{"id":330639,"date":"2017-04-03T20:14:02","date_gmt":"2017-04-03T18:14:02","guid":{"rendered":"https:\/\/webdev.flars.net\/beitrag-von-andrea-riccardi\/"},"modified":"2017-04-03T20:14:02","modified_gmt":"2017-04-03T18:14:02","slug":"beitrag-von-andrea-riccardi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.together4europe.org\/de\/beitrag-von-andrea-riccardi\/","title":{"rendered":"Beitrag von Andrea Riccardi"},"content":{"rendered":"<h3>Andrea Riccardi, Gr\u00fcnder der Gemeinschaft Sant&#8217;Egidio, w\u00e4hrend der \u00f6kumenischen Gebetsfeier in Rom 2017<\/h3>\n<p>Liebe Freunde,<\/p>\n<p>Lassen Sie uns ehrlich sein: viele Europ\u00e4er f\u00fchlen sich verloren und desorientiert. Wohin geht Europa? Wird es der \u00a0Versuchung einer Trennung widerstehen k\u00f6nnen? Europa scheint seine B\u00fcrger nicht mehr zu sch\u00fctzen. Tats\u00e4chlich versucht es, den entgegengesetzten Weg zu gehen, den die Gr\u00fcnderv\u00e4ter Europas beschritten haben. Sie hatten noch eine lebendige Erinnerung an die Grauen des Krieges, die Mauern des Hasses, an die Konzentrationslager und die Ruinen. Diese Generation gibt es \u00a0nicht mehr. Heute wird die Geschichte mit einer Politik der Emotionen und \u00c4ngste geschrieben. Erinnerung an Krieg ist heute\u00a0 \u201enormal\u201c. Aber f\u00fcr den, der noch gestern\u00a0 im Irak und im Libanon gesehen hat, dass Krieg weiteren Krieg hervorruft, ist dies alles Wahnsinn.<\/p>\n<p>Europa kann nicht ohne Ged\u00e4chtnis leben. Wir werden der Kontinent der Zukunft sein, wenn wir die Erinnerung wachhalten. Seit siebzig Jahren leben wir in einem gro\u00dfen Frieden, der nach Jahrhunderten des Krieges solide aufgebaut wurde. Er ist die Frucht eines vereinten Europas: der Frieden \u00a0hat Wohlstand und die \u00a0Entwicklung einer Kultur von ihren Wurzeln her hervorgebracht. Er ist eine klar zu erkennende Realit\u00e4t, die st\u00e4rker ist als die allgegenw\u00e4rtigen Emotionen und \u00c4ngste der Gegenwart. Dieses Europa ist unser Friede und unser Wohlstand.<\/p>\n<p>Seine Krise ist durch Egoismen entstanden: nationale, von Interessengruppen, durch individuelle Zielsetzungen. Europa hat den Sprung nicht gewagt, um durch Au\u00dfenpolitik und gemeinsame Verteidigung zum Protagonisten der Weltszene zu werden. Dabei geht es nicht nur um Frieden f\u00fcr Europa, sondern um eine gemeinsame Friedenspolitik im Mittelmeerraum, dem Balkan, in Afrika, in der Welt. &#8222;Europa, sanfte Kraft&#8220;, nannte es Tommaso Padoa-Schioppa. Die Egoismen drohen jetzt, es zu blockieren und von innen her zu verschlingen. Die Egoismen wollen wieder Herren der nationalen Schicksale sein und sehen die anderen als Bedrohung. So bekommen Grenzen einen neuen Stellenwert: gegen\u00fcber Einwanderern, zwischen Jung und Alt, zwischen den Reichen und Zerbrechlichen, zwischen Nord- und S\u00fcdeuropa.<\/p>\n<p>Grenzen k\u00f6nnen zu Mauern werden: \u00a0sie scheinen die Trag\u00f6dien der Welt fern zu halten. Der grausame Krieg in Syrien, der bereits sechs Jahre dauert, l\u00e4nger als der Erste Weltkrieg, betrifft auch Europa. Es ist eine Illusion, zu denken, dass die Mauern sch\u00fctzen, in Wirklichkeit sind sie Zeichen von Dekadenz. Sie sind die Maginot-Linie der moralischen und politischen Niederlage Europas.<\/p>\n<p>In der globalen Welt hat die Geschichte keine Schutzw\u00e4lle, sondern erfordert starke Akteure und Zusammenhalt. Sie fordert, gemeinsam voran zu gehen und sich nicht auf der Suche nach Schutzr\u00e4umen f\u00fcr Gruppen oder Nationen zur\u00fcckzuziehen. Eine neue globale Zeit ist angebrochen. Es gibt keinen Weg zur\u00fcck. Die autarken Nationalstaaten sind von gestern. Wir m\u00fcssen die \u00a0Gr\u00f6\u00dfe der Herausforderung und des heutigen Lebens erkennen. Es hilft nicht,\u00a0 den Kopf in den Sand zu stecken. Ein abgeschlossenes oder geteiltes Europa wird von den M\u00e4rkten und den wirtschaftlich-politischen Giganten in einer globalen und vernetzten Welt \u00fcberrollt werden. Auf dem Hintergrund der Globalisierungsszenarien brauchen wir <em>mehr Europa<\/em>. Nur so ist Europa das Land der jungen Menschen, und wo unsere humanistische Identit\u00e4t, unsere religi\u00f6sen und humanit\u00e4ren Rechte \u00fcberleben werden. Es ist nicht genug, nur das Land zu sein, das uns f\u00fcr ein paar Jahren im Ruhestand sch\u00fctzt. Ohne Europa ist die Welt ohne die Kraft des Friedens und der historischen Weisheit.<\/p>\n<p>Wir haben uns hier als Christen versammelt. Die europ\u00e4ische Idee ist nicht sektiererisch entstanden, sondern sehr christlich. Sie glaubte mit der\u00a0 Leidenschaft der Kirchen jener Zeit. Aber heute gehen\u00a0 Ost und West\u00a0 verschiedene Wege. Wo sind die Stimmen der Christen und der Kirchen? Das gro\u00dfe europ\u00e4ische Projekt stockt. Die Grenzen werden zu Mauern, um die Fl\u00fcchtlinge abzuhalten. Die Welt ist in Kriegsgefahr, und oft gibt es nur Schweigen.<\/p>\n<p>Die starke Stimme von Papst Franziskus bei der Verleihung des Karlspreises verhallt beinah ungeh\u00f6rt im gespaltenen Christentum, im fragmentierten Europa. Es ist nicht in der Lage, sich aus den gesellschaftlichen und kirchlichen Egoismen zu befreien und eine Vision zu n\u00e4hren. M\u00f6ge dieses Gebet, m\u00f6ge das Wort Gottes &#8211; wie in den Tagen der Propheten &#8211; \u00a0in den K\u00f6pfen und Herzen eine gro\u00dfe Vision f\u00fcr unsere Zeit wachsen lassen. Wir m\u00fcssen lernen, wieder mit einer Vision zu denken und zu handeln. Zu lange haben wir beengt und mit\u00a0 lichtlosen Worten gelebt. Karol Wojtyla schrieb zu einer Zeit, als Europa durch eine hohe Mauer geteilt war: \u201eDie Welt leidet vor allem aus Mangel an Visionen.\u201c<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andrea Riccardi, Gr\u00fcnder der Gemeinschaft Sant&#8217;Egidio, w\u00e4hrend der \u00f6kumenischen Gebetsfeier in Rom 2017 Liebe Freunde, Lassen Sie uns ehrlich sein: viele Europ\u00e4er f\u00fchlen sich verloren und desorientiert. Wohin geht Europa? Wird es der \u00a0Versuchung einer Trennung widerstehen k\u00f6nnen? Europa scheint seine B\u00fcrger nicht mehr zu sch\u00fctzen. 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