{"id":330816,"date":"2019-01-22T17:05:53","date_gmt":"2019-01-22T16:05:53","guid":{"rendered":"https:\/\/webdev.flars.net\/verantwortung-bedeutet-antworten\/"},"modified":"2019-01-22T17:05:53","modified_gmt":"2019-01-22T16:05:53","slug":"verantwortung-bedeutet-antworten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.together4europe.org\/de\/verantwortung-bedeutet-antworten\/","title":{"rendered":"Verantwortung bedeutet Antworten"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Beitrag von Pavel Fischer,\u00a0Senator, Tschechische Republik, zum\u00a0Tr\u00e4gerkreis von\u00a0<em>Miteinander f\u00fcr Europa,\u00a0<\/em>Prag 16.11.2018 &#8211; &#8222;DIE DREI HERAUSFORDERUNGEN&#8220;<\/strong><\/h3>\n<p>Liebe Freunde,<br \/>\nSie sind nach Prag gekommen, um miteinander an dem Thema zu arbeiten: Wie lebt man <em>Miteinander f\u00fcr Europa<\/em> und wie setzt man sich daf\u00fcr ein?\u00a0In was f\u00fcr ein Land sind Sie gekommen? Und wie ist der Zustand Europas heute, hundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg?\u00a0Sie sind nach Tschechien gekommen, in ein Land, das sich vor hundert Jahren zur Republik erkl\u00e4rte.<br \/>\nBei den diesj\u00e4hrigen Feierlichkeiten zum hundertj\u00e4hrigen Jubil\u00e4um war ich fasziniert von den Ideen, die der Pr\u00e4sident des Verfassungsgerichtshofs in seiner Ansprache ge\u00e4u\u00dfert hat. Er leitet diese Institution, deren Aufgabe es ist, sicherzustellen, dass die grundlegendsten Regeln in diesem Land eingehalten werden. Pr\u00e4sident Pavel Rychetsk\u00fd hat eine Diagnose des Zustands unserer heutigen Gesellschaft versucht. Lassen Sie mich seinen Grundgedanken mit eigenen Worten wiedergeben.<\/p>\n<p>Seiner Meinung nach hat die Globalisierung das Gef\u00fchl der Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit unter den Menschen verst\u00e4rkt. Die Menschen haben das Gef\u00fchl, dass sie sich in der globalen Welt verlieren. Die Konturen ihrer Identit\u00e4t verwischen sich, und sie versinken in Sorgen und Angst. Ja, die Angst ist zum N\u00e4hrboden f\u00fcr diejenigen geworden, die ein Feindbild schaffen. Der Feind kann der reichere Nachbar sein, der Einwanderer oder jemand mit einer anderen Hautfarbe. In diesem Land wird manchmal die Europ\u00e4ische Union selbst als der \u00dcbelt\u00e4ter identifiziert.<br \/>\nIn ihrer Verzweiflung suchen jetzt die Menschen nach Ver\u00e4nderung und noch besser nach einer Art Messias, weil die traditionellen politischen Parteien sie nicht mehr wirksam vertreten. Ist es \u00fcberhaupt noch m\u00f6glich, eine so vergiftete Entwicklung zu stoppen? Und wie kann man ein verdrehtes Wertesystem wiederherstellen?<\/p>\n<p>Der Pr\u00e4sident des Verfassungsgerichtshofs sieht Hoffnung in einem gr\u00f6\u00dferen Ma\u00df an Emanzipation der Zivilgesellschaft, die ihr Selbstvertrauen wiedererweckt und das Prinzips der b\u00fcrgerlichen Souver\u00e4nit\u00e4t wiederherstellt: B\u00fcrger, die f\u00fcr sich selbst einstehen; denn politische Vertreter sind daf\u00fcr da, dem Allgemeinwohl der Nation zu dienen, sonst sollten sie nicht an der Macht sein.<br \/>\nLassen Sie uns noch einmal auf die Schl\u00fcsselbegriffe schauen, die er in seiner Rede verwendet hat: Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit, Identit\u00e4t, Angst, Feind, Allgemeinwohl, Selbstvertrauen, souver\u00e4ner B\u00fcrger.<\/p>\n<p>Wenn wir die besten Aspekte europ\u00e4ischen Denkens anschauen, die auf der Weisheit j\u00fcdischer Gelehrter, christlicher Mystiker und rationaler Denker beruhen, k\u00f6nnen wir eine spirituelle Dimension finden, die jeden dieser Begriffe in ein anderes Licht stellen k\u00f6nnte. So gesehen, hat die Diagnose der heutigen Gesellschaft einen gro\u00dfen Informationswert. Aber ich glaube, dass wir alle diese Ph\u00e4nomene auch in einem hoffnungsvollen Licht sehen k\u00f6nnen. Und dass wir uns bem\u00fchen k\u00f6nnen, selbst etwas zu tun. Wo also sollen wir anfangen? Was sollten wir zuerst tun, und andererseits was sollte so bleiben, wie es ist?<br \/>\nLassen Sie uns jetzt einen kurzen Blick auf die drei Herausforderungen werfen, vor denen Europa heute steht.<\/p>\n<p><strong>Die erste Herausforderung: Emotionen<\/strong><\/p>\n<p>Die Menschen sind so angelegt, dass sie Emotionen empfinden. Und nicht nur die eigenen Emotionen, sondern auch die emotionale Verbindung mit anderen. Aber selbst wenn wir uns immer wieder sagen, dass Menschen rationale und vern\u00fcnftige Wesen sind, k\u00f6nnten wir doch auch eine ganze Reihe von Beispielen finden, die belegen, wie oft wir uns irrational verhalten. Und das ist eigentlich etwas Gutes.<\/p>\n<p>Um manche Situationen in der europ\u00e4ischen Politik zu verstehen, ist es wichtig zuzugeben, dass Emotionen entscheidend sind. Erinnern wir uns nur an den Kampf zur L\u00f6sung der Krise in der Eurozone bei der Suche nach einer L\u00f6sung f\u00fcr den Staatshaushalt Griechenlands, als die Wirtschaft in einem kritischen Zustand war.<br \/>\nWenn wir voraussetzen, dass der Mensch nicht nur ein \u00abhomo economicus\u00bb ist, das hei\u00dft, dass er\/sie nicht nur ein Verbraucher oder ein Marktteilnehmer ist, sondern auch B\u00fcrger, dem W\u00fcrde und Freiheit gegeben sind, dann war der Kampf, der zur sogenannten Griechenland-Krise f\u00fchrte, sehr kennzeichnend.<br \/>\nW\u00e4hrend die B\u00fcrger gezwungen waren, den Gurt enger zu schnallen und buchst\u00e4blich kein Geld zum Sparen hatten, gelang es manchen Banken ziemlich gut, ihre Eink\u00fcnfte w\u00e4hrend der gesamten Krise zu sichern. W\u00e4hrend in Br\u00fcssel die L\u00f6sung der Krise durch die Anwendung von Sparma\u00dfnahmen durchgef\u00fchrt wurde, sahen die B\u00fcrger in Griechenland dies als ein Reiben von Salz in ihre Wunden. Emotionen stiegen hoch, ver\u00e4rgerte B\u00fcrger wandten sich gegen die Regierung, gegen die Europ\u00e4ische Kommission und die Bankiers; auch zum Beispiel gegen Deutschland und sogar gegen die Bundeskanzlerin Angela Merkel selbst.<\/p>\n<p>Diese Atmosph\u00e4re intensiver Emotionen war aber etwas, das die Griechen vorwiegend unter sich erlebten. Allein sprachlich war sie f\u00fcr andere nicht zug\u00e4nglich. Kulturell war sie mit der griechischen Geschichte verbunden, mit Bildern der Geschichte. Und das bedeutete, dass anderen Europ\u00e4ern nicht nur die Mittel fehlten, um die Griechen zu verstehen und mit ihnen zu sympathisieren, sondern auch um ihnen in irgendeiner Weise zu helfen. R\u00fcckblickend h\u00e4tten wir griechischen Kindern einen Urlaub bei uns zuhause anbieten k\u00f6nnen. Das h\u00e4tte deren Eltern eine Pause verschafft, und wir h\u00e4tten f\u00fcr die Zukunft wichtige Beziehungen kn\u00fcpfen k\u00f6nnen.<br \/>\nIn \u00e4hnlicher Weise k\u00f6nnten wir uns an die emotionalen Erfahrungen der B\u00fcrger anderer EU-Mitgliedsstaaten erinnern. Es ist, als ob unsere eigenen politischen und sozialen Anstrengungen auf das Gebiet unserer Muttersprache beschr\u00e4nkt bleiben. Es mangelt an starken Medien, es fehlen Vermittler, was bedeutet, dass wir irgendwie mit unseren Emotionen allein gelassen worden sind.<\/p>\n<p>Trotzdem bin ich \u00fcberzeugt, dass auch der beste Journalist, der geschickteste Diplomat oder der versierteste Politiker nicht vollst\u00e4ndig in der Lage w\u00e4ren, die Not, die Angst oder die Hoffnung und Erwartungen zu vermitteln, die wir in unseren Sprachgemeinschaften erleben. Denn es tats\u00e4chlich so, dass diejenigen, die eine gemeinsame Muttersprache haben, einander sehr schnell verstehen k\u00f6nnen.<br \/>\nAls ich j\u00fcnger war, habe ich Geige gespielt und war viele Jahre in ganz Europa mit einem Orchester unterwegs. Immer wieder habe ich diese Erfahrung als Musiker konkret vor Augen. Auch heute noch muss ich zugeben, dass Musikers f\u00e4higer sind zu kommunizieren und eine Botschaft unter unseren Nationen zu vermitteln, als die besten politischen Reden. Tats\u00e4chlich arbeiten Emotionen und Kunst Hand in Hand, mit Bildern und Ausdrucksformen, f\u00fcr die wir oft keine Worte finden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und das bedeutet, dass wir in unserer heutigen Welt nicht nur neue Institutionen brauchen, sondern auch K\u00fcnstler, damit sie uns die Themen vermitteln k\u00f6nnen, die jetzt vielleicht erst am Aufkommen sind, aber doch schon dringend das Denken der Menschen besch\u00e4ftigen und sie zum Handeln bewegen. K\u00fcnstler k\u00f6nnen der Falle des \u00dcbersetzers entgehen. K\u00fcnstler k\u00f6nnen mit Inhalten arbeiten, die sonst herausgeschnitten w\u00fcrden, von Zensoren, die Texte \u00fcberpr\u00fcfen, ob diese politisch korrekt sind.<\/p>\n<p>Wenn wir auf das traurige Erbe der gro\u00dfen Krise zur\u00fcckschauen, die 2008 bei den US-Banken begann, sehen wir, dass in vielen F\u00e4llen auch die Etats der kulturellen Institutionen beschnitten werden mussten.<br \/>\nAber weil die Welt, in der wir heute leben, emotional so beunruhigt oder entnervt ist, w\u00e4re es wohl an der Zeit, genau das Gegenteil zu tun: die Kunst in den \u00f6ffentlichen Raum zur\u00fcckbringen. Der \u00d6ffentlichkeit helfen, herauszufinden, was sie gerade mit Hilfe der K\u00fcnstler erlebt. Und Kindern die Werkzeuge geben, die sie brauchen, um Kunst zu verstehen; denn sonst bleibt jeder von uns ein bisschen allein mit seinen Emotionen, so als w\u00e4ren diese in Flaschen unter Verschluss. Oder es wird jeder ein bisschen allein bleiben, wenn wir \u00fcber die Atmosph\u00e4re in unserem Land als Ganzes reden.<\/p>\n<p><strong>Die zweite Herausforderung: B\u00fcrger oder Verbraucher.<\/strong><\/p>\n<p>Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter m\u00fcssen wir uns die Frage stellen: Was verstehen wir unter dem Begriff \u00abMensch\u00bb? Meinen wir damit einen Akteur in der Wirtschaft, einen Marktteilnehmer, einen Verbraucher oder einen B\u00fcrger?<\/p>\n<p>Schon bei den ersten Anf\u00e4ngen der europ\u00e4ischen Integration lag die Betonung auf der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, und das war sicherlich am effektivsten und vern\u00fcnftigsten. Damals half es, gemeinschaftliche Prozesse in Gang zu setzen, ohne dass man \u00fcber Streitpunkte reden musste, oder diese gar durch ein Referendum entscheiden zu m\u00fcssen. Der Begr\u00fcnder der europ\u00e4ischen Integration entwickelte seine Methoden aus der realen Lebenserfahrung. Der Franzose Jean Monnet, der w\u00e4hrend des Krieges in London arbeitete, sah dort mit eigenen Augen die Unf\u00e4higkeit der Alliierten, die Versorgung unter den Truppen zu koordinieren.<\/p>\n<p>Heute kann diese Betonung der Wirtschaft nicht nur in der EU beobachtet werden, sondern auch in unseren einzelnen L\u00e4ndern. Und wieder m\u00fcssen wir uns fragen, was wir unter dem <em>Menschen<\/em> verstehen. Wenn wir ihn als Verbraucher sehen, dann m\u00fcsste es unser Ziel sein, die h\u00f6chste Lebensqualit\u00e4t zu einem erschwinglichen Preis bereitzustellen. Aber wir k\u00f6nnen den Menschen auch anders sehen: ich meine, als mit W\u00fcrde begnadetes Individuum, als freies Wesen, als Person mit individueller Verantwortung, die das Bed\u00fcrfnis hat, Beziehungen zu anderen einzugehen.<\/p>\n<p>Aber eine freie unabh\u00e4ngige Person, die isoliert lebt, kann nicht unser Ideal sein. Denn die Einsamkeit ist eines der Ph\u00e4nomene heutigen Lebens, das unsere Gesellschaft sehr schw\u00e4cht. Einsamkeit bedeutet Beziehungsarmut. Und davon gibt eine F\u00fclle um uns herum. Wenn ein Mensch aber allein bleibt, kann er das Opfer verschiedenster Raubtiere werden, solche die Informationen und Desinformationen verbreiten oder auch wirtschaftliche Raubtiere, die den Menschen Dinge verkaufen, die sie gar nicht brauchen.<\/p>\n<p>Ein Individuum kann nicht gl\u00fccklich sein ohne Solidarit\u00e4t und ohne Gemeinschaft und echte Freunde. Auf der Ebene der gesamten Gesellschaft sehen wir dies in solchen Gemeinschaften, die f\u00e4hig sind zusammenzuleben, die sich im Dialog engagieren und die zusammenkommen, um Probleml\u00f6sungen zu finden. Auf lokaler Ebene gestalten sie Beziehungen, zu denen Nachbarschaftshilfe, Solidarit\u00e4t und Gegenseitigkeit geh\u00f6ren. Eine solche Gesellschaft ist mit Sicherheit widerstandsf\u00e4hig. Angesichts einer Bedrohung k\u00f6nnen Menschen sich selbst und anderen helfen, sie finden ihren Platz in der Gesellschaft und leisten den Bed\u00fcrftigsten Hilfe.<\/p>\n<p>Aber t\u00e4uschen wir uns nicht! Wir sind schon oft an solchen Scheidewege gestanden, und dies nicht nur bei Wahlen. Wirtschaft ist ganz sicher von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung f\u00fcr die Verwaltung unserer L\u00e4nder: Ohne vern\u00fcnftige und verantwortliche National\u00f6konomen w\u00e4ren wir nicht einmal in der Lage, den Staatshaushalt aufzustellen. Aber lasst uns auch danach fragen, wie unsere Entscheidungstr\u00e4ger auch den Einzelnen verstehen. Vielleicht verstehen sie ihn als Verbraucher, das hei\u00dft, zur einmaligen Nutzung geeignet, bis zur n\u00e4chsten Wahl. Aber es k\u00f6nnte auch sein, dass sie den Einzelnen als Partner sehen, als Teamkollegen, als B\u00fcrger. Wir wollen unseren Glauben und unser Vertrauen auf diese Art von Politikern setzen.<\/p>\n<p><strong>Die dritte Herausforderung: Gemeinschaft oder Masse.<\/strong><\/p>\n<p>Die dritte Herausforderung, die wir in der heutigen Gesellschaft beobachten, ist die Ausbreitung der sozialen Netzwerke [&#8230;]<\/p>\n<p><strong>Hier den vollst\u00e4ndigen Text herunterladen: \u00a0<a href=\"https:\/\/together4europe.org\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/2018-11-16-Pavel-Fischer-Tragerkreis-MfE-Prag.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2018 11 16 Pavel Fischer, Tr\u00e4gerkreis MfE Prag>><\/a><\/strong><\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beitrag von Pavel Fischer,\u00a0Senator, Tschechische Republik, zum\u00a0Tr\u00e4gerkreis von\u00a0Miteinander f\u00fcr Europa,\u00a0Prag 16.11.2018 &#8211; &#8222;DIE DREI HERAUSFORDERUNGEN&#8220; Liebe Freunde, Sie sind nach Prag gekommen, um miteinander an dem Thema zu arbeiten: Wie lebt man Miteinander f\u00fcr Europa und wie setzt man sich daf\u00fcr ein?\u00a0In was f\u00fcr ein Land sind Sie gekommen? 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