{"id":330675,"date":"2017-09-29T08:00:35","date_gmt":"2017-09-29T06:00:35","guid":{"rendered":"https:\/\/webdev.flars.net\/der-balkan-aus-der-sicht-eines-neapolitaners\/"},"modified":"2017-09-29T08:00:35","modified_gmt":"2017-09-29T06:00:35","slug":"der-balkan-aus-der-sicht-eines-neapolitaners","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.together4europe.org\/de\/der-balkan-aus-der-sicht-eines-neapolitaners\/","title":{"rendered":"Der Balkan aus der Sicht eines Neapolitaners"},"content":{"rendered":"<h3><strong>\u00dcber eine zehnj\u00e4hrige Erfahrung in Slowenien, Kroatien und Rum\u00e4nien zu berichten, ist nicht leicht.<\/strong><\/h3>\n<p>Ich kann sagen, dass ich mich gleich wohlgef\u00fchlt habe. Allerdings war die Begegnung mit Slowenien anf\u00e4nglich recht anspruchsvoll, so verschieden ist dieses Volks von meinem eigenen. Ich kannte die Sprache nicht, das Klima war sehr kalt, typisch war der allgegenw\u00e4rtige Geruch von Kohle, die in den \u00d6fen der H\u00e4user brannte. Aufgefallen ist mir sofort der Sinn f\u00fcr Ordnung und Disziplin. Ich erinnere mich, dass ich eines Abends mit einem Freund der Kommunit\u00e4t vor einem Kiosk wartete, um Obst zu kaufen. Er hatte sich in die Reihe gestellt, w\u00e4hrend ich etwas beiseite stand. Auf einmal bemerkte ich, dass sich auch hinter mir eine Reihe gebildet hatte. Bald nahm ich wahr, dass sich solche Reihen selbst beim Einsteigen in die Autobusse bildeten. Das hat mich \u00e4usserst positiv beeindruckt.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Monate sp\u00e4ter zog ich nach Kroatien. Ein neues Freiheitsgef\u00fchl: Ich war unterdessen an der Universit\u00e4t eingeschrieben, um die Sprache zu lernen, konnte Menschen begegnen, mich frei in der Stadt bewegen und vieles mehr, was ich vorher noch nicht konnte. In den Kroaten ist mir ein Volk begegnet, das meinem sehr \u00e4hnlich ist: heiter, herzlich, gastfreundlich und es liebt das gute Essen.<\/p>\n<p><strong>Der Mauerfall<\/strong><\/p>\n<p>Dies war ein unvergessliches Ereignis, das ich Augenblick f\u00fcr Augenblick mit Freunden und vielen anderen vor dem Fernseher miterlebt habe: Wir waren Zeugen einer Welt, die sich ver\u00e4nderte.<\/p>\n<p><strong>Der Krieg<\/strong><\/p>\n<p>Der Balkankrieg war wohl eine der st\u00e4rksten Erfahrungen: Ein etwas sonderbares Gef\u00fchl, denn in Zagreb, wo ich damals wohnte, waren wir nicht direkt in den Konflikt involviert. Nur in den ersten Tagen habe ich Angstmomente durchlebt, aufgrund der Heckensch\u00fctzen die wahllos, von allen Seiten, auf Passanten schossen. Dennoch, was mir aus jenen Kriegsjahren am meisten geblieben ist, ist nicht die Zerst\u00f6rung von St\u00e4dten und D\u00f6rfern, sondern die Solidarit\u00e4t, die\u00a0 zwischen den Menschen entstand. Die Ankunft von Lastw\u00e4gen voller Nahrungsmittel, Kleider und anderem zu erleben, war schon sehr bewegend. Ich selber hatte in Neapel die Wohnung meiner verstorbenen Eltern ger\u00e4umt und mit Hilfe einer Gruppe Jugendlicher den gesamten Hausrat nach Kroatien gebracht.<\/p>\n<p>Gerne erinnere ich mich auch daran, dass es uns 1993 mitten im Krieg gelang, ein Festival mit etwa 3000 Jugendlichen zu organisieren: Katholiken, Orthodoxe, Muslime aus ganz Jugoslawien, Rum\u00e4nien, Bulgarien und Moldawien. Besonders ergreifend war der Gesang einer Chorgruppe junger Muslime! Die Veranstaltung wurde von Radio und Fernsehen \u00fcbertragen; am darauffolgenden Tag war die Nachricht auf der Titelseite aller Zeitungen in der Hauptstadt zu sehen.<\/p>\n<p><strong>Dakien (Rum\u00e4nien)<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Land habe ich erfahren, was es heisst, aus der Situation eines Quasi-Wohlstands in die Verelendung zu geraten. Dem Kommunismus \u2013 so der Eindruck \u2013 war es gelungen, die ganze kulturelle, gesellschaftliche und volkst\u00fcmliche Geschichte dieses Landes zu zerst\u00f6ren. F\u00fcr mich war es ein Schock! Ein junger Mann, den ich vom Sehen her kannte, hatte mich um Geld gebeten, aber ich konnte ihm nicht helfen, da ich die gew\u00fcnschte Summe nicht bei mir hatte. Im Nachhinein habe ich mich gefragt: <em>Warum ist er gerade zu mir gekommen?<\/em>\u00a0 Meine Antwort: <em>Weil er wusste, dass ich Italiener bin und sich vorstellen konnte, dass ich immer wieder dahin zur\u00fcckkehren konnte, wo ich hergekommen war.<\/em> Wahre Armut ist wohl das Gef\u00fchlt wirklich nichts zu haben: weder einen Platz noch jemanden, von dem man Hilfe erwarten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Aber auch in Rum\u00e4nien habe die Erfahrung tiefer Gemeinschaft gemacht, bin Schwestern und Br\u00fcdern begegnet, die sich nach dem sehnten, was ihrem Leben endlich einen Sinn geben k\u00f6nnte: die Liebe! Mit vielen von ihnen, wie auch mit vielen in Slowenien und Kroatien, stehe ich bis heute in einer geschwisterliche Beziehung.<\/p>\n<p><em>Gennaro Lamagna <\/em><\/p>\n<p>\u00a0 <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber eine zehnj\u00e4hrige Erfahrung in Slowenien, Kroatien und Rum\u00e4nien zu berichten, ist nicht leicht. Ich kann sagen, dass ich mich gleich wohlgef\u00fchlt habe. Allerdings war die Begegnung mit Slowenien anf\u00e4nglich recht anspruchsvoll, so verschieden ist dieses Volks von meinem eigenen. 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