Die Grundsätze des Dialogs

Jesús Morán ist der Kopräsident der Fokolar-Bewegung: Studienabschluss in Philosophie, Doktor der Theologie. Hier in 7 Punkten seine anregenden Gedanken um die „Sprache der Geschwisterlichkeit“ zu lernen. 

1. Dialog ist immer persönliche Begegnung. Es geht nicht um Worte oder Gedanken, sondern darum, unser Sein zu schenken. Er ist nicht nur einfach Konversation, sondern etwas, das die Beteiligten im Tiefsten berührt. Rosenzweig sagte: „Im echten Dialog geschieht wirklich etwas“. Mit anderen Worten: Man kommt nicht ungeschoren aus einem echten Dialog, denn etwas verändert sich in uns.

2. Dialog bedarf der Stille und des Zuhörens. Die Stille ist grundlegend für ein klares Denken und Sprechen. Tiefe, geduldig in der Einsamkeit gepflegte Stille, die dann praktisch umgesetzt wird der Begegnung mit dem anderen, mit seinem Denken und Sprechen. Ein schönes indisches Sprichwort sagt: „Wenn du sprichst, vergewissere dich, dass deine Worte besser sind als dein Schweigen“. Heute brauchst es mehr denn je – sagt Benedikt XV.  – „ein Ökosystem, das Stille, Worte, Bilder und Töne im Gleichgewicht hält“. Wenn wir uns auf einen Dialog einlassen, brauchen wir die Stille, um die Worte nicht abzunutzen.

3. Im Dialog stellen wir uns selbst in Frage, unsere Sicht der Dinge, unsere Identität, auch die kulturelle. Wir müssen uns eine „offene Identität“ aneignen, reif und zugleich geprägt von einem tiefen anthropologischen Axiom: „Wenn wir uns mit jemandem verstehen, erkenne ich auch besser, wer ich bin.“ Klaus Hemmerle hat es so ausgedrückt: „Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen (…) damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.”

4. Echter Dialog hat mit Wahrheit zu tun. Aber Vorsicht: Die Wahrheit ist eine relationale Wirklichkeit (nicht relative, was etwas anderes ist). Das bedeutet, dass die Wahrheit für alle die gleiche ist, aber jeder teilt mit den anderen die persönliche Partizipation und das Verständnis dieser Wahrheit. Darum sind Unterschiede ein Geschenk, nicht eine Gefahr. Die „Gabe des Unterschiedlichkeit“ ist eine weitere Säule der Dialogkultur.

5. Dialog ist eine Willenssache. Die Liebe zur Wahrheit führt mich dazu, sie zu suchen, sie zu wollen – und darum suche ich den Dialog. Oft denkt man, der Dialog sei eine Sache für Schwache. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Nur wer eine große Willenskraft besitzt, setzt sich selbst dem Dialog aus. Hinter jeder dogmatischen und fundamentalistischen Haltung verbirgt sich Angst und Schwäche. Man muss sich vor jenen in Acht nehmen, die gewöhnlich auf lautes Schreien zurückgreifen, hochtrabende Worte oder disqualifizierende Aussagen gebrauchen, um die eigene Meinung aufzuzwingen. Die rohe Gewalt, auch mit Worten, kann vielleicht siegen, aber nie überzeugen.

6. Dialog ist nur zwischen authentischen Menschen möglich. Die Liebe, die Selbstlosigkeit und die Solidarität bereiten die Menschen zum Dialog vor, indem sie sie echt machen. Gandhi und Tagore hatten ganz unterschiedliche Auffassungen vom Erziehungssystem in einem unabhängigen Indien, aber dies hinderte ihre Freundschaft nicht. Papst Wojtyla und der italienische Präsident Pertini hatten lange Zeit ein tiefes Einvernehmen was das Schicksal der Menschheit betrifft, obwohl sie in fast entgegengesetzten Kategorien dachten.

7. Die Kultur des Dialogs kennt ein einziges Gesetz, das Gesetz der Gegenseitigkeit. Nun in ihm findet der Dialog Sinn und Legitimität. Würden die Nationen mehr auf Dialog setzen als auf das mörderische Schweigen der Rache oder auf Reichtum und Selbstbehauptung, würden wir in jenem Glück schwimmen, dessen wir uns heute berauben. Wenn die Religionen miteinander reden würden, um Gott zu ehren; wenn die Nationen sich respektieren würden und erkennen könnten, das der eigene Reichtum darin besteht, die anderen reich zu machen; wenn jeder einen „kleinen persönlichen Weg“ des Neuen zurücklegen würde, könnten wir die Nacht des Terrors, in der wir uns befinden, hinter uns lassen. Welches sind die Hindernisse auf diesem kleinen Weg? Das Urteilen, das Verurteilen und der intellektuelle Hochmut.

Die Arbeit, die es zu tun gilt, ist handwerklicher Art, denn sie verlangt einen Einsatz ohne Zerstreuungen und Kompromisse. Aber sie ist kulturell reicher als ein Beruf. Sie ist eine mühsame und schonungslose Tätigkeit. Aber die Barmherzigkeit rettet uns.

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