{"id":330633,"date":"2017-04-03T20:01:51","date_gmt":"2017-04-03T18:01:51","guid":{"rendered":"https:\/\/webdev.flars.net\/interview-mit-david-maria-sassoli\/"},"modified":"2017-04-03T20:01:51","modified_gmt":"2017-04-03T18:01:51","slug":"interview-mit-david-maria-sassoli","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.together4europe.org\/de\/interview-mit-david-maria-sassoli\/","title":{"rendered":"Interview mit David-Maria Sassoli"},"content":{"rendered":"<h3>David-Maria Sassoli, Italienischer Europaparlamentarier der Demokratischen Partei, w\u00e4hrend der \u00f6kumenischen Gebetsfeier in Rom 2017<\/h3>\n<p><strong>Herr Sassoli, am Vorabend des 60. Jahrestages der \u00abR\u00f6mischen Vertr\u00e4ge\u00bb, die kennzeichnend f\u00fcr die Geburtsstunde der Europ\u00e4ischen Union sind, beobachtet man vielerorts, dass Europa seine christlichen Wurzeln verloren hat. Es ist konzentriert auf die Finanzen, die B\u00fcrokratie und die nationalen Interessen und erscheint unf\u00e4hig zu Solidarit\u00e4t, Gastfreundschaft und zu einem Entwicklungsprojekt, das auf den Menschen ausgerichtet ist. Was sagen Sie dazu?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eVor allem m\u00fcssen sich die Christen mehr zu Wort melden und es braucht in der christlichen Welt ein Netzwerk, das Zeugnis f\u00fcr andere gibt. Denn es gibt Werte wie den Frieden, die Koexistenz, die Solidarit\u00e4t, die Gerechtigkeit, die durchaus christliche Pr\u00e4gung haben, aber \u00a0die sich heute auch nicht-christliche B\u00fcrger als Paradigma f\u00fcr ihren politischen, kulturellen und moralischen Einsatz zu eigen gemacht haben. Es sind diese Elemente, die die europ\u00e4ische Identit\u00e4t ausmachen: Dar\u00fcber m\u00fcssten die Christen froh und dankbar sein, denn in der europ\u00e4ischen Identit\u00e4t finden sich jene Werte wieder, die auch dem christlichen Weltbild eigen sind. Doch in diesem Moment sind wir gefordert, dies unseren Mitb\u00fcrgern gut zu erkl\u00e4ren, denn Europa macht heute Angst, bereitet Sorge, wird als Last empfunden; stattdessen m\u00fcssten wir in der Einheit der Europ\u00e4er jenen Wert erkennen, der es uns erm\u00f6glicht, der gro\u00dfen Herausforderung unseres Jahrhunderts gewachsen zu sein: die Gestaltung des globalen Marktes. Globalisierung ohne Regeln f\u00fchrt zu Ausgrenzung, Armut, Elend und kann sich f\u00fcr gro\u00dfe Teile des Planeten katastrophal auswirken. Die gro\u00dfe Herausforderung an Europa ist es, der Welt diese Regeln und Werte zu geben. Denn die Regeln dieses Marktes ohne Schutz der Menschenrechte, ohne Freiheit und Demokratie, w\u00e4ren reine Wirtschaftsgesetze, die vor allem den Starken dienen \u2013 und das wollen wir nicht. Also sind wir aufgerufen, die christlichen Werte, die schon am Ursprung der europ\u00e4ischen Identit\u00e4t standen, heute auch in die weltweiten Herausforderungen einzubringen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Um das Gef\u00e4lle zwischen den wirtschaftlich st\u00e4rkeren L\u00e4ndern und jenen, die noch im Wachstum stehen, zu \u00fcberwinden, spricht man von einem Europa der \u00abzwei Geschwindigkeiten\u00bb. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWenn dies bedeuten sollte, dass es dann ein A-klassiges und ein B-klassiges Europa g\u00e4be, w\u00e4re das nicht gut. Wenn es hingegen bedeutet, dass sich gewisse L\u00e4nder zusammenschlie\u00dfen k\u00f6nnten, wie es der Vertrag von Lissabon vorsieht, um sich gegenseitig zu st\u00e4rken und sich auf ein gemeinsames politisches Vorgehen zu einigen, dies allerdings ohne die bestehenden europ\u00e4ischen Standards zu verletzten, dann k\u00f6nnte das interessant sein. So haben wir es mit dem Euro gemacht: zun\u00e4chst mit einer verst\u00e4rkten Zusammenarbeit von zehn, elf L\u00e4ndern, \u00a0denen sich dann andere angeschlossen haben. Das ist eine gute Methode, denn in den europ\u00e4ischen Mechanismen ist es tats\u00e4chlich schwierig zu einer Einstimmigkeit zu finden. Wenn es beispielsweise L\u00e4nder g\u00e4be, wie Frankreich, Italien, Spanien, Deutschland, Belgien und andere, die auf eine gemeinsame Verteidigungsstrategie setzen m\u00f6chten, so ist dies willkommen: Wir h\u00e4tten einen Kern von L\u00e4ndern die vorangehen und diesem k\u00f6nnten dann andere folgen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Es wird viel dar\u00fcber gesprochen, dass man die Vertr\u00e4ge \u00fcberarbeiten m\u00fcsste. Anl\u00e4sslich der Karlspreisverleihung im Mai 2016 wurde dies auch von Papst Franziskus in seiner Rede im Europ\u00e4ischen Parlament bekr\u00e4ftigt. In welche Richtung m\u00fcssten sie \u00fcberarbeitet werden?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWir m\u00fcssen sie \u00e4ndern und zu einer europ\u00e4ischen Konstitution kommen, aber realistischer Weise muss ich mit Bedauern sagen, dass in diesem Moment die Wiederer\u00f6ffnung der Diskussion \u00fcber die Vertr\u00e4ge sehr gef\u00e4hrlich sein k\u00f6nnte und wir da sehr vorsichtig sein m\u00fcssen. W\u00fcrden wir jetzt etwa eine Debatte \u00fcber Schengen wieder aufnehmen, was w\u00fcrde aus diesem Europa mit den vielen nationalistischen Regierungen werden? Regierungen, die Angst vor einer Fl\u00fcchtlings-Invasion haben. Es ist besser, wenn wir uns zun\u00e4chst auf politische Themen konzentrieren, die <em>mehr<\/em> Europa schaffen k\u00f6nnen, denn dies haben wir n\u00f6tiger als alle Institutionen, Regeln und Vertr\u00e4ge.\u201c<\/p>\n<p><em>Claudia Di Lorenzi<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David-Maria Sassoli, Italienischer Europaparlamentarier der Demokratischen Partei, w\u00e4hrend der \u00f6kumenischen Gebetsfeier in Rom 2017 Herr Sassoli, am Vorabend des 60. Jahrestages der \u00abR\u00f6mischen Vertr\u00e4ge\u00bb, die kennzeichnend f\u00fcr die Geburtsstunde der Europ\u00e4ischen Union sind, beobachtet man vielerorts, dass Europa seine christlichen Wurzeln verloren hat. 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