Interview mit Donato Falmi

von | Apr. 3, 2017

Dr. Donato Falmi, ehemaliger Direktor des Verlags „Città Nuova“ (Neue Stadt) und Mitverantwortlicher der Fokolar-Bewegung in Rom und Mittelitalien, während der ökumenischen Gebetsfeier in Rom 2017 Mit dem Blick auf das heute geteilte und verwirrte Europa, erscheint uns die Intuition von Chiara Lubich, die sich bereits 1999 für ein internationales ökumenisches Netzwerk von christlichen Bewegungen […]

Dr. Donato Falmi, ehemaliger Direktor des Verlags „Città Nuova“ (Neue Stadt) und Mitverantwortlicher der Fokolar-Bewegung in Rom und Mittelitalien, während der ökumenischen Gebetsfeier in Rom 2017

Mit dem Blick auf das heute geteilte und verwirrte Europa, erscheint uns die Intuition von Chiara Lubich, die sich bereits 1999 für ein internationales ökumenisches Netzwerk von christlichen Bewegungen und Gemeinschaft stark machte, sehr prophetisch…

„Sie ist prophetisch, denn es scheint doch so, als ob Chiara vorausgesehen hätte, dass die Einheit Europas keine leichte Sache ist und dass es eine geistliche Kraft braucht, vielleicht verborgen, aber so mächtig, dass sie den negativen und zersetzenden Kräften, wie sie sich heute zeigen, entgegenwirken kann. Als Chiara die Idee lancierte, war Europa im Grossen und Ganzen noch ein ‘attraktives’ Ideal, das es heute wieder zu entdecken gilt. Wenn wir diesen Weg nicht gegangen wären und dieses Bewusstsein nicht erlangt hätten, wären wir heute dazu nicht mehr in der Lage. Es ist eine Konkretisierung, die über alle Grundsatzerklärungen hinaus Europa seine christliche Dimension wiedergeben möchte, das Christentum wieder zum Fundament Europas machen möchte. (…) Diese Erfahrung, die wir zusammen machen, als Kirchen und als Bewegungen die Europa angehören, aber mit verschiedenen Ausdrucksformen – denn das Christentum ist zwar eine einzige Realität, hat aber mit viele Ausdrucksformen – ist vermutlich die konkreteste Art zu zeigen, dass Europa ein christliches Fundament hat. In diesem Sinne ist es genial.“

Papst Franziskus hat betont, dass es den Dialog brauche, um ein geeinteres und solidarischeres Europa zu schaffen. Die Fokolar-Bewegung hat seit ihrer Gründung gerade im Dialog einen fruchtbaren Weg zur Einheit gesehen. Was bedeutet Dialog und wie lernt man die Kunst des Dialogs?

„Hier gibt es eine grundlegende Intuition, mit der Chiara die Natur Gottes, also die Liebe, neu entdeckt. Wenn wir ‘Liebe’ mit einem Begriff übersetzen möchten, der die Dynamik der Beziehung zum Ausdruck bringt, so können wir dies mit ‘Dialog’ tun. Was ist dialogischer als die Liebe? Andererseits, ohne Liebe kann es keinen echten Dialog geben, denn Dialog bedeutet, den Anderen annehmen und dazu ist es nötig, dass man sich selber zurücknimmt, ohne sich jedoch zu verleugnen, jedoch einen Schritt zurück macht, um dem Anderen Raum zu geben. Das ist das grundlegende Gesetz. Nur so versteht man, dass der Dialog im Grunde der einzige Weg ist, auf dem Einheit erreicht werden kann, denn hier werden Unterschiede respektiert und gleichzeitig erkennt man das existierende Gute, das was verbindet.“

In den letzten Jahren erleben wir den Vormarsch des Populismus und der sogenannten souveränistischen Bewegungen. Da muss Europa wohl eine Gewissensprüfung machen: Was hat man versäumt und wie kann gegengesteuert werden?

„Was diese Situation erklären kann, ist die Tatsache, dass Europa allzu sehr auf den materialistischen Wohlstand gesetzt hat. Europa hat für die ganze Welt Werte formuliert, wie jene, die in die internationalen Menschenrechte eingeflossen sind und die von allen Leader der Welt unterzeichnet wurden. Aber die Verlockungen eines oberflächlichen, materialistischen Wohlstands, der vergessen hat, was die eigentlichen, tiefen Sehnsüchte des Menschen sind, sind eine harte Realität. Mit dem Erreichen der grossen Zivilisationsziele hat Europa auch einen Wohlstand erreicht, der es vergessen liess, welches die grundlegenden Voraussetzungen für das gesellschaftliche Zusammenleben sind. Heute bezahlen wir den Preis dafür, aber vielleicht sind wir dabei, mit grosser Mühe die vergessenen Werte wieder zu entdecken. Was nicht heisst, dass der materielle Wohlstand keinen Wert habe, aber eben im richtigen Mass und am richtigen Ort, d.h. nicht an erster Stelle.“

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