{"id":330786,"date":"2018-10-25T16:58:21","date_gmt":"2018-10-25T14:58:21","guid":{"rendered":"https:\/\/webdev.flars.net\/die-aufgabe-einer-kreativen-minderheit\/"},"modified":"2018-10-25T16:58:21","modified_gmt":"2018-10-25T14:58:21","slug":"die-aufgabe-einer-kreativen-minderheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.together4europe.org\/de\/die-aufgabe-einer-kreativen-minderheit\/","title":{"rendered":"Die Aufgabe einer kreativen Minderheit"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Ausz\u00fcge aus einem Beitrag von Jesus Moran Cepedano, Ko-Pr\u00e4sident der Fokolar-Bewegung, Philosoph und Experte in anthropologischer Theologie, zum Kongress von <em>Miteinander f\u00fcr Europa <\/em>in M\u00fcnchen am 30.6.2016.<\/strong><\/h3>\n<p>Warum hat Europa in den letzten Jahrhunderten eine Kultur hervorgebracht, f\u00fcr die Gott nicht mehr ein Geheimnis ist, sondern ein unl\u00f6sbares Problem? Und die als Folge davon auch den Menschen zu einem unl\u00f6sbaren Problem macht \u2013 den Menschen in der Beziehung zu sich selbst, zu den anderen, zum Kosmos und zum Absoluten?\u00a0Die Frage ist umso \u201eanst\u00f6\u00dfiger\u201c wenn wir an die Geschichte des europ\u00e4ischen Kontinents denken, der \u00fcber viele Jahrhunderte einen Humanismus erarbeitet hat auf der Ebene des Geistes, der Kunst, der Philosophie, der Wissenschaft, des Rechts und der Politik.<\/p>\n<p>Im Jahr 2004 unterstrich der damalige Kardinal Josef Ratzinger die Aussage von Arnold J. Toynbee, dass <strong>das Schicksal einer Gesellschaft entscheidend von einer kreativen Minderheiten abh\u00e4nge. <\/strong>Vielleicht, so Ratzinger, sei das die Aufgabe der Christen: sich als eine solche kreative Minderheit zu begreifen und dazu beizutragen, dass Europa das Beste aus seinem Erbe neu zur\u00fcckgewinnt. <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Worin dieses Erbe besteht, wird uns \u00fcberraschenderweise von bekannten Intellektuellen wie Hans Georg Gadamer und George Steiner aufgezeigt. Aus verschiedenen Sichtweisen sehen beide in Europa sowohl eine \u201egeistliche wie eine intellektuelle\u201c Aufgabe. Gadamer schreibt:\u00a0<em>\u201eMit dem anderen leben, wie der andere und vom anderen leben, ist eine universale Aufgabe, im Gro\u00dfen wie im Kleinen. Wenn wir heranwachsen und \u2013 wie man sagt \u2013 ins Leben hinausgehen, lernen wir, mit dem anderen zusammenzuleben. Das Gleiche gilt auch f\u00fcr gro\u00dfe Menschengruppen wie V\u00f6lker und Staaten. Es ist wahrscheinlich ein Privileg Europas, dass es mehr als andere L\u00e4nder lernen konnte und musste, mit den Verschiedenheiten zu leben.\u201c<\/em><a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><em>[2]<\/em><\/a><\/p>\n<p>Diese Bestimmung verlangt die Kreativit\u00e4t, die Begabung und die F\u00e4higkeit, neu aufzustehen und die eigenen Grenzen zu \u00fcberwinden. Dies geh\u00f6rte immer schon zur Seele Europas, wie seine gesamte Geschichte beweist &#8211; vor allem in der Zeit nach den Zerst\u00f6rungen des Zweiten Weltkrieges. Die Gr\u00fcnderv\u00e4ter des europ\u00e4ischen Projekts besa\u00dfen die K\u00fchnheit, nicht nur von einer anderen Idee von Europa zu tr\u00e4umen, sondern auch zu beginnen, diese Idee umzusetzen. Dabei <strong>zielten sie auf die Integration des ganzen kulturellen Erbes des Kontinents<\/strong>, denn &#8211; \u00a0wie es Konrad Adenauer mit prophetischen Worten sagte -:\u00a0<em>\u201e\u2026 die Zukunft der abendl\u00e4ndischen Menschheit (\u2026) ist durch keine politische Spannung so gef\u00e4hrdet wie durch die Gefahr der Vermassung, der Uniformierung des Denkens und F\u00fchlens, kurz, der gesamten Lebensauffassung, und durch die Flucht aus der Verantwortung, aus der Sorge f\u00fcr sich selbst.\u201c<\/em><a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><em>[3]<\/em><\/a><\/p>\n<p>Deshalb kann und muss Europa eine <strong>Kultur der Einheit in der Verschiedenheit entwickeln <\/strong>und so der Welt, heute mehr denn je, eine Perspektive geben. <strong>Und zwar auf allen Ebenen<\/strong>: angefangen beim pers\u00f6nlichen, allt\u00e4glichen Leben bis hin zu den Institutionen und zur gemeinsamen Perspektive. Dazu hat vor kurzem auch der \u00d6kumenische Patriarch Bartholom\u00e4us I. aufgefordert:\u00a0<em>\u201eAuch die Institutionen werden verstehen &#8211; wenn wir imstande sind, sie mit dieser Achtsamkeit auf die Vielfalt zu &#8222;verwandeln&#8220;-, dass Vielfalt Geschenk und nicht Gegensatz bedeutet, Reichtum und nicht Ungleichgewicht, Leben und nicht Tod. Wir leben in einem Kontext, in dem der Pluralismus Gefahr l\u00e4uft, im Namen einer falschen Einheit, die nach der globalen Nivellierung aller Ausdrucksformen des Menschen strebt, preisgegeben zu werden. [\u2026] Aber gerade aus der Annahme der Verschiedenheit als Basis f\u00fcr die verwundete Menschheit, durch den Dialog der Liebe, durch gegenseitige Achtung, durch die Annahme des Anderen und unsere Bereitschaft aufzunehmen und aufgenommen zu werden, k\u00f6nnen wir f\u00fcr die Welt zum Bild Christi werden und wie er in der Einheit auch Vielfalt sein.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/em><\/p>\n<p>Es geht darum, mit neuem Schwung und mit Entschiedenheit erneut eine Kultur der Menschenrechte hervorzubringen, die f\u00e4hig ist, auf weise Art die pers\u00f6nliche Dimension mit dem Gemeinwohl aller Gruppen zu verbinden, die in Gesellschaft und Politik zusammenkommen. Dabei darf die transzendente W\u00fcrde des Menschen nicht verloren gehen, wie Papst Franziskus 2014 vor dem Europ\u00e4ischen Parlament unterstrich.<\/p>\n<p><strong>Deshalb ist auf diesem Weg die Rolle der geistlichen Gemeinschaften von entscheidender Bedeutung<\/strong>. Ihre Aufgabe ist ja die freudige Verk\u00fcndigung der Frohbotschaft. In einer Epoche, in der die \u201ekulturelle Allianz\u201c der Kirchen mit der sie umgebenden Gesellschaft zerbrochen scheint, geht es darum, zum Evangelium zur\u00fcckzukehren. Es gilt, wichtige Begegnungen im Licht der Heiligen Schrift, der Erz\u00e4hlungen des Evangeliums anzuregen, um so dasselbe Leben hervorzubringen, das Jesus von Nazareth hervorgebracht hat. Das hat auch Papst Franziskus anl\u00e4sslich der Verleihung des Karlspreises unterstrichen. Er sagte:\u00a0<em>\u201eGott m\u00f6chte unter den Menschen wohnen, aber das kann er nur mit M\u00e4nnern und Frauen erreichen, die \u2013 wie einst die gro\u00dfen Glaubensboten des Kontinents \u2013 von ihm anger\u00fchrt sind und das Evangelium leben, ohne nach etwas anderem zu suchen. Nur eine Kirche, die reich an Zeugen ist, vermag von neuem das reine Wasser des Evangeliums auf die Wurzeln Europas zu geben. Dabei ist der Weg der Christen auf die volle Gemeinschaft hin ein gro\u00dfes Zeichen der Zeit, aber auch ein dringendes Erfordernis, um dem Ruf des Herrn zu entsprechen, dass alle eins sein sollen (vgl. Joh 17,21).\u201c<\/em><em> <a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><span style=\"color: #999999;\">[1]<\/span><\/a><span style=\"color: #999999;\"><em> Europa. Seine geistlichen Fundamente gestern, heute und morgen.,<\/em> <em>Lectio magistrali<\/em>s von Kard. J. Ratzinger, 13. Mai 2004, Bibliothek des Senats, Rom.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\"><a style=\"color: #999999;\" href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <em>L&#8217;eredit\u00e0 dell&#8217;Europa<\/em>, Einaudi, Torino 1991, pp. 21-22.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\"><a style=\"color: #999999;\" href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> <em>Rede <\/em>bei der Vollversammlung der Deutschen Handwerker, D\u00fcsseldorf, 27. April 1952. Zitiert von Papst Franziskus bei der Verleihung des Karlspreises (6. Mai 2016).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\"><a style=\"color: #999999;\" href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a><em> Lectio magistralis <\/em>des \u00d6kumenischen Patriarchen Bartholom\u00e4us anl\u00e4sslich der Verleihung des Ehrendoktorats am Hochschulinstitut Sophia, Loppiano, 26. Oktober 2015.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\"><a style=\"color: #999999;\" href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Papst Franziskus, Rede bei der Verleihung des Karlspreises, Rom, 6. Mai 2016.<\/span><\/p>\n<p>Foto: \u00a9Ursel Haaf &#8211; www.urselhaaf.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausz\u00fcge aus einem Beitrag von Jesus Moran Cepedano, Ko-Pr\u00e4sident der Fokolar-Bewegung, Philosoph und Experte in anthropologischer Theologie, zum Kongress von Miteinander f\u00fcr Europa in M\u00fcnchen am 30.6.2016. 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