Baumann „Durst nach Frieden“

von | Jan. 27, 2017

(…. ) Jede Etappe und jede Phase der menschlichen Geschichte hatte einen gemeinsamen Nenner: sie war charakterisiert durch eine Eingliederung einerseits und einer Ausschließung andererseits. Auf diese Weise entstand durch die Ausschließung und die Eingliederung eine gegenseitige Identifizierung. Das “Wir” konnte man messen an der gegenseitigen Feindseligkeit. Unser “Wir” bedeutete, dass wir nicht so sind […]
(…. ) Jede Etappe und jede Phase der menschlichen Geschichte hatte einen gemeinsamen Nenner: sie war charakterisiert durch eine Eingliederung einerseits und einer Ausschließung andererseits.

Auf diese Weise entstand durch die Ausschließung und die Eingliederung eine gegenseitige Identifizierung. Das “Wir” konnte man messen an der gegenseitigen Feindseligkeit. Unser “Wir” bedeutete, dass wir nicht so sind wie sie – und das Ihrige, dass sie nicht so sind wie wir. Die einen brauchten die anderen um als miteinander verbundene Entität zu existieren und als Möglichkeit, sich durch einen Ort oder eine Gruppenzugehörigkeit identifizieren zu können. In der ganzen menschlichen Geschichte war das bisher so. Aus diesem Grund wurde viel Blut vergossen. Diese  Art von Selbstidentifizierung wuchs  aus einer Identifizierung  heraus, die  anders war im Vergleich zu der meines Nächsten.

Heute stehen wir vor der unausweichlichen Notwendigkeit der nächsten Etappe unserer Geschichte, in der wir den Begriff Menschheit erweitern.

Wenn wir von eigener Identität sprechen, haben wir dabei die Auffassung von dem, was wir in den Gedanken einer zusammengefügten Menschheit einschließen.

Ich würde sagen, dass wir vor einem weiteren Sprung stehen, der von uns die Abschaffung des Pronomens “Sie” verlangt. Bis jetzt hatten unsere Vorfahren etwas Gemeinsames: einen Feind. Heute, vor der Perspektive einer globalen Menschheit, wo finden wir diesen Feind?

Wir befinden uns in einer kosmopolitischen Realität, deshalb hat alles, was selbst in der entferntesten Ecke der Erde geschieht, Wirkung auf unseren ganzen Planeten, auf die zukünftigen Perspektiven. Wir hängen alle voneinander ab, davon gibt es kein Zurück mehr (…)

Zygmunt Baumann, Soziologe und Philosoph, 18.09 2016  Assisi, bei der Eröffnung des Interreligiösen Treffens “Durst nach Frieden”

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