Zum dritten Mal innerhalb eines Jahres bin ich in der Ukraine. Was ich hier sehe, ist ein Land, das nach fast vier Jahren Krieg am Limit ist. Die Widerstandsfähigkeit der Menschen ist unglaublich, doch die Anspannung ist überall spürbar. Die Nerven liegen blank – und das ist nur allzu verständlich.
Der Winter ohne Elektrizität, Wasser und Heizung, die ständigen Alarme und Bombardierungen zu jeder Tages- und Nachtzeit – all das hat sich tief in den Alltag eingebrannt. Es ist ein Leben in permanenter Unsicherheit, ein Leben im Angesicht der Bedrohung.
Eine Minute der Stille und des Respekts
Trotz des Chaos gibt es Momente der tiefen Verbundenheit und des gemeinsamen Gedenkens, die das Land zusammenhalten. Jeden Morgen um neun Uhr ertönt auf den Straßen der gesamten Ukraine ein nationales Widerstandslied. Für eine Minute hält das öffentliche Leben inne. Die Kassiererin im Supermarkt stoppt das Scannen, der Mann im Café stellt seine Tasse auf dem Tischchen ab, die Bibliothekarin an der Buchausgabe erstarrt in ihrer Bewegung. Diese Minute ist der Erinnerung und dem Respekt gewidmet – den gefallenen Soldaten und allen Männern und Frauen, die an den vordersten Linien in den Schützengräben ausharren. Es ist eine tägliche, bewegende Zeremonie, die die Opfer des Krieges in den Mittelpunkt stellt.
Wo Gebete das Leben retten
Die Nähe zum Tod verändert die Perspektive auf das Leben und den Glauben zutiefst. Ein junger Mann, der an vorderster Front kämpft, erzählte mir: „Im Angesicht des Todes gibt es keine Atheisten. Selbst die Männer, die nicht gläubig sind, flehen dann: Sprich Du ein Gebet auch für mich, denn ich weiß nicht, wie man betet.“ Ein anderer Soldat berichtete von einem Hinterhalt, in den seine Einheit geraten war: „Wir standen unter starkem feindlichem Beschuss. Wie durch ein Wunder ist die Kugel in meiner kugelsicheren Weste steckengeblieben. So viele Menschen in der ganzen Welt beten für uns und ich weiß genau, dass eines der vielen Gebete mein Leben gerettet hat.“
Beatriz Lauenroth, Pressesprecherin von Miteinander für Europa
Vor fünfundzwanzig Jahren geschah etwas, das viele für unmöglich hielten: Christinnen und Christen aus verschiedenen Konfessionen, Bewegungen und Gemeinschaften begannen gemeinsam, auf den Ruf Gottes zur Einheit zu hören. Aus diesen ersten Begegnungen entstand das ökumenische Netzwerk Miteinander für Europa, das heute zahlreiche und vielfältige Bewegungen und Gemeinschaften in ganz Europa vereint.
Das Buch „Sternstunden der Einheit“von Gerhard Proß und Lothar Penners zeichnet diese Geschichte der Versöhnung und geistlichen Entwicklung nach und bietet zahlreiche persönliche Zeugnisse über den gemeinsam zurückgelegten Weg.
Es handelt sich nicht um eine einfache Chronik, sondern um eine Einladung zu erkennen, wie der Glaube Grenzen überschreiten und Brücken bauen kann, nicht nur zwischen den Kirchen, sondern auch in der Gesellschaft.
Das Buch fasst Erfahrungen, Denkanstöße und Vorträge aus 25 Jahren gemeinsamen Weges zusammen und lädt dazu ein, in einer Zeit der Spaltungen eine „Kultur des Miteinanders“ zu pflegen, die auf gegenseitiger Liebe und der Kraft des Evangeliums beruht.
Das Buch wird im November 2025 erscheinen, vorerst nur in deutscher Sprache.
Am 6. Mai nahmen wir in der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder am traditionellen Gebet von Taizé teil.
Das Gebet war für Europa, es waren etwa 50 Personen anwesend: alles sehr feierlich und ökumenisch, mit Vertretern verschiedener Kirchen. Die Fürbitten wurden von uns vorbereitet und vorgelesen, wie es die jungen Organisatoren gewünscht hatten. Anwesend war auch ein junger Freund unseres Netzwerks, der jetzt für das nationale Parlament kandidiert.
Wir waren aus vier Bewegungen: Schönstatt, Sant’Egidio, Chemin Neuf und Focolare.
Wenn wir heute von Europa sprechen, dann sprechen wir von wirtschaftlichen Problemen, von Konflikten und Kriegen. Manchmal hat man den Eindruck, Europa zerfällt. „Diese Gefahr macht die Arbeit des Netzwerks MfE, das die spirituellen Wurzeln des Kontinents betont, umso wertvoller“, sagt eine Journalistin, die das Netzwerk seit einiger Zeit begleitet.
Auf den Frieden in Europa Einfluss nehmen
Im April 2025 fand das alljährliche Treffen des Leitungskomitees MfE im slowakischen Bratislava statt. Gastgeber in Mitteleuropa war dieses Mal das charismatische katholische Netzwerk ENC (European Network of Communities). Achtzehn Personen aus sieben Bewegungen und fünf Ländern vertraten das europäische Netzwerk MfE in Bratislava, darunter Margaret Karram, Präsidentin der Fokolar-Bewegung, Gerhard Pross, Moderator von MfE, sowie weitere Leiter von Quinta Dimensione, Vineyard, Schönstatt und verschiedenen CVJMs in Deutschland. „MfE will ein Dienst für Europa sein. Unter uns üben wir uns ständig darin, Einheit in der Vielfalt zu schaffen. Und durch diese Erfahrung kann MfE einen positiven Einfluss auf die Friedensarbeit in Europa ausüben“. So erklärte es Sr. Nicole Grochowina, Christusbruderschaft Selbitz. Und dann wurde Jesaja 43,19 zitiert: „Siehe, nun mache ich etwas Neues, seht ihr es nicht?“
Ein atemberaubendes Panorama
Dieser innovative Geist wurde besonders spürbar, als Vertreter von sieben slowakischen Bewegungen, christliche Politiker des Landes (Eduard Heger, Miriam Lexmann, Viliam Karas und Branislav Skripek) und Persönlichkeiten ausder Kirche, darunter Nuntius Monsignore Nicola Girasoli, dazu kamen. Die slowakischen Bewegungen stellten ihre Charismen und ihr Engagement vor, viele von ihnen in der Welt der Jugend. Der Nachmittag war für sie eine einzigartige Gelegenheit, MfE kennen zu lernen, sich aber auch untereinander zu begegnen. Die Slowakei ist ein politisch geprüftes Land mit großer innerer Stärke. Dies wurde in der Begegnung besonders deutlich. Am nächsten Morgen stellten Vertreter des ENC Slowakei mit ihrem Vorsitzenden Alex Myskov die Arbeit ihres Netzwerks vor.MfE und ENC haben offen miteinander kommuniziert und sind sich in diesem Treffen sehr nahe gekommen.
Ruft es von den Dächern (Mt 10,27)
„Es ist wichtiger denn je, die Erfahrungen von MfE nicht unter den „Scheffel zu stellen“, sondern sie von den Dächern zu rufen.“ Mit diesen Worten ermutigte Margaret Karram das Komitee zu weiteren Schritten. „MfE gibt Europa den Impuls, mit zwei Lungenflügeln zu atmen, d.h. den Dialog zwischen Ost und West zu leben.“ Verschiedene Projekte, wie z.B. eine größere Veranstaltung 2027, sollen beim Trägerkreistreffen vom 6. bis 8. November 2025 in Castel Gandolfo/Rom weiter besprochen werden.
Die Gemeinschaft von Taizé ist ökumenisch ausgerichtet und von regelmäßigen Gebetszeiten am Morgen, Mittag und Abend geprägt, bei denen die bekannten Taizélieder, eine Bibellesung, gemeinsames Schweigen und der Kommunionempfang eine zentrale Rolle spielen. Die ca. 60 Brüder laden Jugendliche aus der ganzen Welt ein, um eine Woche an ihrem Leben teilzunehmen. So waren beispielsweise gleichzeitig mit der Delegation von Miteinander für Europa (MfE) etwa tausend Jugendliche aus Portugal in Taizé.
Begegnung
Über das gemeinsame Bibellesen (Joel 2,12-18) kam die Delegation mit Bruder Matthew, dem Prior der Gemeinschaft, sowie mit Bruder Richard und Bruder Andreas ins Gespräch. Der Text berührte die Lesenden gerade im Hinblick auf Europa, nämlich „das Herz und nicht die Kleider zu zerreißen.“ Der Ruf gehe an alle Generationen, um sich Gott in echter Hingabe zu nähern und IHN um sein Erbarmen zu bitten. Darin war sich die Gruppe einig. Im Kontakt mit den vielen jungen Menschen bekommen die Brüder in Taizé auch Einblick in deren Ängste, bei denen sie dringend Begleitung benötigen. Taizé ist so für die Jugend sicherlich ein geistlicher Ort, an dem sie Gehör und Verständnis finden.
Brücke zu Miteinander für Europa
Wie kann nun eine Brücke von Taizè zu MfE geschlagen werden? Das Dreier-Team erkannte, dass im Miteinander der Brüder vor Ort, in der Treue ihrer Gebete und ihrer Gastfreundschaft für Jugendliche ihr Charisma und tatsächlich ihr Beitrag für ein Miteinander und damit auch für Europa liegt. Es gehe nun zunächst darum, aus der tiefer gewordenen Freundschaft heraus gemeinsam die nächsten Schritte zu ertasten, wie sie es in Taizé ausdrücken. Und wer weiß? Vielleicht wird es in Zukunft ein „Miteinander für Europa“-Treffen von Jugendlichen in Taizé geben? Die Brüder und MfE können es sich jedenfalls durchaus vorstellen.
Eindrücke
Sr. Nicole, P. Raffael und Matthias sind erfüllt und beschwingt nach Hause zurückgekehrt. „Neben der Begegnung mit den Brüdern in Taizé haben uns diese Tage – als mittlere und jüngere Generation im Leitungsteam – näher zueinander gebracht. Wir brauchen diese Erfahrung. Die gemeinsamen Reisen und Begegnungen mit den verschiedenen Bewegungen, die wir besuchen, lassen uns erkennen: Miteinander in Europa lebt, und wir gehen miteinander weiter!“
Seit etwa vier Jahren, schon vor dem Ausbruch des großflächigen Krieges in der Ukraine, treffen wir uns jeden Donnerstagabend online, um gemeinsam für den Frieden zu beten. Wir gehören verschiedenen Kulturen und Nationen aus Ost- und Westeuropa an. Seit einigen Monaten haben sich auch Vertreter aus dem Heiligen Land angeschlossen.
Wir sind nur etwa hundert, aber es ist immer ein besonderer Moment, der uns spüren lässt, dass wir eine einzige Familie sind, die gemeinsam zu Gott betet und um Frieden bittet. Für uns hier in der Ukraine ist es ein großes Geschenk, zusammen zu beten, denn es gibt uns die Kraft durchzuhalten und lässt uns die Nähe vieler Menschen spüren. Und das gibt uns Hoffnung für die Zukunft.
Ljubljana: drei Jahre lang jeden Tag
Marjana und Pavel Snoj erzählen: Der Angriff Russlands auf die Ukraine am 22. Februar 2022 hat uns überrascht und in Angst versetzt – damit haben wir wirklich nicht gerechnet! Wir in Slowenien wissen, was ein Krieg ist; wir haben ihn auch nach dem Zerfall des ehemaligen Jugoslawien Anfang der 90er Jahre erlebt und tragen noch immer seine Wunden. Deshalb haben wir uns gefragt, was wir gegen diesen Krieg tun können, der immer eine Quelle von Schmerz, Zerstörung und Tod ist. Eine Möglichkeit war uns sofort klar: das Gebet! Denn wir sind sicher, dass das Gebet alles von Gott erlangen kann.
Also haben wir uns entschlossen, ein Online-Gebet zu gestalten. Wir sind etwa 60 Personen aus verschiedenen Bewegungen und Gemeinschaften, die seit Februar 2022 jeden Tag 30 Minuten lang gemeinsam beten. Wir haben nie damit aufgehört, unter keinen Umständen. Am Ende des Gebets bleiben wir noch kurz miteinander verbunden, etwa 5 bis 10 Minuten, um die neuesten Nachrichten über die Kriegssituation, die Sorgen und Freuden, die wir alle erleben, auszutauschen. Es entsteht wirklich eine echte Familie unter uns, weil wir füreinander leben. Wir glauben an den Frieden und daran, dass er bald möglich sein wird.
Esslingen: Wahrnehmung, Nähe, Gebet
Judith Kaiser schreibt: „Seid fröhlich in der Hoffnung, standhaft in der Bedrängnis, beharrlich im Gebet“ – so der Ruf aus Römer 12,12. Vielleicht ist es dieser Ruf, der uns als Christen aus verschiedensten Glaubensgemeinschaften jeden Dienstagabend im deutschsprachigen Raum im ökumenischen Zoom-Gebet für Frieden in der Ukraine zusammenbringt.
In unserem Gebet für einen gerechten Frieden setzen wir auf die Hilfe des Herrn in aller Not, die uns bewusst ist. Seit November 2023 sind wir eine konstante Beterzahl von 10- 20 Personen. Durch Miroslav aus Uschhorod und manchmal Viktor aus Lwiw ist die Ukraine im Zoom- Gebet immer mit dabei. Ihre Wahrnehmungen, Berichte, Grüße und Anliegen helfen uns konkret zu beten und Gottes Wirken und sein Antworten zu erkennen. Unsere Verbundenheit im Gebet hat uns nicht selten eine Herzensnähe spüren lassen, die uns jedes Mal aufs Neue erfrischt. Nach einem kurzen Impuls beten wir laut oder im Stillen, Fürbitte, segnend, das Wort Gottes bekennend… jeder in seiner Weise. Am Ende richten wir das Gebet noch konkret auf Israel und die dortige Situation. Einmal im Monat leitet uns Hans-Joachim Scholz im Gebet der Versöhnung.
Oft erleben wir, dass wir selbst durch diesen Moment gesegnet und im Glauben gestärkt werden. Und Gott handelt immer wieder aufs Neue – dafür danken wir ihm!
Den Puls der aktuellen Ereignisse vor Gott bringen
Wir möchten mit einem Gedanken von Papst Franziskus (1) schließen: „Vielleicht haben uns die Macht der Gewohnheit und eine gewisse Ritualisierung dazu verleitet zu glauben, dass das Gebet den Menschen und die Geschichte nicht verändert. Und doch verwandelt das Gebet die Wirklichkeit. Es ist aktive Mission, beständige Fürbitte. Es bedeutet nicht Entfernung von der Welt, sondern Veränderung der Welt. Beten heißt, den Puls der aktuellen Ereignisse vor Gott zu bringen, damit sich sein Blick auf die Geschichte weit öffnet.(…) Wenn das Gebet lebendig ist… fordert es uns immer wieder heraus, uns vom Hilferuf der Welt aufrütteln zu lassen.“
Wer an der Teilnahme an einem dieser Gebetsmomente interessiert ist, kann über die Website Kontakt mit uns aufnehmen.
Das internationale Sekretariat von Miteinander für Europa
(1) Predigt in der Chiesa del Gesù in Rom, am 12.März 2022