{"id":330672,"date":"2017-09-28T19:30:32","date_gmt":"2017-09-28T17:30:32","guid":{"rendered":"https:\/\/webdev.flars.net\/immer-weiter-gen-osten\/"},"modified":"2017-09-28T19:30:32","modified_gmt":"2017-09-28T17:30:32","slug":"immer-weiter-gen-osten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.together4europe.org\/de\/immer-weiter-gen-osten\/","title":{"rendered":"Immer weiter gen Osten"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Rossiya mon Amour<\/strong><\/h3>\n<h4><strong>Moskau im Winter 1991. Es ist fr\u00fcher Nachmittag, als mein Flugzeug an jenem 12. Dezember auf dem nur sp\u00e4rlich beleuchteten Flughafen Sheremetevo landet.<\/strong><\/h4>\n<p>Ich habe Arbeit an der bekannten Lomonossow-Universit\u00e4t gefunden und ziehe mit all meinem Hab und Gut nach Russland um. Drau\u00dfen ist es bereits stockdunkel, und irgendwie habe ich den Eindruck, dass hier die Welt nun endg\u00fcltig zu Ende ist. Dann die Durchsagen: <em>Anschlussfl\u00fcge nach Novosibirsk und Krasnojarsk\u2026. <\/em>Da ahne ich: offensichtlich geht es hier erst richtig los.<\/p>\n<p><strong>Der Zauber des Beginns<\/strong><\/p>\n<p>Ich wohne in einer kleinen \u00f6kumenisch ausgerichteten Gemeinschaft in der Volocaevskaja-Strasse, in einem wie mir scheint finsteren Arbeiterviertel. \u201eKeine Angst! Hier besch\u00fctzt uns das Proletariat\u201c, erkl\u00e4rt man mir auf meine Frage, warum wir nicht lieber \u2013 wie andere Ausl\u00e4nder &#8211; auf das komfortable Botschaftsgel\u00e4nde umsiedeln.<\/p>\n<p>Der Kontakt mit unseren Nachbarn ist spontan: die alten Frauen im Hof, die genau wissen, wer wann wohin geht. Die kleinen Kinder, die mich im schmutzigen, muffig riechenden Treppenaufgang mit ihrer Spontanit\u00e4t die trostlose Umgebung vergessen lassen. Hier kommen auch unsere neuen Freunde gern zu Besuch, Kollegen und Studenten, Alte und Junge. Es st\u00f6rt sie nicht, dass in unserer m\u00f6blierten Wohnung das Sofa von M\u00e4usen angeknabbert wird, und dass das Wasserrohr im Flur leckt. Der Beginn unserer tiefen Freundschaft taucht alles in ein helles Licht und l\u00e4sst \u00c4u\u00dferlichkeiten \u00a0zun\u00e4chst vergessen.<\/p>\n<p><strong>Die \u201egeistlichen Kinder\u201c Alexander Mens<\/strong><\/p>\n<p>Zu Beginn der 1990er Jahre geht die gesamtwirtschaftliche Produktion in Russland noch weiter rapide zur\u00fcck. Die Gesch\u00e4fte sind leer, es fehlt an allem. Das religi\u00f6se Leben scheint l\u00e4ngst erloschen. Hinter Kirchenmauern befinden sich eine Wodkafabrik, B\u00fcror\u00e4ume, eine Druckerei\u2026<\/p>\n<p>Wir lernen den russisch-orthodoxen Priester Alexander Men kennen. Seit den 1960er Jahren tauft er im Untergrund Tausende von Menschen und zeigt eine f\u00fcr die Zeit nicht ungef\u00e4hrliche \u00f6kumenische Offenheit. Um ihn entsteht eine lebendige Gemeinde aufgeschlossener russisch-orthodoxer Christen. Als P. Alexander hinterr\u00fccks ermordet wird, l\u00e4sst er seine \u201egeistlichen Kinder\u201c als traumatisierte Waisen zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>\u201eWo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind<\/strong>\u201c (Mt 18,20)<\/p>\n<p>Bald schlie\u00dfen sich viele von ihnen uns an. Wir beginnen, gemeinsam das Wort aus der Schrift zu leben, z.B. \u201eWo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich unter ihnen\u201c (Mt 18,20). Wie sie selbst sagen, finden sie unter uns eine neue Heimat. \u201eIhr betreibt keinen \u201eProselytismus\u201c, sondern helft uns, zu einem \u201eFerment\u201c einer sich erneuernden russisch-orthodoxen Kirche zu werden.\u201c Nach Jahrzehnten geistlicher D\u00fcrre erleben wir mit ihnen und vielen anderen einen neuen Fr\u00fchling. Ich bin so gl\u00fccklich wie nie zuvor. Der Durst nach einem gemeinschaftlichen geistlichen Leben f\u00fchrt uns, die wir so verschieden von Kultur, Erziehung und Mentalit\u00e4t sind, zusammen.<\/p>\n<p><strong>Meine Entdeckung<\/strong><\/p>\n<p>Mit Perestroika und Glasnost\u2018 kommen in den 1990er Jahren vermehrt Organisationen, Sekten, aber auch Hilfswerke der Kirchen (wie Renovabis, Kirche in Not, Bonifatiuswerk) und religi\u00f6se Bewegungen (z.B. Comunione e Liberazione, Neokatumenale, Fokolar, Comunit\u00e0 di S. Egidio) in die L\u00e4nder hinter dem \u201eEisernen Vorhang\u201c. Einige sind geblieben, viele sind wieder gegangen.<\/p>\n<p>Meine pers\u00f6nliche Erfahrung als Westdeutsche nach fast zwei Jahrzehnten in Russland? Ich habe von diesem Land unendlich mehr empfangen als ich je werde geben k\u00f6nnen, u.a. die innere Sammlung w\u00e4hrend der reichen russisch-orthodoxen Liturgie, in der meine Beziehung zu Gott tiefer wurde, die festen Freundschaften, die auch auf Entfernung halten und die mir zeigen, dass ich geliebt werde. Ich habe ganz neu meine Berufung als Christin und als Frau entdeckt: berufen, um zu lieben. Wir haben in jenen Jahren, so denke ich, auf unsere Art die Apostelgeschichte neu geschrieben. Das \u201eSeht, wie sie einander lieben und alles gemeinsam haben\u201c (vgl. Apg 4, 32) hat uns gepr\u00e4gt. Und so gesehen, das verstehe ich ganz neu, geht die <em>Frohe Botschaft<\/em> tats\u00e4chlich noch viel weiter\u2026 weit hinaus \u00fcber Novosibirsk und Krasnojarsk.<\/p>\n<p><em>Beatriz Lauenroth<\/em><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<div class=\"et_pb_slider et_pb_slider_fullwidth_off et_pb_gallery_post_type\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_slides\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"et_pb_slide\" style=\"background: url(https:\/\/www.together4europe.org\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Beatriz-Lauenroth-with-russian-family.jpg);\"><\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rossiya mon Amour Moskau im Winter 1991. Es ist fr\u00fcher Nachmittag, als mein Flugzeug an jenem 12. Dezember auf dem nur sp\u00e4rlich beleuchteten Flughafen Sheremetevo landet. Ich habe Arbeit an der bekannten Lomonossow-Universit\u00e4t gefunden und ziehe mit all meinem Hab und Gut nach Russland um. Drau\u00dfen ist es bereits stockdunkel, und irgendwie habe ich den [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":13940,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":"","_seopress_titles_title":"Moskau 1991: Ein neuer Anfang im russischen Winter","_seopress_titles_desc":"Entdecke Moskau 1991: Abenteuer, Freundschaft und geistliches Leben in Russland. Lerne \u00fcber den Beginn einer einzigartigen Reise an der Lomonossow-Universit\u00e4t.","_seopress_robots_index":"","_seopress_analysis_target_kw":"","_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[2437,3138],"tags":[],"class_list":["post-330672","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erfahrungen-denkansaetze-und-interviews","category-news-de"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.together4europe.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/330672","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.together4europe.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.together4europe.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.together4europe.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.together4europe.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=330672"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.together4europe.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/330672\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.together4europe.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13940"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.together4europe.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=330672"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.together4europe.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=330672"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.together4europe.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=330672"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}