu blockieren und von innen her zu verschlingen. Die Egoismen wollen wieder Herren der nationalen Schicksale sein und sehen die anderen als Bedrohung. So bekommen Grenzen einen neuen Stellenwert: gegenüber Einwanderern, zwischen Jung und Alt, zwischen den Reichen und Zerbrechlichen, zwischen Nord- und Südeuropa.

Grenzen können zu Mauern werden:  sie scheinen die Tragödien der Welt fern zu halten. Der grausame Krieg in Syrien, der bereits sechs Jahre dauert, länger als der Erste Weltkrieg, betrifft auch Europa. Es ist eine Illusion, zu denken, dass die Mauern schützen, in Wirklichkeit sind sie Zeichen von Dekadenz. Sie sind die Maginot-Linie der moralischen und politischen Niederlage Europas.

In der globalen Welt hat die Geschichte keine Schutzwälle, sondern erfordert starke Akteure und Zusammenhalt. Sie fordert, gemeinsam voran zu gehen und sich nicht auf der Suche nach Schutzräumen für Gruppen oder Nationen zurückzuziehen. Eine neue globale Zeit ist angebrochen. Es gibt keinen Weg zurück. Die autarken Nationalstaaten sind von gestern. Wir müssen die  Größe der Herausforderung und des heutigen Lebens erkennen. Es hilft nicht,  den Kopf in den Sand zu stecken. Ein abgeschlossenes oder geteiltes Europa wird von den Märkten und den wirtschaftlich-politischen Giganten in einer globalen und vernetzten Welt überrollt werden. Auf dem Hintergrund der Globalisierungsszenarien brauchen wir mehr Europa. Nur so ist Europa das Land der jungen Menschen, und wo unsere humanistische Identität, unsere religiösen und humanitären Rechte überleben werden. Es ist nicht genug, nur das Land zu sein, das uns für ein paar Jahren im Ruhestand schützt. Ohne Europa ist die Welt ohne die Kraft des Friedens und der historischen Weisheit.

Wir haben uns hier als Christen versammelt. Die europäische Idee ist nicht sektiererisch entstanden, sondern sehr christlich. Sie glaubte mit der  Leidenschaft der Kirchen jener Zeit. Aber heute gehen  Ost und West  verschiedene Wege. Wo sind die Stimmen der Christen und der Kirchen? Das große europäische Projekt stockt. Die Grenzen werden zu Mauern, um die Flüchtlinge abzuhalten. Die Welt ist in Kriegsgefahr, und oft gibt es nur Schweigen.

Die starke Stimme von Papst Franziskus bei der Verleihung des Karlspreises verhallt beinah ungehört im gespaltenen Christentum, im fragmentierten Europa. Es ist nicht in der Lage, sich aus den gesellschaftlichen und kirchlichen Egoismen zu befreien und eine Vision zu nähren. Möge dieses Gebet, möge das Wort Gottes – wie in den Tagen der Propheten –  in den Köpfen und Herzen eine große Vision für unsere Zeit wachsen lassen. Wir müssen lernen, wieder mit einer Vision zu denken und zu handeln. Zu lange haben wir beengt und mit  lichtlosen Worten gelebt. Karol Wojtyla schrieb zu einer Zeit, als Europa durch eine hohe Mauer geteilt war: „Die Welt leidet vor allem aus Mangel an Visionen.“

 

Beitrag von Gerhard Pross

Beitrag von Gerhard Pross

Gerhard Pross, Moderator von Miteinander für Europa

Miteinander – für – Europa. Präziser kann man nicht zum Ausdruck bringen, was uns wichtig ist: Miteinander – für – Europa.

Wir sind ein ökumenisches Netzwerk von 300 christlichen Gemeinschaften und Bewegungen.  Wir kommen aus über 30 Ländern Europas, vom Ural bis Portugal, sprechen verschiedene Sprachen,  leben in verschiedenen Kulturen und gehören zu unterschiedlichen Kirchen: zur Katholischen, der Anglikanischen, zu den Evangelischen, der Orthodoxen und zu den Freikirchen. Unter uns leben sehr verschiedene Spiritualitäten.

Uns prägt die Überzeugung und die Erfahrung: Einheit ist möglich.

Mit einer tiefen Versöhnungserfahrung unter einer Gruppe von Verantwortlichen hat unser gemeinsamer Weg begonnen. Einheit wurde möglich.

Wir leben eine Einheit der Verschiedenartigen. Jeder bleibt in seiner Originalität. Aber aus der Versöhnung durch Jesus Christus erwächst die Kraft, die Andersartigkeit des Anderen als Reichtum zu erfahren.

Dabei denken wir besonders an drei Gründerpersonen, die uns jetzt vom Himmel herbegleiten: Chiara Lubich, die Gründerin der Fokolar-Bewegung, hat den Ursprungsimpuls dazu gegeben, Helmut Nicklas, der Leiter des CVJM München wurde geradezu der Architekt des „Miteinanders“ und Kardinal Miloslav Vlk hat in besonderer Weise die Brücke zwischen Charisma und Amt unter uns gelebt.

Als wir im Mai 2004 nach Stuttgart zu einer Großveranstaltung mit 10.000 Teilnehmern eingeladen hatten, da war Europa von den neuen Ländern beflügelt, die zur EU dazu gekommen sind.

Ganz anders im Sommer 2016, als wir erneut zu einem großen Kongress und zu einer Kundgebung in München zusammen kamen, nur drei Tage nach dem Brexit. Europa lebt in einer Zeit der Erschütterung. Die EU geht von Krise zu Krise.

Inmitten dieser Zeit der Krise, eingerahmt durch manche Terror-Erschütterungen, die wir als Zeichen auf unserem Weg verstanden, haben wir dort in München mit Tausenden von Menschen öffentlich, klar und laut unser Ja zu Europa gesprochen.

„Zum Miteinander in Europa gibt es keine Alternative“. Mit diesen Worten aus der EU-Verfassung haben wir unser Botschaft von München begonnen.

Darf ich es als einer der Sprecher von Miteinander für Europa persönlich formulieren? Die Veranstaltung in München hat mich tief erfasst und Europa als Top-Thema auf meine Agenda gesetzt. Seit 17 Jahren sind wir im Miteinander unterwegs, aber nie war es so wichtig wie heute, dass wir unser Ja zu Europa sprechen.

  • In einer Zeit, in der der Populismus, die Egoismen und die Nationalismen wieder Auftrieb erhalten, sprechen wir unser Ja zu einer Kultur der Beziehung und der Bündnisse.
  • In einer Zeit, in der die alten Ungeister, die Europa schon mehrfach in die Katastrophe geführt haben, wider Urstände feiern, sprechen wir unser Ja zum Evangelium, zur Versöhnung und zur Liebe.

Es gilt, innerhalb unserer Bewegungen ein Bewusstsein für die Dringlichkeit unseres Ja zu Europa zu wecken. Wir als geistliche Bewegungen sollten nicht nachlassen, in der Öffentlichkeit unser Ja zu Europa zum Ausdruck zu bringen.

Wir stehen auf für ein Europa des Miteinanders. Für ein Europa, das die Vielfalt als Reichtum erkennt und in Friede und Einheit miteinander lebt. Nicht zuletzt für ein Europa, dem Gott im Laufe der Geschichte eine Berufung anvertraut hat: das Miteinander von Himmel und Erde, das Miteinander von Glaube und Weltgestaltung, denn im Gekreuzigten begegnen sich Himmel und Erde.

Heute – aber nicht nur heute – am Vorabend der Feierlichkeiten zu „60 Jahre Römische Verträge“ kommen wir zusammen zum Gebet und machen als christliche Gemeinschaften deutlich, dass wir neben all unserem Engagement ganz wesentlich mit der Hilfe Gottes rechnen.

Europa braucht unser Gebet!

Interview mit David-Maria Sassoli

Interview mit David-Maria Sassoli

David-Maria Sassoli, Italienischer Europaparlamentarier der Demokratischen Partei

Herr Sassoli, am Vorabend des 60. Jahrestages der «Römischen Verträge», die kennzeichnend für die Geburtsstunde der Europäischen Union sind, beobachtet man vielerseits, dass Europa seine christlichen Wurzeln verloren hat. Es ist konzentriert auf die Finanzen, die Bürokratie und die nationalen Interessen und erscheint unfähig zu Solidarität, Gastfreundschaft und zu einem Entwicklungsprojekt, das auf den Menschen ausgerichtet ist. Was sagen sie dazu?

„Vor allem müssen sich die Christen sich mehr zu Wort melden und es braucht in der christlichen Welt ein Netzwerk, das Zeugnis für andere gib. Denn es gibt Werte wie den Frieden, die Koexistenz, die Solidarität, die Gerechtigkeit, die durchaus christliche Prägung haben, aber  die sich heute auch nicht-christliche Bürger als Paradigma für ihren politischen, kulturellen und moralischen Einsatz zu eigen gemacht haben. Es sind diese Elemente, die die europäische Identität ausmachen: Darüber müssten die Christen froh und dankbar sein, denn in der europäischen Identität finden sich jene Werte wieder, die auch dem christlichen Weltbild eigen sind. Doch in diesem Moment sind wir gefordert, dies unseren Mitbürgern gut zu erklären, denn Europa macht heute Angst, bereitet Sorge, wird als Last empfunden; stattdessen müssten wir in der Einheit der Europäer jenen Wert erkennen, der es uns erlaubt, der grossen Herausforderung unseres Jahrhunderts gewachsen zu sein: die Gestaltung des globalen Marktes. Globalisierung ohne Regeln führt zu Ausgrenzung, Armut, Elend und kann sich für grosse Teile des Planeten katastrophal auswirken. Die grosse Herausforderung an Europa ist es, der Welt diese Regeln und Werte zu geben. Denn die Regeln dieses Marktes ohne Schutz der Menschenrechte, ohne Freiheit und Demokratie, wären reine Wirtschaftsgesetze, die vor allem den Starken dienen – und das wollen wir nicht. Also sind wir aufgerufen, die christlichen Werte, die schon am Ursprung der europäischen Identität standen, heute auch in die weltweiten Herausforderungen einzubringen.“

Um das Gefälle zwischen den wirtschaftlich stärkeren Ländern und jenen, die noch im Wachstum stehen, zu überwinden, spricht man von einem Europa der «zwei Geschwindigkeiten». Wie sehen sie das?

„Wenn dies bedeuten sollte, dass es dann ein A-klassiges und ein B-klassiges Europa gäbe, wäre das nicht gut. Wenn es hingegen bedeutet, dass sich gewisse Länder zusammenschliessen könnten, wie es der Vertrag von Lissabon vorsieht, um sich gegenseitig zu stärken und sich auf ein gemeinsames politisches Vorgehen zu einigen, dies allerdings ohne die bestehenden europäischen Standards zu verletzten, dann könnte das interessant sein. So haben wir es mit dem Euro gemacht: zunächst mit einer verstärkten Zusammenarbeit von zehn, elf Ländern,  denen sich dann andere angeschlossen haben. Das ist eine gute Methode, denn in den europäischen Mechanismen ist es tatsächlich schwierig zu einer Einstimmigkeit zu finden. Wenn es beispielsweise Länder gäbe, wie Frankreich, Italien, Spanien, Deutschland, Belgien und andere, die auf eine gemeinsame Verteidigungsstrategie setzen möchten, so ist dies willkommen: Wir hätten einen Kern von Ländern die vorangehen und diesem könnten dann andere folgen.“

Es wird viel darüber gesprochen, dass man die Verträge überarbeiten müsste. Anlässlich der Karlspreisverleihung im Mai 2016 wurde dies auch von Papst Franziskus in seiner Rede im Europäischen Parlament bekräftigt. In welche Richtung müssten sie überarbeitet werden?

„Wir müssen sie ändern und zu einer europäischen Konstitution kommen, aber realistischer Weise muss ich mit Bedauern sagen, dass in diesem Moment die Wiedereröffnung der Diskussion über die Verträge sehr gefährlich sein könnte und wir da sehr vorsichtig sein müssen. Würden wir jetzt etwa eine Debatte über Schengen wieder aufnehmen, was würde aus diesem Europa mit den vielen nationalistischen Regierungen werden? Regierungen, die Angst vor einer Flüchtlings-Invasion haben. Es ist besser, wenn wir uns zunächst auf politische Themen konzentrieren, die mehr Europa schaffen können, denn dies haben wir nötiger als alle Institutionen, Regeln und Verträge.“

Claudia Di Lorenzi

Interview mit Luca Maria Negro

Interview mit Luca Maria Negro

Luca Maria Negro, Pfarrer der Baptistischen Kirche, Präsident des Bundes Evangelischer Kirchen in Italien (FCEI)

Ein Anlass wie der von heute Abend, bei dem sich verschiedene christliche Kirchen zum Gebet versammeln zeigt, dass Einheit in Vielfalt möglich ist. Wie sind Betonung und Bewahrung der eigenen konfessionellen Identität und Tradition mit der Begegnung und Öffnung auf  andere hin zu vereinbaren?

„Als ökumenische Bewegung üben wir uns darin seit mindestens 50 Jahren, denn die Bewegung steht unter dem Motto geeint aber verschieden, geeint im Respekt vor den Charismen der verschiedenen Einzelkirchen. Unter dieser Losung steht ja auch die Europäische Union, wobei es unklar ist, ob sie es wissentlich oder nicht von der ökumenischen Bewegung übernommen haben; aber wir glauben, dass dies heute mehr denn je gültig ist. Leider macht es den Anschein, als hätte Europa seine Seele verloren. Wir sind nicht so hochmütig, zu behaupten, wir wären die Seele Europas. Aber als Kirchen wollen wir mit Nachdruck bezeugen, wie grundlegend Ökumene, Dialog, der Aufbau einer dialogfähigen Gesellschaft, das Fördern säkularer Ökumene in der Gesellschaft ist.“

Die christlichen Werte, die einst zur Gründung Europas führten, wiederzuentdecken bedeutet, ein Gedankengut zu heben, das allen Völker gilt, nicht nur den Christen…

„Als Reformationskirchen unterstreichen wir diese Wiederentdeckung christlicher Wert nicht so sehr, denn das hiesse, sie auch jenen aufzudrängen, die unseren Glauben nicht teilen. Doch es gibt solche, wie etwa der Dialog oder die Solidarität, die zwar auch christliche Werte sind, aber von allen Menschen guten Willens bejaht werden können. Darauf setzen wir, auf die Wiederentdeckung dieser Werte, auf denen Europa aufgebaut wurde. Sicher waren viele Christen am Wachstum Europas massgeblich beteiligt, aber auch viele andere. In diesen Tagen haben wir uns daran erinnert, dass die Europäische Föderalistische Bewegung in Italien im Haus des Waldensers Mario Alberto Rollier ihren Anfang nahm, aber mit ihm waren auch säkulare Persönlichkeiten, wie etwa der Kommunist Altiero Spinelli; sie alle hatten sich zusammengefunden, um an einem Vereinten Europa zu bauen.“

Wie kann man konkret zum Dialog erziehen?

„Wie lernt man laufen? Indem man läuft. Dies gilt auf für den Dialog. Man muss damit beginnen, sich öffnen. Dabei wird man sicher auch Fehler machen, denn es ist leicht, auch ohne es zu wollen, den anderen in seiner Sensibilität zu verletzen. Unter diesem Aspekt hat die ökumenische Bewegung sicher viel Erfahrung und kann damit jene unterstützen, die sich neu in den Dialog wagen.“

Claudia Di Lorenzi

Interview mit Donato Falmi

Interview mit Donato Falmi

Dr. Donato Falmi, ehemaliger Direktor des Verlags „Città Nuova“ (Neue Stadt) und Mitverantwortlicher der Fokolar-Bewegung in Rom und Mittelitalien

Mit dem Blick auf das heute geteilte und verwirrte Europa, erscheint uns die Intuition von Chiara Lubich, die sich bereits 1999 für ein internationales ökumenisches Netzwerk von christlichen Bewegungen und Gemeinschaft stark machte, sehr prophetisch…

„Sie ist prophetisch, denn es scheint doch so, als ob Chiara vorausgesehen hätte, dass die Einheit Europas keine leichte Sache ist und dass es eine geistliche Kraft braucht, vielleicht verborgen, aber so mächtig, dass sie den negativen und zersetzenden Kräften, wie sie sich heute zeigen, entgegenwirken kann. Als Chiara die Idee lancierte, war Europa im Grossen und Ganzen noch ein ‘attraktives’ Ideal, das es heute wieder zu entdecken gilt. Wenn wir diesen Weg nicht gegangen wären und dieses Bewusstsein nicht erlangt hätten, wären wir heute dazu nicht mehr in der Lage. Es ist eine Konkretisierung, die über alle Grundsatzerklärungen hinaus Europa seine christliche Dimension wiedergeben möchte, das Christentum wieder zum Fundament Europas machen möchte. (…) Diese Erfahrung, die wir zusammen machen, als Kirchen und als Bewegungen die Europa angehören, aber mit verschiedenen Ausdrucksformen – denn das Christentum ist zwar eine einzige Realität, hat aber mit viele Ausdrucksformen – ist vermutlich die konkreteste Art zu zeigen, dass Europa ein christliches Fundament hat. In diesem Sinne ist es genial.“

Papst Franziskus hat betont, dass es den Dialog brauche, um ein geeinteres und solidarischeres Europa zu schaffen. Die Fokolar-Bewegung hat seit ihrer Gründung gerade im Dialog einen fruchtbaren Weg zur Einheit gesehen. Was bedeutet Dialog und wie lernt man die Kunst des Dialogs?

„Hier gibt es eine grundlegende Intuition, mit der Chiara die Natur Gottes, also die Liebe, neu entdeckt. Wenn wir ‘Liebe’ mit einem Begriff übersetzen möchten, der die Dynamik der Beziehung zum Ausdruck bringt, so können wir dies mit ‘Dialog’ tun. Was ist dialogischer als die Liebe? Andererseits, ohne Liebe kann es keinen echten Dialog geben, denn Dialog bedeutet, den Anderen annehmen und dazu ist es nötig, dass man sich selber zurücknimmt, ohne sich jedoch zu verleugnen, jedoch einen Schritt zurück macht, um dem Anderen Raum zu geben. Das ist das grundlegende Gesetz. Nur so versteht man, dass der Dialog im Grunde der einzige Weg ist, auf dem Einheit erreicht werden kann, denn hier werden Unterschiede respektiert und gleichzeitig erkennt man das existierende Gute, das was verbindet.“

In den letzten Jahren erleben wir den Vormarsch des Populismus und der sogenannten souveränistischen Bewegungen. Da muss Europa wohl eine Gewissensprüfung machen: Was hat man versäumt und wie kann gegengesteuert werden?

„Was diese Situation erklären kann, ist die Tatsache, dass Europa allzu sehr auf den materialistischen Wohlstand gesetzt hat. Europa hat für die ganze Welt Werte formuliert, wie jene, die in die internationalen Menschenrechte eingeflossen sind und die von allen Leader der Welt unterzeichnet wurden. Aber die Verlockungen eines oberflächlichen, materialistischen Wohlstands, der vergessen hat, was die eigentlichen, tiefen Sehnsüchte des Menschen sind, sind eine harte Realität. Mit dem Erreichen der grossen Zivilisationsziele hat Europa auch einen Wohlstand erreicht, der es vergessen liess, welches die grundlegenden Voraussetzungen für das gesellschaftliche Zusammenleben sind. Heute bezahlen wir den Preis dafür, aber vielleicht sind wir dabei, mit grosser Mühe die vergessenen Werte wieder zu entdecken. Was nicht heisst, dass der materielle Wohlstand keinen Wert habe, aber eben im richtigen Mass und am richtigen Ort, d.h. nicht an erster Stelle.“

Interview mit Pater Heinrich Walter

Interview mit Pater Heinrich Walter

Pater Heinrich Walter, internationaler Koordinator der Schönstatt Bewegung

Welchen Beitrag kann Papst Franziskus zur Entwicklung Europas, zum Aufbau eines solidarischeren und an christlichen Werten inspirierten Europas leisten?

„Ich denke, dass der Papst als Argentinier aus einer anderen, objektiveren Perspektive auf Europa schaut und dabei erkennt, dass es diesem Europa an Vitalität mangelt, weil es erschrocken ist, Angst hat. Papst Franziskus ist ein Enthusiast und erkennt gut, dass die Welt nach Erneuerung ruft.“

Welches Zeugnis können die Kirchen, in ihrer Vielfalt geeint, Europa geben?

„In diesem Europa in der Krise haben die einzelnen Länder nicht die Freiheit, ihren eigenen Möglichkeiten entsprechend zusammenzuarbeiten. Einige Länder stehen zu sehr unter Druck aufgrund der Flüchtlingskrise. Es braucht also in Europa ein Bündnis unter den Staaten, damit jeder seinen Beitrag leisten kann.“

Claudia Di Lorenzi

 

Das ist Europa, wie wir es aufbauen wollen

Das ist Europa, wie wir es aufbauen wollen

Ökumenisches und internationales Gebet – Der Glaube öffnet sich der Kultur

Am Abend des 24.3.2017 war die Basilika der XII Apostel in Rom gesteckt voll. Am Vorabend des 60-jährigen Begehens der «Römischen Verträge» haben sich mehr als 750 Menschen unter dem Vorsitz von Kard. Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, zum Gebet zusammengefunden. Katholiken, Protestanten, Orthodoxe, Anglikaner, Kleriker und Laien sind der Einladung von Miteinander für Europa – einem Netzwerk von mehr als 300 Bewegungen und Gemeinschaften – gefolgt. Beispiele dafür waren der aus Mitgliedern von 8 Bewegungen in Rom bestehende Chor sowie ein rumänisch-orthodoxer Chor.

Der italienische Staatspräsident, Sergio Mattarella, hat allen Anwesenden eine Grussbotschaft zukommen lassen, «in der Überzeugung, dass Momente der Begegnung wie diese wichtige Zeichen der Hoffnung sind, die wir brauchen um ein geeintes und solidarisches Europa aufzubauen.»

Msgr. Nunzio Galantino, Generalsekretär der italienischen Bischofskonferenz, Andrea Riccardi (Gründer der Gemeinschaft Sant’Egidio), Gerhard Pross (derzeitiger Moderator von Miteinander für Europa) haben in verschiedenen Momenten und unter diversen Aspekten von der europäischen Krise gesprochen, die u. a. von nationalen Egoismen – sei es von Einzelnen wie von Gruppen – ausgelöst wird. Unter verschiedenen Gesichtspunkten haben sie entschlossen die Einladung ausgesprochen, noch immer an das Projekt der Europäischen Gründerväter zu glauben «dass Europa auf Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität in die Welt hinwirken will» (Präambel des Vertrages über eine Verfassung für Europa, Erklärung der Regierungschefs am 29.10.2004).

Auf diesem Hintergrund erklang die von einer tief ergriffenen Menge gesungene Trisagion Hymne «Heiliger Gott, heiliger starker Gott» besonders stark und feierlich.

P. Heinrich Walter, Schönstattbewegung, betonte in einem Interview: «Es gibt zwei wesentliche Punkte auf dem Weg zu einer neuen Integration Europas: Wir müssen die christlichen Wurzeln Europas pflegen – dafür setzten sich unsere Bewegungen ein – und wir müssen die Freiheit der anderen respektieren. Wir von Miteinander für Europa versuchen dies zu leben. Und diese Erfahrung wollen wir mit ganz Europa teilen.»

Simeon Catsinas, griechisch-orthodoxer Priester in Rom, wollte seine Freude mit uns teilen: «Ich bin glücklich über diesen Abend. Wir Christen müssen zusammenarbeiten, wir müssen gemeinsam Zeugnis geben. Es ist dringend notwendig, dass wir auf diesem Weg gemeinsam vorangehen.»

Auf die Frage, ob das Dokument «Vom Konflikt zur Gemeinschaft» ein Modell für Europa sei, antwortete Heiner Bludau, Dekan der evangelisch-lutherischen Kirche in Italien (CEL): «Sicher hebt das Dokument das Positive hervor. Nun muss es immer mehr das Leben prägen. So kann es zu einem überzeugenden Modell für ganz Europa werden.»

Die hoch politischen Worte und die Worte aus der Heiligen Schrift erklangen an diesem Abend fast wie auf einer Ebene. Jesús Morán, Kopräsident der Fokolar-Bewegung, drückte es so aus: «Europa ist ohne Christentum undenkbar. Das Christentum, das Europa geprägt hat, ist jenes einer geeinten Kirche: Die ökumenische „Katholizität“ (Universalität) ist daher die grundlegendste Wirklichkeit Europas. Europa muss sich selbst wieder neu entdecken als Kultur des Christentums. Die christlichen Werte sind europäische Werte und umgekehrt. Die Kultur des Dialogs, der Toleranz, der Offenheit, der Geschwisterlichkeit, kann über die religiöse Überzeugung hinaus, über jeden Glauben hinaus, gelebt werden. Diese Gebets-Initiative wird dazu dienen, diese grossen Werte wieder aufleben zu lassen.»

Über 4.000 waren die Zugriffe auf die Liveübertragung und der Austausch auf den sozialen Medien war sehr rege. In 50 weiteren europäischen Städten gab es ähnliche feierliche Gebetsinitiativen mit grosser Anteilnahme. Miteinander für Europa hat seine Stimme hören lassen!

Beatriz Lauenroth

Hier geht’s zur vollständigen Fotogallery: https://www.flickr.com/photos/fotomas2008/sets/72157681856163965

Die Charismen und Europa

Die Charismen und Europa

Der Beitrag der Orden und religiösen Institutionen zur Einheit Europas

Europa hat schon zur Zeit des Römischen Reiches eine gewisse Einheitsbestrebung erlebt. Diese war aber, durch die ‘römischen Legionen’ gewaltsam erzwungen, nicht von Dauer. Als das Reich zerfiel, fand sich Europa wieder zerteilt vor und die ethnischen und kulturellen Verschiedenheiten seiner Völker, die ihre eigene Identität suchten, nahmen wieder überhand. So zeigte sich Europa um das 5. Jahrhundert als ein Gemisch von unter einander rivalisierenden Völkern.

In dieser Phase der Zersplitterung und in den darauffolgenden Jahrhunderten traten aber auch immer wieder geistgeführte Männer und Frauen auf, die den europäischen Völkern neue Ideale und hohe universale Werte brachten, die vor allem aus dem jüdisch-christlichen Erbe stammten. Es waren Werte und Ideale, die die europäischen Völker dazu brachten, wieder miteinander in Dialog zu treten, ihre Reichtümer zu teilen und so für den Kontinent ein neues, soziales und kulturelles Einheitsnetz zu flechten.

Vor einigen Jahren beschrieb dies Kardinal Walter Kasper  bei einer Tagung folgendermaßen: «Heilige wie Martin, Benedikt, Bonifatius, die Gebrüder Kiril und Methodius, Adalbert, Bernhard, Franziskus, Domenikus und viele andere mehr haben Europa geformt. Diese heiligen Männer und unzähligen heiligen Frauen sind der wertvolle Beitrag der Kirche zur Einheit und Identität Europas.»

Es waren Menschen, die neue Spiritualitäten, geistliche Bewegungen, religiöse Familien, kulturelle Zentren und soziale Werke inspirierten, durch welche in der Bevölkerung Europas nach und nach eine auf gemeinsamen Werten aufbauende Identität wachsen konnte.

Die erste grosse charismatische Familie gründete  Benedikt von Nursia (480-547) in Italien.  Um ihn herum wuchs, nach Afrika und dem Orient, nun auch im Abendland das Mönchstum: Das benediktinische Erbe, welches mit all seinen historischen Ausprägungen einen entscheidenden Beitrag leistete zur Evangelisation des Kontinents und zur Entstehung der europäischen Kultur des Mittelalters. Es hat beigetragen zum Dialog zwischen den Werten der römischen Zivilisation, die es mit den jüdisch-christlichen verband, und den neuen sogenannten „heidnischen“ Kulturen, die mit den Völker aus Norden und Osten nach und nach auf dem europäischen Kontinent Fuß fassten.

Die Benediktiner schufen mit ihrer weitverzweigten Expansion und ihren grossen Abteien geistliche Zentren, die gleichzeitig auch kulturelle Zentren waren und den humanitären, sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt förderten, wobei sie sich besonders der Armen und Randgruppen annahmen.

Im 9. Jahrhundert begannen in Osteuropa zwei griechische Mönche, die Gebrüder Kiril und Methodius, neben der Evangelisation der dortigen Bevölkerung auch einen beachtlichen Prozess, den man als Fundament der Kultur der slawischen Völker bezeichnen kann. Die beiden Brüder aus Saloniki (Griechenland), obwohl geprägt vom griechisch-römischen Abendland, schufen ein neues Alphabet und leisteten damit einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung der Kultur und der Literatur der slawischen Völker.

Zwischen dem 11. und der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts traten weitere charismatische Männer mit großem kulturellem Tiefgang auf. Unter diesen war Bernhard von Clairvaux, der vom benediktinischen Stamm des Mönchstums kommend mit dem Zisterzienserorden eine neue Bewegung gründete

Das 13. Jahrhundert war dann die Blütezeit weiterer charismatischer Bewegungen: die Bettelorden. Auch diese wurden von charismatischen Männern meist in einem nationalen Kontext begonnen, erlangten aber bald übernationalen Charakter und verbreiteten sich über den ganzen Kontinent und später auch weltweit.

Besonders bekannt sind die dominikanische Bewegung, die auf den spanischen Gründer Domenico de Guzman (1170-1221) zurückgeht, und in Italien die franziskanische Bewegung, von Franz von Assisi (1182-1226) gegründet. Es sind religiöse Bewegungen die, obwohl in tiefer Spiritualität verwurzelt, auch manche Bereiche der Kultur und des menschlichen Wissens beeinflusst haben. Sie entwickelten die Theologie, aber auch die Philosophie, die Literatur, die Wissenschaft, die Kunst. Damals und auch später gab es an allen europäischen Universitäten Dozenten, die aus den Bettelorden hervorgegangen waren.

Mit dem Aufkommen des Humanismus und der Renaissance entstanden einzelne starke Staaten.  Zu diesem Prozess trugen die erwähnten charismatischen Bewegungen entscheiden bei, aber gleichzeitig kamen auch neue Charismen hinzu.

Das 16. und 17. Jahrhundert erlebte das Aufkommen neuer religiöser Familien. Ignatius von Loyola und die Jesuiten in Spanien. Theresa von Avila, Johannes vom Kreuz und die Karmeliter in Spanien, Johannes von Gott und die Barmherzigen Brüder, die sich der Kranken annahmen; In Frankreich Vinzenz von Paul und die Barmherzigen Schwestern; Franz von Sales, Johannes Baptist de la Salle für die Erziehung junger Menschen und Schulen, die allen zugänglich waren; Philippus Neri und die Kongregation des Oratoriums, Hieronymus Ämiliani, Kajetan von Thiene, Kamil von Lellis mit den Spitälern in Italien. In dieser Zeit vollzog sich auch innerhalb der Franziskaner eine Reform, aus welcher die Kapuziner hervorgingen. In Deutschland begann durch Martin Luther die grosse   Reformation.

Viele andere Spiritualitäten kamen auf und leisteten von ihren Anfängen an einen entscheidenden Beitrag zur kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Identität des modernen Europas. Jedes Charisma das hervorkam, hatte eine starke spirituelle Besonderheit, war aber auch ausgerichtet auf die Probleme, die Herausforderungen, die sozialen und menschlichen Bedürfnisse Einzelner und der Völker allgemein. Vielen Menschen in Europa ermöglichten diese Beiträge den Zugang zu Kultur, zu medizinischer Betreuung, zu Erwerbstätigkeit und Wohnraum, zu einem menschenwürdigen Leben unter Wahrung der Menschenrechte.

Dieses Phänomen wiederholte sich im 18. und 19. Jahrhundert. Trotz der Unterdrückung der religiösen Orden, zunächst durch Napoleon und dann durch einige europäische Staaten, entstanden unzählige neue religiöse Institute und Familien. Man denke an Don (Johannes) Bosco, der im Turin (Italien) des 19. Jahrhunderts die Salesianer gründete, an Josef Benedikt Cottolengo und  Joseph Cafasso, die Turiner Sozialheiligen, die den Kranken und Ärmsten beistanden, an den Beitrag des Bischofs John Henry Newman in England und viele andere.

Im 20. Jahrhundert entstanden  in Europa neue religiöse Institutionen, wie jene von Don Giacomo Alberione, von Don Luigi Orione, von Mutter Theresa von Kalkutta, Edith Stein und Maximilian Kolbe. Daneben gab es vielfältige anderen Formen charismatischen Lebens, die sich als kirchliche Laienbewegungen weit verbreiteten. Alle haben eine eigene starke spirituelle Identität, befassen sich aber zugleich auch mit den dramatischen Herausforderungen der Moderne in unserem Kontinent.

Ohne den einstigen Beitrag der religiösen Orden und Institute und ohne den Reichtum der heutigen kirchlichen Bewegungen, die innerhalb der verschiedenen Konfessionen und christlichen Gemeinschaften entstanden sind, wäre Europa um einiges ärmer und zerbrechlicher.

Obwohl in nationalen Kontexten entstanden, haben diese spirituellen und charismatischen Kräfte von Anfang an über die nationalen Grenzen hinaus gewirkt und somit einen starken Beitrag geleistet zur Schaffung eines geeinten, soliden, freien, geschwisterlichen und solidarischen Europa.

von P. Egidio Canil, Sacro Convento der Franziskaner in Assisi, Italien 

Europa ohne Geschwisterlichkeit ist undenkbar

Europa ohne Geschwisterlichkeit ist undenkbar

Kapitelsaal San Salvatore in Lauro, Rom, 17. Februar 2017: Miteinander für Europa zu Gast bei der Tagung des Verbandes «Stadt für die Geschwisterlichkeit».

Nach dem Grusswort der Präsidentin Milvia Monachesi wurden die verschiedenen Potentialitäten und Problematiken des europäischen Kontinents unter die Lupe genommen. Zu Wort kamen dabei Donato Falmi, ehemaliger Direktor des Verlags Città Nuova, Marco Filippeschi, Bürgermeister von Pisa und Präsident der Liga für die Autonomien, sowie Silvia Costa, Abgeordnete des Europaparlaments und derzeit Koordinatorin der Kulturkommission für S&D, die abschliessend betonte, dass «ein Europa ohne Geschwisterlichkeit undenkbar ist».

Zum Tagungsthema «Europa: Freiheit, Gleichheit und… die Geschwisterlichkeit? – Welche Chance heute» haben Diego Goller (Italien) und Ilona Toth (Ungarn) mit der Erfahrung von Miteinander für Europa beigetragen. Durch ihre Ausführung wurden Initiativen von Gemeinschaften und Bewegungen verschiedener christlicher Kirchen ins Licht gerückt, die mit ihren geistlichen und kulturellen Reichtümern einen Beitrag zur Einheit Europas leisten möchten.

«Man sagt, dass man Europa eint, indem man die Städte eint. In den Städten liegen die eigentlichen Probleme, die gelöst werden müssen, die eigentlichen Antworten, die gegeben werden müssen. Man sagt oft: ‘lokal handeln, global denken’; vielleicht müsste man heute besser sagen: ‘lokal denken, global handeln’, weil die Ideen aus dem Leben geboren werden, aus dem Land, aus der Peripherie und weil die Probleme, die uns in unseren Städten Sorgen bereiten, ihren Ursprung auf globaler Ebene haben» meinte Diego Goller. Und sich auf Chiara Lubich beziehend, fuhr er fort: «Wenn Chiara von Miteinander für Europa sprach, sagte sie immer: MITEINANDER steht für Geschwisterlichkeit und EUROPA für den politischen Aspekt, denn „wir dienen im weitesten Sinne des Wortes einem politischen Projekt.“

«Auf seinem 17 Jahre langen Weg ist die Botschaft von Miteinander für Europa immer mehr gereift. In Stuttgart wurde sie mit der „Botschaft Miteinander für Europa 2007“ durch ein mehrfaches „JA“ zum Ausdruck gebracht: unsere Städte sollen Orte sein, die offen sind für verschiedene Kulturen» fährt Ilona Toth fort. Sie zitiert auch den französisch-deutschen Soziologen Michael Hochschild, Professor in Paris, der beim Mitarbeiter-Kongress in München 2016 auf die Frage, ob die Hoffnung eine Zukunft habe, erklärte: «Die Antwort liegt in den neuen geistlichen Bewegungen selbst: Ihr Glaube, ihr Engagement und besonders ihre Zuversicht sind auf dem Weg aus der Krise sehr gefragt, weil sie das nötige Vertrauen in die Zukunft schaffen. Aber die neuen geistlichen Bewegungen müssen sich dazu stärker als bisher als kulturelle Gestaltungskräfte verstehen und entsprechend verhalten. In gewisser Weise müssen sie mehr soziale Bewegung werden.»

Auch Alcide de Gaspari, einer der Gründerväter Europas, wurde angeführt. Schon 1952 machte er Aussagen, die uns auch heute noch zum demokratischen Dialog einladen: «Man muss wählen: entweder reden, diskutieren, an die Vernunft appellieren, an die menschlichen Fähigkeiten appellieren, oder zur Gewalt greifen, zum Befehl, den Willen einer Person aufzwingen. (…) In der Vergangenheit gab es viele Konflikte und Kriege aufgrund des Unvermögens sich zu einigen, miteinander zu diskutieren; aufgrund des Unvermögens, zusammenzukommen und über den Frieden zu verhandeln. Ist es nicht besser, dass wir uns bemühen den Frieden zu erlangen, Formeln zu finden und Institutionen einzurichten, die diesen Frieden garantieren?»

«Danke für die Einladung, die eine Chance für unsere Synergien bildet. Arbeiten wir gemeinsam daran, dass unsere Häuser, Gemeinschaften und Städte zu Werkstätten der Gemeinschaft, der Freundschaft und der Geschwisterlichkeit werden, weltoffen und fähig zur Integration» erklärte abschliessend Diego Goller.

Am Ende der Tagung wurde der „Chiara-Lubich-Preis für Geschwisterlichkeit“ zum achten Mal verliehen: in diesem Jahr wurde er Assisi zugewiesen, der Stadt  in der – dank Franziskus – bereits «600 Jahre vor der Formulierung der drei Grundsätze der Moderne durch die Französische Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) der Begriff ‚Brüderlichkeit‘ erklang …» wie es in der Begründung heisst.

Siehe auch: www.cittaperlafraternita.org/europa-e-fraternita-binomio-impegnativo

Videoaufzeichnung (italienisch): https://youtu.be/edJSuqMdDaI

Neue Horizonte nach Lund (Schweden)

Neue Horizonte nach Lund (Schweden)

Ein gemeinsamer Gedenktag 

„Es ist für mich eine große Freude heute hier zu sein und von den Werken des Heiligen Geistes Zeugnis zu geben, der zwischen den Jüngern Christi Einheit sät. Der Heilige Geist, wie es Martin Luther ausgedrückt hat, „beruft die ganze Christenheit auf Erden, sammelt, erleuchtet, heiliget und erhält in Jesus Christus im rechten, einigen Glauben”. Heute, in Lund und in Malmö, erfahren wir das moderne Wunder des Heiligen Geistes, so wie es die Jünger in meiner Heimatstadt Jerusalem vor zweitausend Jahren erfahren haben. Heute, während wir uns versammeln um unserer Hoffnung auf Einheit Ausdruck zu geben, erinnern wir uns an das hohepriesterliche Gebet Christi: ”Alle sollen eins sein (…) damit die Welt glaubt” (Joh. 17,21).

Danken wir dem einen und dreifaltigen Gott, dass wir uns auf dem Weg vom Konflikt zur Gemeinschaft befinden. Der geschichtliche Tag heute vermittelt der ganzen Welt die Botschaft, dass eine mit Entschiedenheit gelebte Religiosität zu einer friedliche Versöhnung führen kann, anstatt noch mehr Konflikte in unserer bereits geplagten Welt  herbeizuführen. Wenn gläubige Menschen sich für Einheit und Versöhnung einsetzen, kann die Religion einen Wohlstand für die ganze Menschheit bewirken (…. )“.

Aus der Rede von Munib Younan, Präsident des Lutherischen Weltbundes, 31.10.2016

 

500 Jahre Reformation – ein gemeinsamer Gedenktag

Kurt Kardinal Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, erklärt in einem Artikel des Osservatore Romano (17.1.2017) die Bedeutung des lutherisch-katholischen Gedenkens der 500 Jahre Reformation

Koch erinnert in dem Artikel an das gemeinsame ökumenische Gebet von Papst Franziskus und dem Präsident des Lutherischen Weltbundes (LWB), Bischof Munib Younan, beim ökumenischen Reformationsgedenken am 31.10.2016 im schwedischen Lund.

Dieser historische Moment wurde jedoch nicht nur positiv bewertet. Koch erklärt deshalb, dass es  weder um ein „Abdriften des Katholizismus in den Protestantismus“ gehe, wie katholische Kritiker fürchteten, noch um einen „Verrat der Reformation“, wie protestantische Kritiker unterstellten. Im Zeitalter der Ökumene seien solche polemischen Töne früherer Zeiten überwunden.

Beide Seiten sollten das gemeinsame Gedenken zum Dialog nutzen, fordert Kardinal Koch auf. „Das Reformationsgedenken 2017 erinnert an 1517, die Zeit, in der es noch keine Spaltung zwischen dem Reformator Martin Luther und der katholischen Kirche gab“, so der Kardinal.  Martin Luther wollte keine neue Kirche gründen, sondern die Christenheit im Sinn des Evangeliums reformieren.  Das wurde u.a. durch politische Vorkommnisse verhindert. Heute – so Koch – müssten die Christen nach 500 Jahren Trennung  lernen, in Einheit zu leben. Das Gedenkjahr sei eine Einladung dazu, sich die ursprüngliche Sorge Martin Luthers wieder zu eigen zu machen.  Es solle von Buße für die Verletzungen der Vergangenheit, aber auch  von Dankbarkeit für 50 Jahre Dialog zwischen Katholiken und Lutheranern und Hoffnung für die Zukunft geprägt sein.

(Zusammenfassung von Beatriz Lauenroth)

Mut, Europa!

Mut, Europa!

Treffen des Trägerkreises von Miteinander für Europa: 129 Teilnehmer aus 13 europäischen Ländern sind vom 10. bis 12. November 2016 im internationalen Bildungszentrum der Fokolar-Bewegung in Castel Gandolfo bei Rom zusammen gekommen. Acht Sprachen mit vier Simultanübersetzungen: die Vertreter von 39 christlichen Bewegungen und Gemeinschaften haben – wie es einer von ihnen ausgedrückt hat – ein “kleines Pfingstwunder” erlebt.  

Alle Kongressteilnehmer – Verantwortliche oder Vertreter der jeweiligen Bewegung / Gemeinschaft –  waren noch voller Dankbarkeit und Freude über das Ereignis in München im vergangenen Juni-Juli. Und alle sind davon überzeugt: wenn uns vor einem Jahr während des gleichen Treffens in Holland die Nachricht vom Attentat in Paris erreicht hatte, wenn sich vor der Veranstaltung in München der Brexit und in diesen Tagen die Herausforderung nach dem Wahlergebnis in den USA ergeben hat, dann braucht es wirklich mehr denn je das Miteinander für Europa!

Jetzt drängt die Frage: wie wird der Weg des Miteinander in Zukunft aussehen? Welche konkreten Schritte gilt es in den einzelnen Gemeinschaften und Bewegungen, in den Nationen und im Miteinander für Europa zu gehen?

Das Treffen war von diesbezüglichen Anregungen und Vorschlägen charakterisiert. Aus Vorträgen, Gesprächen, persönlichem Austausch und Gruppenarbeit haben sich einige Ideen für das Jahr 2017 entwickelt. Hier nur zwei davon:

  • Am 25. März 2017 jährt sich zum 60. Mal die Unterzeichnung der “Römischen Verträge”, der als einer der wichtigsten historischen Momente im Prozesses der europäischen Integration gilt. Bedeutende Politiker werden sich im Campidoglio in Rom treffen. Miteinander für Europa möchte durch eine Gebetsvigil am Vorabend seine Teilnahme ausdrücken und den Politikern bereits vorab ein Dokument zukommen lassen, in dem es seine Vorstellung von Europa darlegt. Es wäre wünschenswert, dass sich ähnliche Initiativen in europäischen Städten ereignen, in denen das  Miteinander existiert.
  • In diesen Tagen kam unter anderem der Wunsch auf, “Räume der Begegnung” zu schaffen. 2017 möchte man die Gemeinschaft unter den Bewegungen auf Ortsebene intensivieren und erneut ein “Programm für die Städte” anbieten.

Einige Echos während und nach dem Treffen:

Elke Pechmann (Offensive Junger Christen OJC eV.): „Miteinander für Europa ist weder Luxus noch eine hinzugefügte Aufgabe, sondern eine beachtliche Investition für die Gegenwart und die Zukunft Europas.“

Larisa Musina (Trasfiguration Fellowship of Minor Orthodox Brotherhoods, St. Philaret, Moskau): „Um echte Freunde zu werden, muss man sich gut kennen. Wir werden den Dialog zwischen den Ländern im Osten und Westen Europas erweitern. Zusammen mit anderen Ländern Osteuropas haben auch wir Russen dem Westen viel zu geben.“

Pavel Snoj (Fokolar-Bewegung, Slowenien): „Wenn wir wieder in unser Land zurückgekehrt sind, werden wir alle anderen Bewegungen in Slowenien von unserem Treffen hier in Kenntnis setzen. Wir werden dazu auch zwei Bischöfe – je aus der katholischen und der lutherischen Kirche – einladen, damit auch sie wissen, dass sich Laien gemeinsam mit den Kirchen in Europa für eine bessere Zukunft des Kontinents organisieren.“

Selomi Zürcher (JAHU, Schweiz), als Sprecherin der Jugendlichen ihrer Arbeitsgruppe: „Wir empfinden die Zukunft Europas als unsere Sache. Wir wissen die Erfahrung und die Weisheit der Erwachsenen zu schätzen; wir bitten sie uns Vertrauen zu schenken und die Bereitschaft, auch von uns etwas zu lernen. So kann das Europa unserer Väter auch das Europa der Kinder werden.“

Constanze Wolf (Fokolar-Bewegung, Deutschland): „Wie gerne möchte ich meine Begeisterung für das Miteinander anderen Jugendlichen weitergeben! Ich habe begonnen in der Pfarrei und auf Arbeit davon zu berichten, und ich hoffe, dass wir im nächsten Jahr – in Wien, wo das nächste Treffen geplant ist – zu mehreren sein werden.“

Eines ist gewiss: mehr denn je ist die Erfahrung von Versöhnung und Freundschaft von Menschen aus dem Miteinander für Europa gefragt, damit die “Partitur im Himmel” – wie Chiara Lubich es ausgedrückt hat – entdeckt werden kann.

Das nächste Treffen des Trägerkreises von Miteinander für Europa findet vom 9. – 11. November 2017 in Wien statt.

Beatriz Lauenroth

Eine ermutigende Anerkennung

Eine ermutigende Anerkennung

Die bevorstehende Veranstaltung in München (Juli 2016) hat eine neue Schirmherrschaft erhalten.

Mit starken Worten der Ermutigung und Anerkennung für die Initiative hat der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, der Veranstaltung „Begegnung. Versöhnung. Zukunft“ die Schirmherrschaft des Europäischen Parlaments erteilt.

In seinem langen Brief betonte er die Wichtigkeit, sich gemeinsam für Solidarität und Frieden, für Toleranz und Dialog zwischen den Kulturen und Religionen einzusetzen sowie das Bewusstsein der Zugehörigkeit zu Europa und eine aktive Bürgerschaft zu fördern.

Nach der Schirmherrschaft des Präsidenten der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker und des Generalsekretärs des Europarates, Thorbjørn Jagland, ist dies die dritte Schirmherrschaft, die seitens Europäischer Institutionen gewährt wurde.

Sie sind ein verstärkter Impuls, zur Verwirklichung unseres „Traumes“ vom einem „geeinten und vielfältigen Europa beizutragen, einem Europa mit starker sozialer Bindekraft und kultureller Vielfalt. Unsere Unterschiedlichkeiten trennen uns nicht und brauchen uns auch nicht zu beängstigen, wenn wir sie als Geschenk erleben. Wir leben für ein Europa, das die Unterschiedlichkeiten nicht einebnet, sondern als Reichtum entdeckt und nutzt“…  >siehe: WIE STELLEN WIR UNS EUROPA VOR

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Papst Franziskus erhält den europäischen Karlspreis

Papst Franziskus erhält den europäischen Karlspreis

Vor den hohen Gästen, die am 6. Mai 2016 in der festlichen Sala Regia im Vatikan zusammengekommen sind, widmet Papst Franziskus den ehrenvollen Karlspreis Europa, um „einen neuen kräftigen Schwung für diesen geliebten Kontinent herbeizuwünschen“.

Ja, Europa hat durch seine jüngste Geschichte erneut die Aufmerksamkeit der Welt auf sich gezogen, mit nicht wenig Anlass zur Sorge. „Was ist mit dir los, Europa?“ hallt  die beunruhigende Frage bei den Anwesenden wider.

Uns scheint, dass Europa an diesem Tag ein Art „Magna Charta“ erhalten hat. Die Schlüsselworte „Integration, Dialog, etwas hervorbringen“ rufen zu einer Aktualisierung der Vorstellung von Europa auf. Mit der bevorstehenden Großveranstaltung „Miteinander für Europa“ im Juni/Juli 2016 in München, möchten auch wir unseren Beitrag geben und bezeugen, dass „Integration“ eine BEGEGNUNG voraussetzt, dass für „Dialog“ VERSÖHNUNG notwendig ist und dass es ohne etwas „hervorzubringen“ keine ZUKUNFT gibt.  

Am Verleihungstag des Karlspreises schien die Sala Regia im Vatikan von einer Atmosphäre der Gelassenheit, gegenseitiger Unterstützung und Hoffnung für die Zukunft geprägt. Man konnte sie auch durch kleine, geschwisterliche Gesten zwischen den Gästen wahrnehmen.

Vielleicht liegt es auch an uns, dass der Mut, der bei dieser Gelegenheit zutage kam, nicht schnell wieder vergeht, sondern dazu anregt, gemeinsam mit vielen Menschen daran zu glauben, dass ein Traum wahr wird, der nicht nur der Traum eines Papstes bleiben darf.

Text der Ansprache von Papst Franziskus> 

Foto: Andreas Herrmann