Jahrzehnte des Staunens

von | Okt. 26, 2017

Mit der metaphorischen Bezeichnung „hinter dem Eisernen Vorhang“ waren einst jene Staaten gemeint, die nach dem zweiten Weltkrieg und bis 1989 zum kommunistischen Block gehörten. Sie wurden so genannt aufgrund der „eisernen“ ideologischen Grenze, die damals Europa teilte und die in der Berliner Mauer sichtbar wurde. Als ich mich für Studien in Prag, in der […]

Mit der metaphorischen Bezeichnung „hinter dem Eisernen Vorhang“ waren einst jene Staaten gemeint, die nach dem zweiten Weltkrieg und bis 1989 zum kommunistischen Block gehörten. Sie wurden so genannt aufgrund der „eisernen“ ideologischen Grenze, die damals Europa teilte und die in der Berliner Mauer sichtbar wurde.

Als ich mich für Studien in Prag, in der damaligen Tschechoslowakei, aufhielt, war die Erinnerung an Jan Palach noch sehr wach unter den Uni-Studenten und man sprach von ihm wie von einem Helden: Am 16. Januar 1969 hatte er als brennende Fackel die Welt auf die verzweifelte Lage seines Volkes aufmerksam gemacht. Mein erster Eindruck war, dass in derselben Stadt zwei Welten lebten: eine scheinbare, offizielle und eine verborgene, aber sehr lebendige.

Dieselbe Erfahrung machte ich auch in Ungarn, als ich 1980 dort eintraf. Die Nachrichten aus diesen Länder kamen nur zensuriert und kontrolliert in den Westen. Von Ungarn wusste man sehr wenig, abgesehen von den tragischen Ereignissen von 1956. Ich kam nach Budapest mit einem Stipendium für Forschungen über Kinderliteratur. Danach ereigneten sich eine Reihe von erstaunlichen Überraschungen, die schon an ein Wunder grenzten: Ich konnte in Ungarn bleiben und zwar nicht mehr nur als Student. Für die Übersetzungen, die ich gemacht hatte, wurde mir ein Preis verliehen, der mich bekannt machte und mir eine Stelle als Dozent an der Universität Janus Pannonius in Pécs ermöglichte. Auf dem Hintergrund einer Politik, die mehr von Interessen als von Ideologien gesteuert wurde, war das Einbringen positiver Werte nicht leicht; es erforderte Freiheit und große Verantwortung.

Eines Tages während einer Zugfahrt, beim endlosen Warten auf die Gepäckkontrolle am Zoll, schweifte mein Blick zum Fenster hinaus und ich sah einen kleinen Vogel, der auf dem Stacheldraht der Grenzanlage hin und her hüpfte. Unwillkürlich fragte ich mich, wie lange dieser Zaun wohl noch bestehen werde. Ein Satz des neapolitanischen Philosophen Giambattista Vico kam mir in den Sinn: „Die Dinge passen sich nicht an und bestehen nicht außerhalb ihres natürlichen Zustands.“ [1]

Nach dem Fall der Berliner Mauer 1989, musste ich de facto eine soziologische Studie übersetzen, die das Phänomen der Namensänderung der Straßen und Plätze in Budapest thematisierte, sowie das Los der Statuen – aufgebläht  von Siegessicherheit  und Muskeln – aus der Zeit des kommunistischen Realismus. Letztere wurden alle in einen Garten versetzt, gleichsam in einen Zoo, in den man am Sonntag die Kinder führt. Einige rote Sterne mussten wegen ihrer Größe und ihres Gewichtes noch einige Zeit warten, bis sie vom Sockel geholt wurden.

Nachdem ich 16 Jahre in Ungarn verbracht hatte, lebte ich noch in einigen anderen Länder des einstigen Warschauer Pakts, wie etwa die Slowakei und Polen. Als ich das Konzentrationslager Auschwitz besuchte, verstand ich den Sinn meiner eigenen Existenz besser und ich habe Gott dafür gedankt daran mitarbeiten zu können, dass nicht nur Europa, sondern die ganze Welt immer mehr zu einer Familie werde.

Treffend scheint mir die Feststellung, die Victor Hugo zugeschrieben wird: „Nichts auf der Welt kann eine Idee aufhalten, deren Zeit gekommen ist!“

Tanino Minuta 

 [1] SN I,2, Nr.134; http://homepage.univie.ac.at/franz.martin.wimmer/vo04_5.html

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