“Bauarbeiten” in Padua

Unsere Vertreter, die im vergangenen November am Trägerkreis-Treffen von Miteinander für Europa in Prag dabei waren, haben uns in die dort erlebte Erfahrung mit hinein genommen und uns die angedachten Projekte vorgestellt.

Im Hinblick auf den 9. Mai, dem Europafest, haben wir alle uns bereit erklärt, eine Gebetsvigil zu organisieren. Schon bei den ersten Kontakten hat uns überrascht, auf welch großes Interesse wir gestoßen sind: wir wurden gleich auf weitere interessierte Gruppen aufmerksam gemacht und ein ganzer Fächer von Beziehungen begann sich zu entfalten.

Als erstes nahmen wir mit der Ortskirche Kontakt auf, um gemeinsam die Feier des 9. Mai vorzubereiten. Darauf folgte die Begegnung mit einem Priester, Verantwortlicher für das Universitätszentrums und Koordinator eines «Bibel-Festivals», das vom 10. bis 12. Mai 2019 stattfinden wird. Er teilte sofort unser Anliegen, auch deshalb, weil es dem Thema des Festivals entgegenkommt: «Die Stadt und die Staatsbürgerschaft»; Europa war bereits inhaltlich vorgesehen und darum haben wir vorgeschlagen, die Gebetsvigil von Miteinander für Europa ins Programm des Festivals aufzunehmen.

Wir wurden auch angefragt, ob ein Europa-Experte anlässlich eines Events für Jugendliche einen Beitrag geben könnte. So entstand die Idee, für Studentinnen und Studenten der Sekundarschulen von Padua und der Provinz einen Fotowettbewerb auszuschreiben, zum Thema: «Nie ohne den anderen». Der Verantwortliche des Festivals hat uns darüber hinaus gebeten, während der Abendveranstaltung, die Europa gewidmet ist, ein kurzes Video zur Geschichte von Miteinanders für Europa zu zeigen.

Eine weitere Begegnung gab es mit dem Beauftragten der Migranten-Pastoral, der uns eine unbekannte Welt eröffnete: In der Diözese Padua gibt es 110.000 Migranten, von denen mehr als die Hälfte Christen sind. Sie werden von einigen Priestern betreut, die aus den Ländern der Migranten stammen. Wir haben uns mit 12 aus Indien, Sri Lanka, China und Osteuropa stammenden Priestern getroffen. Sie haben die Idee der Gebetsvigil gerne aufgenommen. Nie hätten wir gedacht, in einem so bescheidenen Pfarrhaus mit einer so breiten Vertretung der Weltkirche sprechen zu können!

Des Weiteren lernten wir den Verantwortlichen des örtlichen Ökumenischen Rates der Kirche kennen, ein rumänisch-orthodoxer Priester: Das eingebunden werden in ein biblisches Festival sei ihm eine große Freude, denn «es ist die Bibel, die uns alle eint».

Danach haben wir uns mit dem fast vollzähligen Ökumenischen Rat getroffen: mit den Verantwortlichen der Griechisch-Orthodoxen, der Rumänisch-Orthodoxen, der Methodistischen und der Lutherischen Kirche. Gemeinsam haben wir das Datum der Gebetsvigil auf den 9. Mai festgelegt, als Eröffnung des Festivals, in der wunderschönen romanischen Kirche Santa Sofia in Padua.

Alle kontaktierten Beteiligten sind nun eingebunden in die Vorbereitungskommission der Gebetsvigil, die jetzt international und ökumenisch ist! Dem Gebetsmoment wird ein Beisammensein folgen, zu dem typische Speisen aus den verschiedenen Ländern mitgebracht werden.

Das Team von Miteinander für Europa in Padua

Junge Menschen lieben das Konkrete

Hat Europa eine Zukunft? Welchen Beitrag seht ihr etwa von Seiten der Kirchen und der christlichen Bewegungen und Gemeinschaften?

Sicher hat Europa eine Zukunft! Und darin spielen die Gemeinschaften und die Kirchen einzeln und gemeinsam eine wichtige Rolle, indem sie die Zivilgesellschaft stärken. Diese wird die künftigen führenden Politiker hervorbringen und in der Zwischenzeit stärkt und fördert sie das bürgerliche Engagement. „Der grösste Schaden wird von jenen Millionen von Menschen verursacht, die einfach ‚überleben‘ wollen.“  Deshalb sind die Gemeinschaften von Bedeutung, denn sie leben und entwickeln ihre je eigenen Gaben (wie etwa Ordnung, Freiheit, Gehorsam, Verantwortung, Gleichheit, Hierarchie, Achtung, Berichtigung, Privateigentum, Kollektiveigentum, Wahrheit usw.) und machen darauf aufmerksam.

Am 9. Mai feiern wir den „Europatag“. Was löst dieses Datum in euch aus? Wie würdet ihr euch wünschen, dass die Europäer diesen Tag feiern?

Die Wahl des Datums wie auch die Initiative selbst ist gut und notwendig. Die Frage stellt sich über das „Wie“. Man müsste einen Europatag konzipieren in dem – neben den interdisziplinären Konferenzen der verschiedenen wissenschaftlichen Bereiche – auch die ganze Gesellschaft einbezogen werden könnte. Keine offiziellen Festivitäten, sondern beispielsweise „Massenkundgebungen“, ähnlich dem Projekt mit den Kulturhauptstädten. Die Erfahrung zeigt, dass es immer die Politik ist, die offizielle Feierlichkeiten organisiert. Aber diese Nutzung zu eigenen Zwecken hält  die Menschen von solchen offiziellen Anlässen fern.

Wenn du Präsident/in der Europäischen Kommission wärst (d.h. wenn du eine verantwortliche Funktion mit Entscheidungsbefugnissen innehättest), welche Prioritäten, um die Gemeinschaft unter den europäischen Völker zu erhalten und zu fördern, stünden in der Agenda?

Keine Uniformität anstreben, sondern vielmehr auf der Grundlage der gegenseitigen Anerkennung der Identität und der Solidarität die Integration fördern, stärken und beschleunigen. Es liegt auf der Hand, dass dieses schwache föderative System nicht funktioniert. Ein Beispiel sind die USA, wo man vergeblich eine gemeinsame Sprache spricht und man freiere Foren durch zentralistische verdrängt hat. Internationale Projekte wie etwa ERASMUS weiterführen und auf Forscher und Dozenten an Universitäten erweitern, aber mit der Zeit auch auf Erzieher und Lehrer der unteren Stufen. Unabhängig von der Studienrichtung müsste für alle Studierenden ein obligatorischer Semesteraufenthalt im Ausland eingeführt werden. Interuniversitäre Kurse zwischen benachbarten Ländern müssten regelmässig stattfinden (z.B. in Form von Sommer-Universitäten).

Wie seht ihr Europa im Kontext der aktuellen Weltpolitik?

Europa steht vor zwei wesentliche Herausforderungen. 1. Die Frage der Einheit: Wenn es Europa nicht gelingt die Einheit zu festigen und ihr Ausdruck zu verleihen, wird es an Gewicht einbüssen (siehe 2. Herausforderung). 2. Die Korruption: Jeder auch noch so kleine wirtschaftliche, moralische oder sexuelle Missbrauch kann der internationalen Gemeinschaft grossen Schaden zufügen, unabhängig davon, ob von einer öffentlichen oder privaten Instanz verübt. Dies kann nur und vor allem durch eine beständige und gemeinsame Gewissensprüfung (Reflexion) verhindert werden.

Es scheint, dass junge Menschen sich wenig Gedanken über die Zukunft Europas machen. Ist das so?

Junge Menschen lieben das Konkrete. Nicht-Greifbares interessiert sie nicht. Man müsste z.B. die Anzahl der Studenten im ERASMUS-Programm erhöhen und mehr in Auslandstudienprogramme investieren, damit sich die Jugend besser kennenlernen kann. Zudem bräuchte es konkrete europäische Ziele, an die sie glauben und wofür sie sich begeistern könnten.

Wie denkt ihr über die populistischen Tendenzen? Könnte es in einem MITEINANDER nicht besser gehen? Aber wie?

Erstens sind sie die Konsequenz der letzten Wirtschaftskrise; zweitens auch der verschiedenen bewaffneten Konflikte und Auseinandersetzungen (beispielsweise durch fremde Einmischungen); drittens sind sie durch den Nationalismus verursacht, der eine Frucht der oben erwähnten Realität ist; eines Nationalismus der nicht durch die Europäische Union repräsentiert ist, aber von den Populisten benutzt wird. Zudem haben die Wähler keinen Bezug zu den europäischen Politikern, sondern sehen und kennen nur die Politiker des eigenen Landes. Diese sind direkt verantwortlich dafür, wie die ursprünglichen Berichte von Bruxelles dem eigenen Land vermittelt werden; die Bevölkerung glaubt dann ihnen.

Auf jeden Fall müssen wir lernen miteinander vorwärts zu gehen. Wie? Siehe dazu die obigen Antworten. Der erste Schritt könnte der Wunsch sein, persönlich zu handeln und dann auch gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, aus der Erkenntnis der Effizienz und der Rolle des Miteinanders heraus.

Zsófia Bárány, PhD, und Szabolcs Somorjai, PhD, Ungarn, Universitätsassistenten im Bereich Gesellschaft, Wirtschaft in der Neuzeit, Politik und Kirchengeschichte.

 

 

 

 

 

 

Ressourcen teilen

Der 9. Mai ist “Europatag”. Was kommt dir in den Sinn, wenn du von diesem Datum hörst? Wie würde es dir gefallen, dass dieser Tag von den Europäern gefeiert wird?

Ich sehen diesen Tag als eine Chance, an dem die Länder in Europa gemeinsam grenzübergreifend Aktionen starten. Dabei kommt es nicht auf ein großartiges Programm an, sondern auf einfache Weise, z. B. spielerisch, einander kennen zu lernen und Gemeinsamkeiten anstatt Unterschiede zu finden. Dafür wäre ein ungezwungener Gesprächsraum vonnöten. Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit wäre dabei die Erreichung des wertvollsten Zieles.

Wenn du Präsidentin der Europäischen Kommission wärst, welche Prioritäten würdest du für den Zusammenhalt von Europa auf die Agenda setzen?

Keine Abgrenzung der Länder gegenüber der anderen. Dort wo man einfach hinreisen kann, fühlt man sich schneller wohl. Gastfreundschaft im eigenen Land für die anderen wäre ein wichtige Voraussetzung, einander zu verstehen und wertzuschätzen. Ich würde versuchen den anderen die Vorteile und die große Bereicherung eines „offenen“ Europas zu offenbaren. Dafür wären konkrete Beispiele und bereits kleine Erfolge nötig, die man vortragen könnte.

Hat Europa eine Zukunft? Welchen Beitrag siehst du z.B. seitens der Kirchen und geistlichen Gemeinschaften?

Offenheit und Transparenz! Wenn die Kirche offen kommuniziert was sie etwa mit Geldern, Aktionen usw. plant, wird das den Bürgern mehr helfen ihr auch zu vertrauen. Wenn die Kirche dafür bekannt ist, die Menschen zu vereinen, kann sie damit auch Grenzen in den Herzen der Leute überwinden. Programme für die Jugend, Zusammenführung von Einheimischen, Migranten, Flüchtlingen möglich machen und diese nicht als Flüchtlingsprogramm propagieren, sondern die Vielfältigkeit der Länder und den verschiedenen Menschen positiv hervorbringen. Europa hat eine Zukunft, wenn die Menschen anfangen zu verstehen, dass wir in unserer Unterschiedlichkeit eine Bereicherung füreinander sein können, wenn Fähigkeiten etc. nur richtig einsetzt werden.

Wie siehst du Europa im Kontext der heutigen Weltpolitik?

In Europa wurde schon viel erreicht. Dass man in verschiedene Länder innerhalb Europas reisen kann und Partnerschaften geschlossen wurden, die z.B. den Schüleraustausch und das Freiwillige Soziale Jahr ermöglicht haben, ist ein Geschenk. Diese Erfahrungen, sollten mehr publik gemacht werden, damit die Bürger der Länder diesen Schatz bewusster wahrnehmen können. Europa sollte seine positiven Seiten mehr ausstrahlen. Wir haben in der Regel gute finanzielle Absicherungen und Sozialhilfen. Sollten wir nicht dankbar sein für alles, was wir schon haben?

Es scheint, dass sich Jugendliche wenig um die Zukunft Europas kümmern. Stimmt das deiner Meinung nach?

Meine Erfahrung ist, dass wir als Jugendliche oft etwas überfordert sind mit all dem, was um uns herum auf der ganzen Welt passiert. Politik interessiert nur noch einen Teil der Jugendlichen, die schätzungsweise durch ihr Umfeld schon einiges auf den Weg mitbekommen haben. Es gibt viele Probleme in der Welt, bei denen vor allem die Jugend nichts ausrichten kann (zumindest denkt sie so). Daher gilt ihr Interesse oft mehr den Dingen, in denen sofort Ergebnisse gesehen und erzielt werden können. Politik wird oft zu sehr verkompliziert und benutzt ein Fachsprache, die den meisten unzugänglich ist. Für die Jugend müsste mehr Anreiz gegeben werden, sich für Politik zu interessieren mit der Perspektive, auch etwas bewirken zu können.

Wie denkst du über populistische Tendenzen? Würde es in einem Miteinander nicht besser gehen? Aber wie…?

Da wir heutzutage vom Kapitalismus (ich rede jetzt von Deutschland) beherrscht werden, sind populistische Tendenzen fast nicht mehr wegzudenken. Es gilt immer nur noch mehr Gewinn zu erzielen und dabei auf Schwächere keine Rücksicht zu nehmen. Menschen die nur auf Profit zielen, sehen keinen Gewinn darin, Schwächere zu unterstützen, denn das erfordert Zeit, Arbeit und Einsatz. Die Mittelschicht verschwindet immer mehr und die Diskrepanz zwischen arm und reich wird größer. Ein Miteinander wäre möglich, wenn man versteht, das man durch unterschiedliche Fähigkeiten auch Gewinn erzielen kann. Vielleicht fällt dieser dann geringer aus, aber dafür gewinnt man an menschlichen Beziehungen, Gesundheit, Werten usw.. Zuerst muss verstanden werden, dass man durch das nur an sich denken automatisch nicht mehr glücklich wird; dass Menschen, die weniger haben aber aufeinander zählen und bauen können, einen weitaus größeren Schatz gefunden haben.

Katharina Pinzer, Jahrgang 1994, Erzieherin, Arbeitserfahrung mit Migranten, lebt derzeit in Nürnberg 

 

9. Mai: Europatag

An guten Absichten und neuen Verpflichtungen fehlt es nicht

Dieser Tag erinnert an den Beginn der europäischen Integration, denn an am 9. Mai 1950 stellte Robert Schumann den wirtschaftlichen Kooperationsplan vor, der als „Schumann-Erklärung“ bekannt wurde. Es ist auch der Tag, der an das eigentliche Ende des 2. Weltkriegs erinnert, einen Tag nachdem die Nazis die Kapitulation unterzeichnet hatten. Andererseits gedenkt man am 9. Mai aber auch des Siegs der Sowjetunion im Jahre 1945 und der Konsequenz, dass danach viele Länder Zentral- und Osteuropas Satelliten-Staaten Moskaus wurden. Es ist die Geschichte eines Teils der Welt, es ist die Geschichte eines Teils der Menschheit. Ist es ein Festtag? Für die einen ja, für die anderen weniger. Auf jeden Fall aber ein geschichtsträchtiger Tag, ein europäischer Tag.

In den Mitgliedstaaten der Europäischen Union öffnen an diesem Tag die Institutionen ihre Türen, um den Menschen dieses grosse „Unternehmen“ näher zu bringen, das seit dem Jahr 2000 das Motto trägt: „In Vielfalt geeint.“ „Das Motto – so liest man auf der EU Webseite – bringt zum Ausdruck, dass sich die Europäer in der EU zusammengeschlossen haben, um sich gemeinsam für Frieden und Wohlstand einzusetzen, und dass gleichzeitig die vielen verschiedenen europäischen Kulturen, Traditionen und Sprachen den gesamten Kontinent bereichern.“

Heute ist dieses Motto eher eine Herausforderung als eine überzeugende Erfahrung; auch wenn die gemeinsame Erklärung, die die Staats- und Regierungschefs anlässlich des 60. Jahrestags der „Römischen Verträge“ unterzeichnet haben, Hoffnung macht: An guten Absichten und neuen Verpflichtungen fehlt es nicht.

Wir Christen der verschiedenen Kirchen, die wir uns durch die Charismen unserer Bewegungen und Gemeinschaften für ein geschwisterliches und geeintes Europa einsetzen, fühlen uns an diesem europäischen Tag angesprochen. Vor allem, weil wir auf unserem Weg des Miteinanders für Europa erfahren haben, dass man „in Vielfalt geeint“ sein kann, aber dass dies einem Bewusstsein erwächst: Wir haben ein gemeinsames Fundament, denn wir sind alle Gottes Kinder und somit untereinander Brüder und Schwestern. Alle Bemühungen, die freundschaftlichen und geschwisterlichen Beziehungen zwischen unseren kleinen und grossen Gemeinschaften zu vertiefen, sind wertvoll. Dadurch werden unsere Verschiedenheiten zu gemeinsamen Gaben und Reichtümer. Und was im Kleinen funktioniert, kann auch wachsen und zum Wohle aller werden.

Ilona Toth